Kein Fall für das Abstellgleis

Ältere Beschäftigte werden gebraucht. Ohne ihr Zutun laufen die Bestrebungen bei der Rente ins Leere.

Von Matthias Schiermeyer

Stuttgart - Was auch immer die Rentenkommission am Dienstag der Bundesregierung vorlegen wird – ohne Elemente zur Verlängerung der Lebensarbeitszeit ist ihr Bericht nicht denkbar. Diese ist ihr Kernauftrag. Die zentrale Frage lautet: Wenn die Menschen immer älter werden und immer länger Rente beziehen, während zugleich die Zahl der Ruheständler wächst und die der Beitragszahler schrumpft – wie viel länger müssen die Beschäftigten dann in die Rentenkasse einzahlen, um das System vor dem Kollaps zu bewahren?

Doch die Arbeitswelt besteht nicht nur aus mathematischen Gleichungen. „Entscheidend ist aufm Platz“, lautet eine alte Fußballerweisheit. In der Praxis muss es das Ziel der Politik sein, dass die Menschen nicht nur nominal, sondern real länger im Berufsleben stehen. Kann die Kommission diesen Anspruch auch erfüllen? Eher nicht.

Zunächst kommt bis 2031 die Rente mit 67; allein dadurch ist die Erwerbstätigenquote Älterer gestiegen. Im Durchschnitt gehen die Beschäftigten heute mit knapp unter 65 Jahren in Altersrente. Ein Gutteil nutzt den abschlagsfreien Zugang – steigt aus, weil er es kann. Genug geschafft. Viele lassen sich selbst von Abschlägen nicht schrecken. Entweder sie sehen sich gesundheitlich nicht mehr fähig, bis zur Regelgrenze durchzuhalten – oder sie streichen frustriert die Segel, obwohl sie noch arbeitsfähig sind. Beweggründe gibt es zuhauf: körperliche Anstrengung, ungeeignete Vorgesetzte oder technische Überforderung. Es wäre vorrangig eine Aufgabe für die Unternehmen, Arbeitsfähigkeit und Motivation aufrecht zu erhalten.

Weitsichtige Personalführungen pflegen ihre Beschäftigten als das wichtigste Kapital, was sie haben. Doch vielfach sind die Älteren vor allem ein Kostenfaktor, dessen man sich eher früher als später entledigt. Somit gehört es zu den eklatanten Widersprüchen in der Wirtschaft, dass die Arbeitgeberverbände gebetsmühlenartig eine Anhebung des Rentenzugangs und eine Beseitigung der Frühverrentung fordern. Sie argumentieren mit dem Arbeitskräftemangel, tatsächlich aber besorgt sie die Gefahr erhöhter Sozialversicherungsbeiträge. Denn gleichzeitig tun die (Mitglieds-)Unternehmen viel dafür, gerade höhere Altersjahrgänge mit mehr oder weniger Druck loszuwerden – in der Krise erst recht. Rendite first! Auch wenn sich Betroffene mit Abfindung oder Altersteilzeit aufs Abstellgleis schieben lassen, gehören sie dort nicht hin.

Die Arbeitsmarktstatistik zeigt glasklar: Stehen sie erst einmal auf der Straße, haben Menschen ab Mitte 50 deutlich schlechtere Chancen, aus der Arbeitslosigkeit herauszukommen. Jeder kennt Berichte von Betroffenen, die vergeblich unzählige Bewerbungen geschrieben haben, weil sie von den Arbeitgebern bei Stellenbesetzungen frühzeitig aussortiert werden. Ob Altersdiskriminierung oder nicht – diese Klientel sieht sich immer wieder mit den Vorurteilen konfrontiert, zu teuer, zu schwer integrierbar und weniger leistungsfähig zu sein. Digitalisierung? Können angeblich nur die Jungen.

Es gehört viel dazu, wenn selbst die Bundesagentur für Arbeit eindringlich appelliert, älteren Beschäftigten eine Chance zu geben. Gehör findet sie kaum. In der Folge wächst die Arbeitslosigkeit bei Älteren – was im krassen Gegensatz zu den Bestrebungen der Politik steht, auch mit dieser Gruppe die größer werdende Fachkräftelücke zu füllen.

Ältere Beschäftigte werden gebraucht. Sonst laufen auch die Bestrebungen zum Steuerbonus namens Aktivrente ins Leere, von dem man sich ohnehin nicht so viel erwarten darf. Es braucht jetzt endlich einen Gesinnungswandel, der zu den politischen Ansprüchen passt. Den kann selbst ein noch so weitsichtig erdachtes Konzept der Rentenkommission nicht herbeizaubern.

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Erstellt:
19. Juni 2026, 22:10 Uhr
Aktualisiert:
19. Juni 2026, 23:10 Uhr

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