Sven Plöger
„Hitze fordert so viele Opfer wie kein anderes Unwetter“
Was Meteorologe und ARD-Wettermoderator Sven Plöger über die aktuelle Hitze sagt und warum er dringend zum Handeln aufruft.
© IMAGO/Funke Foto Services
Der Realität beziehungsweise der Physik sei es völlig gleichgültig, ob wir sie wahrhaben wollen oder nicht, sagt Sven Plöger. Was er meint, sind der Klimawandel und seine Auswirkungen.
Von Philipp Hedemann
Europa und Deutschland leiden unter einer extremen Hitzewelle. Meteorologe und ARD-Wettermoderator Sven Plöger („Wetter vor acht“, „Das Wetter im Ersten“) erklärt die Phänomene und weiß, was sich dagegen tun lässt.
Herr Plöger, warum ist es so heiß?
Wir haben es gerade mit einer sogenannten Omega-Wetterlage zu tun. Die Luft strömt dabei in der Höhe in der Form eines großen griechischen Omegas um uns herum. Das Hoch liegt dabei direkt über uns. Solche Wetterlagen sind über Tage stabil. So heizt sich die Luft immer weiter auf. Außerdem sinkt die Luft in Hochdruckgebieten großräumig ab. Das führt zu weiterer Erwärmung. Aber eigentlich möchte ich gar nicht über die aktuelle Wetterlage sprechen.
Warum wollen Sie nicht über das Wetter sprechen?
Weil wir über das Klima sprechen müssen. Wir sind mitten im Klimawandel. Die aktuelle Wetterlage, die uns früher vielleicht Temperaturen zwischen 33 und 37 Grad beschert hätte, lässt uns jetzt die 40 Grad-Marke knacken. Was da draußen gerade stattfindet, ist Physik. Manche nennen es auch Realität. Und der Realität beziehungsweise der Physik ist es völlig gleichgültig, ob wir sie wahrhaben wollen oder nicht. Unsere derzeit kaum vorhandene Bereitschaft, längst beschlossene Maßnahmen zur Reduktion von Treibhausgasen, umzusetzen, spielt für die Natur keine Rolle. Physikalische Prozesse geschehen einfach. Fertig, aus! Und wenn wir zukünftigen Generationen eine ersprießliche Zukunft ermöglichen wollen, dann wäre diese Einsicht hilfreich!
Lassen Sie uns noch einmal auf das Wetter zurückkommen, bevor wir über das Klima sprechen. Werden derzeit Temperaturrekorde gebrochen?
Das weiß ich nicht, aber diese Rekordjagd und die Frage, wo in Deutschland es am heißesten werden kann – in Klammern meistens am Rhein und im Südwesten –, ist für mich auch nicht sonderlich interessant. Viel spannender und zugleich erschreckender finde ich, dass wir derzeit flächendeckend unfassbar hohe Temperaturen haben. Im westlichen Frankreich, wo die Hitzewelle ja noch viel extremer ist, haben wir flächendeckend bis nahezu 45 Grad, in Bordeaux war es dieser Tage 44,6 Grad heiß. Ich müsste nachschauen, ob das ein Rekord ist. Aber Rekorde sind mir, wie gesagt, nicht so wichtig. Mir geht es um die verheerenden Auswirkungen auf den Menschen, auf uns..
Was sind die verheerenden Auswirkungen der Hitze?
Hitze ist das gefährlichste Unwetter, das wir kennen. Wir können es nur nicht so spektakulär bebildern wie einen Sturm oder eine Überschwemmung. Wenn man eine Hitzewelle filmt oder fotografiert, sieht man schönes Wetter – und keiner sieht die Gefahr. Die Dramatik ist nicht erkennbar.
Was macht die Hitze so gefährlich?
Unser Stoffwechsel geschieht über Proteine, und die verklumpen ab einer gewissen Temperatur. Dann führen Hitzschlag und Kreislaufkollaps dazu, dass das Gehirn „abschalten“ und es zu dauerhaften Organ- und Nervenschäden oder schlimmstenfalls zum Tod kommen kann. Kein Unwetter fordert so viele Opfer und Tote wie Hitze.
Rechnen Sie in diesem Sommer mit weiteren Hitzewellen in Deutschland?
Eine neue Studie zeigt, dass zwischen den 60er Jahren und heute, die jährliche Zahl der sehr heißen Tage, also der Tage mit 35 Grad und mehr, sich in Deutschland im Mittel um das 20-fache erhöht. Um das 20-fache! Europa ist der Kontinent, der sich derzeit am stärksten erwärmt. In Deutschland hat sich die durchschnittliche Temperatur seit 1881 um 2,5 Grad erwärmt. Und der Trend geht weiter. Deswegen ist es wahrscheinlich, dass es zu immer mehr, immer extremeren und immer lang anhaltenderen Hitzewellen kommen wird. Dass gerade ein El Niño, also eine Warmwasseranomalie im Pazifik, anrollt, die zu weltweit erhöhten Temperaturen führen kann, erhöht die Wahrscheinlichkeit zusätzlich.
Also rechnen Sie mit weiteren Hitzewellen in diesem Sommer in Deutschland?
Das kann ich nicht sagen. Wetterprognosen können wir gut für drei bis sechs Tage geben, einen Temperaturtrend für knapp zwei Wochen. Es könnte also auch in diesem Sommer noch zu Wetterlagen kommen, in denen kalte Luft zu uns strömt, so wie wir das Anfang Mai und Anfang Juni erlebt haben und viele Menschen in Deutschland – hoffentlich nicht ernst gemeint – gefragt haben: Wo ist der Klimawandel, wenn man ihn mal braucht?
Sie legen sich also fest: Die Hitzewelle ist nicht mehr Wetter, das ist schon Klimawandel?
Ja, auch wenn dann natürlich Leute sagen: „Aber früher war es doch auch mal heiß.“ Das stimmt natürlich. Die Älteren erinnern sich vielleicht an die Hitzewellen von 1947 und 1976, die Jüngeren an die Hitze in den Jahren 2003 und 2018. Aber die nicht manipulierbaren Daten zeigen ganz deutlich: Die Hitzewellen treten häufiger auf und werden extremer. Das ist kein Zufall, sondern Physik.
Können Sie das kurz für diejenigen erklären, deren Lieblingsfach nicht Physik war?
Gerne! Der menschengemachte Klimawandel führt dazu, dass auf jeden Quadratmeter unseres Planeten 3,3 Watt zusätzlich einwirken. Multipliziert mit der Oberfläche der Erde macht das 1,7 Billiarden Watt. Diese ungeheure Energiemenge hat Auswirkungen auf unserer Klima und macht Hitzewellen wahrscheinlicher.
Wird 2026 so heiß wie kein Jahr zuvor?
Da wir fast jedes Jahr einen Anstieg der durchschnittlichen Temperaturen erleben, ist die Wahrscheinlichkeit dafür sehr, sehr hoch. Auch wenn es brutal klingt: Der Juni 2026 wird im Rückblick wahrscheinlich einer der kühlsten Juni-Monate dieses Jahrhunderts gewesen sein, die junge Menschen in der Zukunft erleben werden.
Viele Menschen haben Urlaub am Mittelmeer gebucht. Müssen Sie dort mit noch extremerer Hitze rechnen?
Momentan ist es am Mittelmeer kühler als bei uns, aber natürlich muss man im Sommer im Mittelmeerraum mit extremer Hitze rechnen. Das sollte man bei seiner Planung immer beachten. Zudem haben wir derzeit im Mittelmeer hohe Wassertemperaturen, die jenseits von Gut und Böse sind. Im Mittelmeer brennt eine Art „maritimes Feuer“.
Also nächstes Jahr lieber nach Norwegen in den Urlaub fahren?
Der Norden wird für viele Touristen attraktiver, weil die Temperaturen dort zwar steigen, man aber nicht mit unfassbarer Hitze rechnen muss. Aber mit dieser Idee ist man wahrscheinlich nicht alleine. Deshalb wird Norwegen schon jetzt beispielsweise von Campern überschwemmt.
Vor sieben Jahren sagte Klima-Aktivistin Greta Thunberg auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos zu Politikern und Wirtschaftsvertretern: „I want you to panic.“ Ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, um in Panik auszubrechen?
Nein. In Panik auszubrechen, ist immer falsch. Ich bin kein Klimahysteriker. Wir müssen nicht panisch, sondern klüger werden. Wir müssen Physik und die Realität verstehen. Wir müssen lernen, den Unfug, den Klimaforschungsleugner, Fossil-Lobbyisten und Realitätsverweigerer immer wieder in die Welt einstreuen, qua Wissen klar zurückzuweisen. Denn trotz aller Bekenntnisse, die Emission deutlich zurückzufahren, steigen die weltweiten Emissionen immer weiter an.
Welche Folgen hat das?
Mit dem jetzigen Emissionsausstoß werden wir vermutlich einen Temperaturanstieg von 2,7 oder sogar 2,8 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit erreichen. Wenn man in einem warmen Raum die Heizung höher dreht, wird es schlicht wärmer, nicht kälter. Dabei hatten wir uns auf der Weltklimakonferenz in Paris im Jahr 2015 vorgenommen, 1,5 Grad nicht zu überschreiten. Das 1,5 Grad Ziel haben wir weltweit erstmals 2024 gerissen. Dabei könnten wir immerhin auf einem 2,1 Grad-Kurs sein, wenn wir all die Stellschrauben nutzen würden, auf die wir uns auf den Klima-Konferenzen verständigt haben. Jedes Zehntel Grad bringt enorm viel, da die Folgen der Klimaerwärmung sich nicht linear, sondern exponentiell auswirken. Die Analyse ist einfach: ohne die Reduktion der Emissionen geht’s leider nicht.
Die Politik macht sich derzeit eher Sorgen um die Wirtschaft, als um das Klima.
Man darf Klimaschutz und Wirtschaftsförderung nicht gegeneinander ausspielen. Ich will auch unbedingt, dass unsere Wirtschaft wieder auf die Beine kommt. Aber unsere Wirtschaft muss nachhaltiger werden. Wenn wir rückwärtsgewandt und realitätsverweigernd mit dem Fuß aufstampfen und sagen, es muss alles wieder so wie in den 80ern werden, wird das nichts. Wenn man nach vorne will, kann man nicht nach hinten gucken, sonst baut man einen Unfall.
Der Klimaexperte
Vita Sven Plöger (59) war schon als Kind fasziniert vom Himmel, den Wolken, der Fliegerei und später der Physik. Der gebürtige Bonner ist studierter Diplom-Meteorologe.
Wirken Seit über 25 Jahren steht er vor der Kamera und moderiert das Wetter in der ARD. Außerdem ist er Buchautor und Vortragsredner und hat zahlreiche Dokumentation über Wetter und Klima gedreht. In seiner Freizeit wandert er gerne in den Bergen oder genießt sie als Gleitschirmflieger.
