Kindererziehung

Warum Eltern-Ratgeber oft ratloser machen

Es existieren massenweise Bücher, Blogs und Podcasts zum Thema Erziehung. Das Problem: Erziehung ist kein Wunschkonzert. Und: Eltern werden immer verwirrter.

Jeder hat eine Meinung und ungefähr 400 Bücher zum Thema, wie man Kinder „richtig“ erzieht.

© Fernando Gutierrez-Juarez/dpa

Jeder hat eine Meinung und ungefähr 400 Bücher zum Thema, wie man Kinder „richtig“ erzieht.

Von Sandra Markert

Wenn die Spülmaschine eine Fehlermeldung anzeigt, gibt es eine Gebrauchsanweisung, die einem sagt, was zu tun ist. Was aber, wenn ein Baby ständig schreit? Sich das Kleinkind zornend im Supermarkt auf den Boden wirft? Der Teenager die eigenen Eltern beklaut? Dann stehen diese erst einmal ziemlich ratlos da. Denn für den richtigen Umgang mit einem Kind wird keine Bedienungsanleitung mitgeliefert, die einem Problem (Fehler E 92) eine klare Lösung (verstopftes Sieb reinigen) zuordnet.

Und genau in diese Marktlücke stoßen Jahr um Jahr Dutzende Autoren von Erziehungsratgebern vor. Rund 10.000 verschiedene Titel gibt es schätzungsweise allein im deutschsprachigen Raum. Wer es lieber digital mag, informiert sich über Blogs, Apps oder Podcasts, tritt Eltern-Foren bei oder befragt einen KI-Chatbot.

„Bleiben Sie ruhig!“

Der Vorschlag von letzterem auf das Problem mit dem zornenden Supermarkt-Kind: „Bleiben Sie ruhig, reagieren Sie nicht mit Schreien oder Wut. Versuchen Sie das Kind abzulenken, bieten Sie Nähe, indem Sie sich auf Augenhöhe begeben – oder falls nötig, verlassen Sie den Laden.“ Diese Tipps klingen alle nicht schlecht. Aber, ganz ehrlich Eltern: Wärt Ihr da nicht auch von ganz allein drauf gekommen?

Schon wenn Eltern ihren Säugling zum ersten Mal in den Arm nehmen, halten sie diesen intuitiv in genau der Entfernung, in dem Neugeborene am besten sehen können. Im Lauf der Evolution wurde im menschlichen Gehirn nämlich eine gute Portion Erfahrungswissen angelegt, auf das Eltern unbewusst jederzeit zurückgreifen können.

Hinzu kommt das eigene Erfahrungswissen, dass jeder sammelt, weil er selbst in einer Familie sowie in einer kulturellen Umgebung mit Kindern aufwächst. Und hier fangen die Schwierigkeiten für heutige Elterngenerationen an. „Es kommt inzwischen nicht selten vor, dass das eigene Baby das erste ist, das man jemals im Arm hält“, sagt Bettina Lamm, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Fachhochschule Dortmund. Davon betroffen sei häufig eine gut gebildete Elternschicht in ihren 30ern.

Sie kennen es aus Schule und Studium so, dass man sich fehlendes Wissen anlesen kann und sich damit Probleme lösen lassen. „Also suchen sie im Internet oder greifen zu einem Ratgeber“, sagt Bettina Lamm. Gehen sie in den direkten Austausch, dann meist mit Müttern oder Vätern aus der gleichen Generation, denen ebenfalls meist die praktischen Erfahrungen fehlen.

Denn welche Eltern in Deutschland sind schon noch selbst in einer Großfamilie aufgewachsen? Oder in einer Kultur, in der Kinder früh auch gegenseitig aufeinander aufpassen, so wie es in vielen afrikanischen oder asiatischen Ländern bis heute üblich ist?

Es hat sich viel getan

Hinzu kommt, dass sich die letzten Jahre und Jahrzehnte in der Erziehung viel getan hat. Traditionelle Familienmodelle wurden aufgeweicht, religiöse Leitlinien haben an Bedeutung verloren.  „Das eröffnet Familien viele neuen Freiheiten, fördert aber auch Unsicherheiten“, sagt die Schweizer Psychoanalytikerin Elizabeth Högger Klaus.

Ist es gut, wenn ein Kleinkind mit einem Jahr in die Krippe geht? Wie stark müssen Eltern Grenzen setzen? Welche Werte sollen sie mitgeben? Auch diese Unsicherheiten sind es, die Eltern heute so empfänglich machen für Ratgeber.

Immerhin sind viele der Autoren studierte Erziehungswissenschaftler, Konfliktmanager oder Psychologen. Und ihre Titel versprechen meist einfache und schnelle Lösungen bei Erziehungsproblemen. Eine willkürliche Kostprobe: „Mama schläft jetzt durch.“ „Ich übersetze dir dein Kind.“ „So gelingt Erziehung.“ „Für die Schule Lernen ohne Streit.“

Aber stopp. Nicht gleich zugreifen. Sondern mal kurz überlegen, warum die Bücher solche Titel tragen. Genau, weil das Ratgeber-Format nun mal vorsieht, dass sie dem Leser Ratschläge präsentieren. Und weil all die Erziehungswissenschaftler, Konfliktmanager und Psychologen ihre Bücher nicht (nur) schreiben, um Eltern zu helfen. Sondern, um damit Geld zu verdienen. Und voraussichtlich verkauft sich ein Werk namens „So schläft mein Kind die ganze Nacht“ deutlich besser als wenn es heißt: „Warum Kinder schlafen, wie sie schlafen.“

Dabei wäre letzterer Ratgeber sicherlich der seriösere und hilfreichere. Denn es gibt in der Erziehung nicht den einen Weg, der für alle Kinder funktioniert. Dafür sind Kinder viel zu unterschiedlich. Die einen brauchen von Geburt an wenig Schlaf. Andere legen sich auch mit fünf Jahren mittags noch hin. „Für Erziehung gibt es keine allgemeingültige Gebrauchsanleitung, weil sie nur im Dialog zwischen Kind und Eltern möglich ist“, sagt Elizabeth Högger Klaus.

Noch mehr Verunsicherung

Deshalb macht sie Eltern auch Mut, mehr auf ihre Intuition zu vertrauen, statt zu Ratgebern zu greifen. Diese bergen zusätzlich die Gefahr, dass sie Eltern noch mehr verunsichern und unter Druck setzen. Dann nämlich, wenn die darin gegebenen Tipps beim eigenen Kind einfach nicht funktionieren wollen. Oft werden dann weitere Ratgeber gekauft, noch mehr Blogs gelesen. Die Verzweiflung wächst.

„Und wenn wir unter Stress oder Druck stehen, fällt es uns schwer, auf unsere intuitiven Kompetenzen zu hören.“ Bettina Lamm, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Fachhochschule Dortmund

„Und wenn wir unter Stress oder Druck stehen, fällt es uns schwer, auf unsere intuitiven Kompetenzen zu hören“, sagt Bettina Lamm. Und schon ist man in einem dieser Teufelskreise. Das Verhältnis zwischen Eltern und Kind wird immer schlechter, statt besser.

Denn Durchschlafen wird das Kind trotz vieler Tipps vermutlich noch immer nicht – weil das auch von der jeweiligen Reife des Gehirns abhängt. Und weil durchschlafen lediglich bedeutet, dass das Kind nach ganz normalen Wachphasen nachts allein dazu in der Lage ist, wieder in den Schlaf zu finden. Warum aber sollten kleine Kinder, die tagsüber immer Erwachsene um sich herum haben, in ihrem dunklen Zimmer plötzlich allein klar kommen und nicht nach Mama oder Papa rufen – oder gleich dort schlafen wollen?

Das Kind verstehen

„Wenn ich aber Bücher finde, die mir dabei helfen, die Entwicklung meines Kindes besser zu verstehen, können sie durchaus hilfreich sein“, sagt Elizabeth Högger Klaus. Den Klassiker der Bücher über Kindheitsentwicklung hat Remo Largo mit „Babyjahre“ geschrieben.  Auch sein Werk wird fälschlicherweise häufig als Erziehungsratgeber kategorisiert. Dabei gilt der im Jahr 2020 verstorbene Schweizer Kinderarzt bis heute als einer der größten Kritiker dieses Genres.

„Erziehungsratgeber machen die Eltern hilflos und die Kinder leiden darunter, dass die Eltern ihr Problem nicht lösen können“, sagte er kurz vor seinem Tod in einem Interview mit „Focus Online“. Er habe hunderten Kindern dabei zugesehen, wie sie groß geworden sind. Aus diesen Beobachtungen heraus versuche er Eltern in seinen Büchern zu erklären, wie ihr Kind tickt. „Denn nur wenn Eltern ihre Kinder verstehen, können sie ihre Probleme lösen.“ Zum leidigen Thema Schlaf gibt er Eltern in „Babyjahre“ dann auch lediglich mit auf den Weg, die individuellen Bedürfnisse ihres Kindes zu akzeptieren.

Erziehung ist kein Wunschkonzert

Einen Erziehungsratgeber kann man mit diesem einen, simplen Satz sicherlich nicht füllen. Und vermutlich ist er auch nicht das, was übermüdete Eltern gern hören wollen. Aber – und das mag man aus Elternsicht manchmal bedauern – darum geht es beim Erziehen eben auch nicht.

Es ist kein Wunschkonzert mit einem Eltern-Soloauftritt. Sondern ein familiäres Zusammenspiel, bei dem alle Beteiligten aufeinander hören müssen. Und es ist völlig normal, dass es dabei mal mehr und mal weniger harmonisch zugeht. Dass Fehler passieren, auch mal improvisiert und viel geübt werden muss.

Wem das zwischendurch zu mühsam erscheint und wer an einfachen Strategien zur Problemlösung interessiert ist, kann ja immer noch die Geschirrspülmaschine reparieren. Fehler E 92? Verstopftes Sieb reinigen!

Zum Artikel

Erstellt:
21. Juni 2026, 08:12 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen