Karte: Neuer Speedrekord
US-Trailrunner erklimmt Mount Everest in 10 Stunden
US-Trailrunner Tyler Andrews schafft den Aufstieg vom Everest-Basislager zum Gipfel in einer Rekordzeit. Aber sind Zeiten an extremen Bergen überhaupt vergleichbar?
© @Tyler Andrews/Instagram
Dem US-Extremsportler Tyler Andrews gelingt Everest-Speedrekord mit Flaschensauerstoff.
Von Markus Brauer/dpa
Wieder hat es am Mount Everest einen Rekordversuch gegeben. Der US-Trailrunner Tyler Andrews hat nach Angaben der Internet-Fachseite ExplorersWeb den Weg vom Basislager zum Gipfel auf rund 8848 Metern über dem Meeresspiegel in weniger als zehn Stunden absolviert. Er habe damit den bisherigen Rekord von Lakpa Gelu Sherpa von 2003 um eine gute Stunde unterboten, heißt es.
Rekord mit zusätzlichem Sauerstoff
Die Leistung sorgt in der Bergsteiger-Szene für Aufmerksamkeit, wirft aber auch die Frage nach der Vergleichbarkeit solcher Bestzeiten auf. „Natürlich ist es eine sehr beeindruckende Leistung, den Everest – auch mit Flaschensauerstoff – in dieser Zeit vom Basislager bis zum Gipfel zu besteigen“, erklärt Billi Bierling, Leiterin des Archivs Himalayan Database.
„Die meisten Menschen benötigen dafür allein vom Lager 4 auf 7950 Metern bis zum Gipfel ähnlich lange.“ Einen Geschwindigkeitsrekord am Berg unter Verwendung von Flaschensauerstoff könne man aber nicht mit einem Rekord in einem Stadion vergleichen.
Viele Faktoren beeinflussen die Leistung
Sowohl die Höhe, ab der man Sauerstoff benutze, als auch die Durchflussrate machten einen großen Unterschied. „Zudem denke ich, dass man als Athlet einen solchen Rekord ohne Flaschensauerstoff bestreiten sollte“, ergänzt Bierling, die selbst einige Achttausender ohne Flaschensauerstoff bestiegen hat. Die gefühlte Höhe reduziere sich mit dem Sauerstoff stark, so dass Flaschensauerstoff ein leistungsförderndes Mittel sei.
Eine Besteigung des Mount Everest ohne diesen zusätzlichen Sauerstoff sei eine der größten Herausforderungen, die nur wenigen Menschen gelinge. Auch Andrews hatte das nach eigenen Angaben mehrfach versucht, aber jedes Mal abbrechen müssen.
„Als Sportler an meine eigenen Grenzen gehen“
„Mich hat es immer motiviert, als Sportler an meine eigenen Grenzen zu gehen, und der Aufstieg zum Gipfel in 9.55 Stunden – und der Rückweg in 16.32 Stunden – ist eine der härtesten Sachen, die ich je gemacht habe“, zitiert ExplorersWeb den Extremsportler nach der Rückkehr.
Das Archiv Himalayan Database dokumentiert seit den 1960er Jahren möglichst alle Himalaya-Expeditionen in Nepal. Bierling betont, sie habe selbst noch nicht mit Andrews gesprochen. Nach den Angaben auf ExplorersWeb habe er schon ab Lager 2 auf 6400 Metern Flaschensauerstoff mit einer Flow Rate von vier Litern pro Minute benutzt.
Lhakpa Gelu, der knapp elf Stunden brauchte, habe erst ab Lager 4 Flaschensauerstoff benutzt. Die Flow Rate sei nicht bekannt, da die Himalayan Database sie nicht erfasse, aber damals seien zwei oder höchstens drei Liter pro Minute üblich gewesen.
Route verändert sich jedes Jahr
Zudem verändert sich die Route am Berg jedes Jahr. Erfahrene Expeditionsleiter und Bergsteiger hätten ihr berichtet, dass besonders der Khumbu Eisbruch in diesem Jahr sehr „schnell“ sei. Im Vergleich zu anderen Jahren habe es demnach deutlich weniger Leitern gegeben, und die Route soll sehr direkt gewesen sein.
Am Everest, an dem sich in der Hauptsaison Menschenschlangen zum Gipfel schieben, sei nun schon Ende der Saison. Andrews könnte weitgehend allein gewesen sein, also nicht blockiert von anderen Bergsteigern. „Am 20. Mai war das anders. Da waren 274 Menschen unterwegs und es gab an der Hillary Step wohl Wartezeiten bis zu drei Stunden.“
Bierling hebt zudem eine andere Höchstleistung des Jahres hervor: „Das beeindruckendste, was ich dieses Jahr am Everest gesehen habe, war Bartek Ziemskis Skiabfahrten vom Lhotse und vom Everest, die er jeweils alleine und ohne Flaschensauerstoff bestiegen hat.“
