Wirtschaft und Klima

Weltwirtschaft droht durch Klimafolgen stark zu schrumpfen

Von Folgen für Mensch und Natur ganz zu schweigen: Die Klimakrise bedroht Forschern zufolge auch den ökonomischen Wohlstand. Andere Maßnahmen würden die Wirtschaft deutlich weniger teuer zu stehen kommen.

Waldschäden durch Klimwandel: Trockene Bäume liegen im hessischen Jossgrund in einer kahlen Stelle im Wald, die durch Käferbefall, Trockenheit und Sturmschäden entstanden ist.

© dpa/Sebastian Gollnow

Waldschäden durch Klimwandel: Trockene Bäume liegen im hessischen Jossgrund in einer kahlen Stelle im Wald, die durch Käferbefall, Trockenheit und Sturmschäden entstanden ist.

Von Markus Brauer/dpa

Die Weltwirtschaft droht einer neuen Berechnung zufolge durch Folgen der Erderwärmung bis Mitte des Jahrhunderts um rund ein Fünftel zu schrumpfen. Und das sogar, wenn der Ausstoß klimaschädlicher Gase künftig drastisch gesenkt würde.

Gewaltige Folgeschäden durch Folgen des Klimawandels

Andernfalls sind bis 2050 noch deutlich höhere Klimafolgekosten als jene 38 Billionen Dollar (35,7 Billionen Euro) zu erwarten, wie Forscher des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) in einer am Mittwoch (17. April) im Fachjournal „Nature“ veröffentlichten Studie berechnet haben.

Diese Schäden würden damit sechsmal höher ausfallen als die veranschlagten Kosten für Klimaschutzmaßnahmen zur Begrenzung der Erderwärmung auf maximal zwei Grad, schreiben die Autoren.

Deutsche Wirtschaft könnte um 11 Prozent schrumpfen

Je nach Region fallen die erwarteten Schäden sehr unterschiedlich aus. Die ärmsten und am wenigsten für den Klimawandel verantwortlichen Länder werde es am schwersten treffen, heißt es weiter in der Studie.

Für Deutschland sagen die Forscher – ebenso wie für die USA – bis zur Mitte des Jahrhunderts ein Schrumpfen der Wirtschaft um 11 Prozent hinaus, verglichen mit einem Szenario ohne Klimafolgen. Die Angaben beziehen sich auf ein Szenario, bei dem es gelingt, auf einen Pfad zu kommen, mit dem die Erderwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts auf unter zwei Grad begrenzt werden kann. Die bisherigen Klimaschutzpläne reichen dafür nach Angaben der Vereinten Nationen bislang nicht aus.

Hohe Einkommensverluste prognostiziert

„Für die meisten Regionen, darunter Nordamerika und Europa, werden hohe Einkommensverluste prognostiziert, wobei Südasien und Afrika am stärksten betroffen sind“, schreibt Maximilian Kotz, einer der Autoren. „Diese Verluste werden durch unterschiedlichste wirtschaftsrelevante Wirkungen des Klimawandels verursacht, wie zum Beispiel Folgen für landwirtschaftliche Erträge, Arbeitsproduktivität oder Infrastruktur.“ Schäden durch Stürme oder Waldbrände sind nicht eingerechnet, sondern könnte die Höhe der Schäden weiter erhöhen.

Für die Berechnung haben die Forscher Daten der vergangenen 40 Jahre aus mehr als 1600 Regionen dazu ausgewertet, wie Wetterextreme das Wirtschaftswachstum beeinflusst haben. Auf Basis von Klimamodellen errechneten sie, wie sich diese voraussichtlich in den kommenden 26 Jahren wirtschaftlich auswirken werden.

Kommende Schäden durch bereits entstandene Emissionen

Forscherin Leonie Wenz wies darauf hin, dass die erwarteten Schäden Folgen der bereits ausgestoßenen Treibhausgase seien. Um diese abzufedern, brauche es Anpassungsmaßnahmen. „Zusätzlich müssen wir unsere CO₂-Emissionen drastisch und sofort reduzieren - andernfalls werden die wirtschaftlichen Verluste in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts noch höher sein und bis Ende des Jahrhunderts im globalen Durchschnitt bis zu 60 Prozent betragen.“

Die aktuellen Berechnungen des Potsdamer Teams liegen erstaunlich nahe an den als Stern-Report bekannten Prognosen, die der Wirtschaftswissenschaftler Nicholas Stern schon vor knapp 20 Jahren im Auftrag der britischen Regierung errechnete: Durch den Klimawandel drohe der internationalen Wirtschaft ein Rückgang um rund 20 Prozent, hieß es in der 2006 vorgestellten Studie. Das Fazit lautete schon damals: Klimaschutz sei zwar teuer – kein Klimaschutz aber noch viel teurer.

Info: Folgen des Klimawandels

Klimawandel Der Klimawandel hat die Menschheit schon heute fest im Griff. Die extremen Temperaturen in diesem Sommer sind für jeden spürbar, doch die dramatischen Auswirkungen der von der Menschheit verursachten Erderwärmung gehen noch viel weiter.

Naturkatastrophen Vier von fünf Naturkatastrophen weltweit sind nach der Studie „World Disasters Report 2022“ des IFRC (International Federation of Red Cross and Red Crescent Societies) in den vergangenen zehn Jahren auf extremes Wetter und die Folgen der Klimakrise zurückgegangen. Dazu gehören Unwetter, Überschwemmungen, Extremdürren und Hitzeglocken.

Opfer Zusammen haben diese Katastrophen demnach mehr als 400 000 Menschenleben gefordert. Laut der Föderation der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften ist die Zahl der klima- und wetterbedingten Katastrophen seit den 1990er Jahren in jedem Jahrzehnt um fast 35 Prozent gestiegen. Insgesamt wurden durch solche Katastrophen 1,7 Milliarden Menschen in Mitleidenschaft gezogen. Sie verloren Angehörige, wurden verletzt oder verloren Wohnbauten, Vieh, Felder und Lebensgrundlagen.

Kosten Die Kosten des Klimawandels könnten einer Prognose zufolge in den kommenden Jahrzehnten in die Billionen gehen. Im Jahr 2070 könnten sie weltweit 5,4 Billionen US-Dollar (umgerechnet rund 4,6 Billionen Euro) betragen, wie Forscher des University College London und der Nichtregierungsorganisation Carbon Disclosure Projekt (CDP) berechnet haben. Zum Ende des nächsten Jahrhunderts, im Jahr 2200, könnten sie sogar die Schwelle von mehr als 30 Billionen US-Dollar (mehr als 26 Billionen Euro) erreichen, weil etwa Naturkatastrophen zu immer verheerenderen Schäden führen dürften.

Folgen Zugrunde liegt dieser Berechnung ein „Weiter-wie-bisher“-Szenario mit einem ähnlichen Ausstoß von Treibhausgasen, das bis zum Ende dieses Jahrhunderts zu einer Erderwärmung von vier Grad und mehr führen würde. Welche Folgen der Klimawandel haben könnte, zeigt auch der Sechste Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC .

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Erstellt:
17. April 2024, 17:10 Uhr
Aktualisiert:
18. April 2024, 07:32 Uhr

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