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Nordosttunnel: Viel Buh, viel Bravo

Tiefergelegt durchs Schmidener Feld, ist das die Lösung? Stimmen zum Vorschlag von Dr. Rüdiger Stihl

Nordostring, Tunneleinfahrt: Visualisierung in der Broschüre „Landschaftsmodell Nordostring“.

Nordostring, Tunneleinfahrt: Visualisierung in der Broschüre „Landschaftsmodell Nordostring“.

Von Peter Schwarz

WAIBLINGEN. Der Nordostring als Tunnel, vierspurig von Waiblingen bis Kornwestheim, unterm Neckar durch – mit diesem spektakulären Vorschlag hat Dr. Rüdiger Stihl eine Uralt-Debatte ordentlich neu geölt. Charmant: Eine unterirdische Straße würde das ökologisch wertvolle Schmidener Feld nicht zerstören. Uncharmant: Dabei würden nicht nur elf Kilometer Straße, sondern wohl an die 1,2 Milliarden Euro versenkt. Am Dienstag präsentierte Stihl sein Konzept – am Mittwoch um 8.49 Uhr mailte der grüne Verkehrsexperte Matthias Gastel aus Stuttgart bereits sein fundamentales Widerwort: „Sanierung und Ausbau vorhandener Straßen“ sei in Ordnung, monumentale Neubauten „passen nicht mehr in die heutige Zeit – weder ober- noch unterirdisch“. Nachmittags legte der grüne Landtagsabgeordnete Willi Halder, Winnenden, nach: „Im wahrsten Sinne des Wortes eine unterirdische Idee.“ Die Umsetzung würde Unsummen verschlingen und „über viele Jahre“ die Straßenbauverwaltung binden. „All diese Ressourcen fehlen dann klar an anderer Stelle.“ Es sei ein alter Hut, dass „mehr Straßen immer mehr Verkehr anziehen. Die Mobilität muss aus Klimaschutzgründen neu gedacht werden, mit mehr ÖPNV und weniger Kfz-Anteilen im Gesamtverkehrsaufkommen.“

Wir ahnten es: Grün dagegen, Pfeiffer, Hesky, Paal dafür

So weit die erwartbaren Donnerworte dagegen. Andere sind sanfter: Tunnelring? Apart, sagen sie; aber unrealistisch. Sogar manche Ringbefürworter witzeln hinter vorgehaltener Hand resigniert: Der Nordostring sei das „toteste Pferd“, das je gesattelt wurde – der Kadaver lasse sich auch nicht zum Galoppieren bringen, wenn man ihn unter die Erde zu scheuchen versuche. Führt dieser Tunnel also gar nicht nach Kornwest-, sondern nach Wolkenkuckucksheim? Man kann es auch anders sehen. „Kein einziges Projekt in der ganzen Republik hat einen solch hohen Kosten-Nutzen-Faktor“ wie der Nordostring, sagt der Bundestagsabgeordnete Joachim Pfeiffer, CDU. Und wenn das Ding nun unterirdisch 1,2 Milliarden schlucken sollte, statt 209 Millionen in der oberirdischen Variante? „Es könnte das Zehnfache kosten wie ursprünglich veranschlagt und wäre immer noch volkswirtschaftlich sinnvoll!“ Beim Bund sei „genug Geld vorhanden, um auch solche Vorhaben zügig anzugehen“, es gebe derzeit in Baden-Württemberg kein einziges Bundesstraßenprojekt, „das an der Finanzierung scheitert“.

Dabei sind sich die Anwohnerkommunen noch nicht mal einig, ob sie den Ring überhaupt wollen?! In Remseck und Waiblingen gibt es zwar Mehrheiten dafür, Kornwestheim und Stuttgart aber sind dagegen – von Fellbach ganz zu schweigen: Dort, so frotzeln manche mit nachtschwarzem Humor, dürfe man eher den Holocaust leugnen, als sich offen zum Nordostring zu bekennen. Bevor man sich zum Tunnelkonzept äußere, müsse erst „analysiert werden, auf welcher Datenbasis die Studie erstellt wurde“ und welche Auswirkungen die neue Verkehrsführung für die Landschaft und das bestehende Straßennetz habe: So lautet die schriftliche Stellungnahme aus dem Fellbacher Rathaus.

Aber könnte die Tunnelidee, die das Schmidener Feld einigermaßen heil lässt, die Fronten nicht doch aufbrechen? Der Waiblinger Oberbürgermeister Andreas Hesky hofft das: Wenn es gelinge, „alle an der Strecke liegenden Kommunen“ auf eine „gemeinsame Haltung“ einzuschwören, seien auch 1,2 Milliarden kein K.-o.-Kriterium. Rüdiger Stihls Vorstoß sei „bravourös“, diese Straße „wichtig und notwendig“. IHK-Präsident Claus Paal sieht das ähnlich: Er rate „allen, nicht sofort wieder die Bäume zu besteigen“, sondern sich auf den Dialog einzulassen. Und Joseph Michl, Frontmann der Ringgegner-Initiative Arge Nordost? Er glaubt zwar weiterhin, dass der Ring noch mehr Fernverkehr „in ein sowieso schon überlastetes Straßennetz“ locken würde. Den Stihl-Vorstoß sieht er dennoch „sehr positiv. Erstmalig wird auch von Industrieseite bestätigt, welchen überragenden Wert die Landschaft hat“. Selbst wenn der Tunnel sich eines Tages als politisch mehrheitsfähig und bezahlbar entpuppen sollte – bis er geplant und gebaut wäre, würde es wohl 2040; plus x.

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Erstellt:
29. Januar 2020, 16:00 Uhr

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