Buchzensur in den USA

Warum die katholische Kirche seit 60 Jahren keine Bücher mehr verbietet

In den USA wurden 2025 Tausende Bücher aus Schulen und Bibliotheken entfernt. Dabei ist eine Kontrolle des Wissens in Zeiten von Internet und Digitalisierung kaum möglich. Der Vatikan hat schon vor 60 Jahren reagiert und den Index verbotener Bücher eingestampft.

Bücherverbrennungen? Bücherverbote? Sind das nicht Begriffe aus alten, dunklen Zeiten?

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Bücherverbrennungen? Bücherverbote? Sind das nicht Begriffe aus alten, dunklen Zeiten?

Von Christoph Arens (KNA)/Markus Brauer

„Ein Buch ist eine geladene Waffe, die im Haus nebenan herumliegt.“ Das Zitat stammt aus dem dystopischen Roman „Fahrenheit 451“ des amerikanischen Science-Fiction-Autors Ray Bradbury, der im Jahr 1953 erschien.

„Fahrenheit 451“ spielt in einem totalitären Staat, in dem es als schweres Verbrechen gilt, Bücher zu besitzen oder zu lesen. Bücher gelten als Hauptgrund für nicht systemkonformes Denken und Handeln. Die Gesellschaft wird vom politischen System abhängig, anonym und unmündig gehalten.

Die Bücher aufzuspüren und zu vernichten ist Aufgabe der Feuerwehr. Die Bücher werden an Ort und Stelle verbrannt. Auf den Helmen und Uniformen der Feuerwehr steht die Zahl 451, jene (von Bradbury angenommene) Fahrenheit-Temperatur, bei der Papier Feuer fängt und Bücher sich entzünden.

Relikt aus längst vergangenen Zeiten?

Bücherverbrennungen? Bücherverbote? Sind das nicht Begriffe aus alten, dunklen Zeiten? Glaubt man allerdings der amerikanischen Schriftstellervereinigung PEN, dann hat die Verbannung von Büchern aus Schulen und öffentlichen Bibliotheken in den USA in den vergangenen Jahren ein extremes Ausmaß angenommen.

Seit 2021 zählte der PEN etwa 23.000 Versuche von Organisationen wie der ultra-konservativen Heritage Foundation, Bücher aus Bibliotheken zu entfernen oder den Zugriff auf sie einzuschränken – vor allem in Florida, Texas und Tennessee. Die Liste der in Giftschränke verbannten Bücher umfasst mittlerweile mehr als viertausend Werke.

Besonders betroffen: Publikationen, die sich mit Rassismus, Sklaverei, LGBTQI+ oder sozialer Gerechtigkeit befassen. Darunter auch Alice Walkers „Die Farbe Lila“, J.K. Rowlings „Harry Potter“, Stephen Kings Thriller „Carrie“ oder A.A. Milnes „Pu der Bär“. Selbst die Bibel ist „wegen anstößiger und gewaltvoller Inhalte“ teilweise erst Schülern der Oberstufe zugänglich.

Die katholische Kirche und der „Index der verbotenen Bücher“

Katholiken fühlen sich da gleich an den „Index librorum prohibitorum“ – den „Index der verbotenen Bücher“ erinnert, mit dem ihre Kirche seit dem Jahr 1559 über 400 Jahre lang eine systematische Kontrolle über das Wissen und den explodierenden Büchermarkt auszuüben versuchte.   Vor 60 Jahren, am 14. Juni 1966, setzte Papst Paul VI. die kirchliche Buchzensur dann offiziell außer Kraft.

Der Abenteuer-Schriftsteller Karl May fiel ebenso in den katholischen Bücher-Bann wie der Aufklärungsphilosoph Immanuel Kant. Der Astronom Galileo Galilei stand genau so unter Zensur wie der französische Existentialist Jean-Paul Sartre oder der Nazi-Ideologe Alfred Rosenberg.

 Selbst Päpste und Kirchenväter oder antike Schriften von Aristoteles und Platon ließen den Zensoren im Vatikan keine Ruhe.   Seit 1564 wurde der Index regelmäßig aktualisiert. Wer als Katholik die gebrandmarkten Bücher las, beging eine schwere Sünde. Bei manchen dieser indizierten Bücher war als kirchliche Strafe die Exkommunikation vorgesehen.

Im Jahr 1571 wurde dafür die Congregatio indicis librorum prohibitorum gegründet. Verboten waren alle ketzerischen, abergläubischen und obszönen Bücher, sowie alle nicht ausdrücklich approbierten Ausgaben und Übersetzungen der Bibel.

Bücherzenzur war in der Geschichte weit verbreitet

 Dabei war die Bücherzensur kein Alleinstellungsmerkmal des Vatikans oder der Kirche: Schon im späten Mittelalter setzten Klöster und Universitäten, aber auch Kaiser und Könige Bücher unter Bann. Schon in der Antike wurden Bücher verbrannt.

 Als Papst Pius V. im Jahr 1559 den „Index librorum prohibitorum“ veröffentlichen ließ, zentralisierte er nur eine weit verbreitete Praxis. Zuvor hatte Papst Paul III. 1542 sechs Kardinäle zu General-Inquisitoren ernannt und mit der Zensuraufsicht beauftragt. Ihr wichtigstes Ziel: die Verbreitung der protestantischen Lehre einzudämmen.

Der bei Kritikern als „Lexikon der geistigen Gängelei“ verschriene Index erwies sich für die Forschung als Fundgrube über die geistigen Auseinandersetzungen der vergangenen Jahrhunderte. Es war Papst Johannes Paul II., der 1998 den Großteil der Index-Archive für die Forschung freigab.

Dem Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf allerdings hatte der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, Joseph Ratzinger, schon im Jahr 1992 erlaubt, Licht ins Dunkel der geheimnisumwitterten Archive zu bringen.

 Nicht nur die Listen verbotener Bücher finden sich in den Akten, auch die vielfach kontroversen Diskussionen der verantwortlichen Kardinäle und Kleriker sind dokumentiert.

„Geschichte des Versagens der katholischen Kirche“

 „Natürlich ist das eine Geschichte des Versagens der katholischen Kirche“, bilanziert Wolf die kirchliche Buchzensur. Doch die Index-Kongregation sei keineswegs die „seelenlose und gleichgeschaltete Verdammungsmaschinerie“ gewesen, wie sie von den Kritikern oft beschrieben wurde. Und keineswegs sei jedes Buch, das in Rom denunziert wurde, auch auf dem Index gelandet.

Wolf hat viele Episoden ausgegraben, die aus heutiger Sicht mitunter zum Schmunzeln anregen: So seien bis ins 19. Jahrhundert deutsche oder englische Autoren vielfach ohne Prüfung auf dem Index gelandet, weil es in Rom einfach niemanden gegeben habe, der „diese barbarischen Sprachen“ verstanden habe.   Im 16. und 17. Jahrhundert wurden Werke protestantischer Autoren einfach als Paket unter die verbotenen Bücher eingereiht.

Index „voller unzähliger und schlimmster Irrtümer“

.Der Ordnungssinn deutscher Theologen war es dann, der um das Jahr 1900 eine tiefgreifende Reform des Index durchsetzte. Der Zensor und Redemptorist Michael Haringer erklärte, der Index sei „voller unzähliger und schlimmster Irrtümer“. Er solle deshalb nur noch für Glaubensfragen zuständig sein. Das kirchliche Lehramt habe sich aus profanen Wissensbereichen zurückzuziehen.

 Selbst unter vielen romtreuen Katholiken galt der Index zuletzt als „alter Zopf“, der abgeschnitten werden musste. Allerdings dauerte das noch bis zum Jahr 1966. Die letzte Ausgabe erschien 1948 mit mehr als 5000 Buchtiteln. Papst Johannes XXIII. (1958-1963) lehnte jede weitere Indizierung von Büchern ab.

Der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Alfredo Ottaviani, erklärte, angesichts der Massen von Büchern, die täglich auf den Markt kämen, sei eine Überwachung unmöglich. Der katholische Anspruch auf ein Wissensmonopol wurde endgültig ad acta gelegt.

„Index librorum prohibitorum“

Philosophie & Wissenschaft Lange Zeit gab es eine ganze Reihe von Büchern, die Katholiken nicht lesen durften – bis vor 60 Jahren. Am 9. April 1966 wurde durch ein Interview zufällig bekannt, dass der Index der verbotenen Bücher nicht mehr in Kraft sei. Hier ist eine Übersicht bekannter Autoren und Werke, die zeitweise auf dem Index standen:

• René Descartes (Meditationes de prima philosophia)

• Immanuel Kant (Kritik der reinen Vernunft)

• Galileo Galilei (Dialog über die beiden hauptsächlichen Weltsysteme)

• Sigmund Freud (Diverse psychoanalytische Schriften)

• Niccolò Machiavelli (Il Principe / Der Fürst)

Literatur & Belletristik

• Victor Hugo (Der Glöckner von Notre-Dame, Die Elenden)

• Heinrich Heine (Deutschland. Ein Wintermärchen)

• Voltaire (Candide und weitere Werke)

• Honoré de Balzac (Das Chagrinleder und andere Romane)

Jean-Paul Sartre (Gesamtwerk)

Theologie & Religion

• Martin Luther (Sämtliche theologische Schriften und seine Bibelübersetzung)

• Johannes Calvin (Sämtliche Schriften)

• Erasmus von Rotterdam (Zahlreiche seiner Schriften)

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Erstellt:
15. Juni 2026, 13:30 Uhr

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