Gobelinsaal ohne Gobelins

An den Tapisserien in der Villa Reitzenstein nagt der Zahn der Zeit – Sie kommen ins Depot

Seit fast 65 Jahren zieren wertvolle Tapisserien die Villa Reitzenstein in Stuttgart. Jetzt werden die handgewirkten Wandteppiche für immer abgehängt. Zu ihrem Schutz.

Stuttgart Besucher der Villa Reitzen­stein stehen oft staunend vor dem kostbaren Wandschmuck des Gebäudes in der Richard-Wagner-Straße, in dem der baden-württembergische Ministerpräsident seinen Amtssitz hat. Gemeint sind die von französischen und württembergischen Teppichwirkern angefertigten großflächigen Tapisserien. Wer genau hinschaut, erkennt allerdings, dass die Wandgemälde aus Leinen und Baumwolle teils erheblich beschädigt sind. Webschlitze tun sich auf – eine Folge des Eigengewichts, das seit 1954 an den Textilien zerrt. So lange schon hängen die einst für das Alte Schloss und das Schloss in Bruchsal erworbenen Tapisserien als Leihgaben in der Villa Reitzenstein. Für die Fachleute der Staatlichen Schlösser und Gärten (SSG) ist deshalb klar: Die Tapisserien müssen abgenommen und eingerollt werden. Nicht nur vorübergehend, sondern für immer. Die betrübliche Botschaft überbrachten SSG-Geschäftsführer Michael Hörrmann und Oberkonservatorin Patricia Peschel jetzt dem Hausherrn, Ministerpräsident Winfried Kretschmann. „Die Maßnahme ist unabdingbar, denn die Beschädigungen sind irreparabel“, erklärte Hörrmann. Offen ist, wie der künftige Wandschmuck im Regierungssitz aussieht. Eine Option ist es, die Tapisserien in Originalgröße zu reproduzieren. Der Unterschied zum Original wäre nach Meinung der Fachleute kaum zu erkennen.

Entgegen der landläufigen Meinung hängen in der Regierungszentrale übrigens keine „Gobelins“. Diesen Namen dürfen nur die in der ehemals königlichen Manufaktur in der Rue de Gobelins in Paris angefertigten Wirkteppiche tragen. Die Stuttgarter Teppiche stammen aus anderen Manufakturen. Der sogenannte Gobelinsaal der Villa Reitzen­stein müsste folglich Tapisseriensaal heißen. Kretschmann nahm die „liebevolle Verwechslung“ (Hörrmann) erstaunt zur Kenntnis.

Gleichwohl handelt es sich bei den zwischen 1690 und 1725 angefertigt Teppichen um hochwertige Arbeiten. Das Herstellungsprinzip ist dasselbe wie bei den Gobelins: Die Motive werden in eine textile Fläche eingewirkt – vergleichbar einem Gemälde. Das geschieht ausschließlich in Handarbeit. Tapisserien, die im Spätbarock ihre Blütezeit erlebten, zählten deshalb zu den wertvollsten Einrichtungsgegenständen überhaupt. „Die Anfertigung eines Quadratmeters dauerte bis zu vier Monate“, so Hörrmann.

Für Ministerpräsident Kretschmann waren die Teppiche an seinem Amtssitz nach eigenen Worten eine Inspirationsquelle. In den dargestellten Szenen, die eine ideale Welt des Friedens und Wohlstands zeigen, sah er eine Art Regierungsprogramm: „So sieht das Leben der Menschen aus, wenn gut regiert wird.“ Das rief er gelegentlich auch Sitzungsteilnehmern in Erinnerung, die bei Beratungen im „Gobelinsaal“ Ermüdungserscheinungen zeigten.

Die Teppiche werden ihm jedenfalls fehlen. Kretschmann tröstet sich damit, dass sie vor weiteren Beschädigungen geschützt werden: „Wir Menschen werden älter, springen irgendwann in die Kiste und verfaulen. Die Tapisserie wird eingerollt und konserviert. Insofern hat sie’s besser.“

Ein Satz, wie in Stein gemeißelt – oder in Textil gewirkt.

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Erstellt:
14. März 2019, 03:04 Uhr

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