Homos unter sich

Waren Neandertaler wirklich so anders als wir?

Neue Fossilienfunde zeigen: Die frühkindliche Entwicklung verlief beim Neandertaler erstaunlich ähnlich wie beim modernen Menschen.

Neandertaler und moderne Menschen waren sich einer neuen Studie zufolge in ihrer frühesten Entwicklung deutlich ähnlicher als bislang oft angenommen.

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Neandertaler und moderne Menschen waren sich einer neuen Studie zufolge in ihrer frühesten Entwicklung deutlich ähnlicher als bislang oft angenommen.

Von Markus Brauer

Waren Neandertaler von Anfang an grundlegend anders als wir modernen Menschen? Diese Frage beschäftigt die Forschung seit Jahrzehnten.

Deutlich ähnlicher als bisher angenommen

Eine neue Studie zu außergewöhnlich seltenen Überresten von Neandertaler-Säuglingen aus der Sesselfelsgrotte in Niederbayern, an der auch Forscher der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) beteiligt waren, liefert nun wichtige neue Hinweise.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich Neandertaler und moderne Menschen in ihrer frühesten Entwicklung deutlich ähnlicher waren als bislang oft angenommen.

Erwachsene Neandertaler hatten einen deutlich anderen Körperbau als moderne Menschen, doch es gibt auch überraschende Gemeinsamkeiten. „Unsere Ergebnisse sprechen dafür, dass beide Menschenformen zumindest während der späten Schwangerschaft bemerkenswert ähnliche Wachstumsprozesse durchliefen“, erklärt Thorsten Uthmeier, Inhaber des Lehrstuhls für Ur- und Frühgeschichte an der FAU.

Die Studie ist im Fachjournal „Royal Society Open Science“ erschienen.

Neanderthal infant remains from 50,000–75,000 years ago point to early growth broadly like modern humans, even as some long bones appear more advanced than a typical human baby's. @uq_news@RSocPublishinghttps://t.co/9mVGjv1l35 — Phys.org (@physorg_com) June 18, 2026

Diese neuen Erkenntnisse liefern weitere Hinweise für die anhaltende Debatte. „Wir wissen über genetische Analysen, dass Neandertaler und moderne Menschen eng miteinander verwandt waren. Trotzdem gibt es eine intensive Diskussion darüber, ob die genetische Verwandtschaft ausreicht, um Neandertaler als Unterart derselben Art zuzurechnen, der auch wir angehören, also dem Homo sapiens.“

Drei junge Neandertaler untersucht

Die Forscher untersuchten mithilfe hochauflösender Mikro-Computertomographie (Mikro-CT) die Fossilien von drei jungen Neandertalern, die vor etwa 75.000 bis 50.000 Jahren lebten – Knochenfragmente eines Neandertaler-Fötus sowie Milchzähne zweier Kinder.

Die neuen Analysen des um die Geburt herum verstorbenen Fötus sprechen dafür, dass die Entwicklung des Skeletts vor der Geburt weitgehend den Mustern entspricht, die auch bei heutigen Menschen zu beobachten sind.

Überraschend ähnliche Entwicklung vor der Geburt

Die Mikro-CT-Untersuchungen zeigen, dass die Knochen des Fötus typische Merkmale eines schnellen Wachstums im letzten Schwangerschaftsdrittel aufweisen. Insgesamt ergibt sich damit ein Bild, das dem vorgeburtlichen Entwicklungsverlauf moderner Menschen bemerkenswert ähnelt.

Zwar fanden die Wissenschaftler in einigen Knochen auch Hinweise auf gegenüber den modernen Menschen leicht fortgeschrittenere Wachstumsprozesse. Diese Unterschiede ändern jedoch nichts an der zentralen Erkenntnis der Studie: Neandertaler scheinen in den frühesten Phasen ihrer Entwicklung keinem grundsätzlich anderen biologischen Programm gefolgt zu sein als Homo sapiens.

Zähne liefern Einblicke in die frühe Kindheit

Zusätzliche Hinweise auf das Leben junger Neandertaler lieferten die beiden untersuchten Milchzähne. In ihnen entdeckte das Forscherteam Mineralisierungsstörungen, die auf physiologische Belastungen bereits vor oder kurz nach der Geburt hindeuten. Solche Veränderungen werden unter anderem mit Vitamin-D- oder Kalziummangel in Verbindung gebracht, ihre genaue Ursache lässt sich jedoch nicht mehr bestimmen.

Sollte sich die Interpretation bestätigen, könnten die Funde aus der Sesselfelsgrotte zu den ältesten bekannten Nachweisen solcher frühen Entwicklungsstörungen bei Neandertalern gehören.

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Erstellt:
20. Juni 2026, 14:32 Uhr

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