Tödliche Temperaturen

Wenn Hitze für Menschen lebensgefährlich wird

Der Sommer bricht sich Bahn. Doch die kommenden heißen Tage bringen auch Gefahren mit sich, besonders für bestimmte Gruppen.

Bei hohen Umgebungstemperaturen kann der Körper selbst in Ruhe pro Stunde etwa 500 bis 700 Milliliter Flüssigkeit über Schweiß verlieren – oft unbemerkt. Daher sollten etwa alle 20 bis 30 Minuten circa 200 Milliliter getrunken werden.

© /Gottfried Czepluch

Bei hohen Umgebungstemperaturen kann der Körper selbst in Ruhe pro Stunde etwa 500 bis 700 Milliliter Flüssigkeit über Schweiß verlieren – oft unbemerkt. Daher sollten etwa alle 20 bis 30 Minuten circa 200 Milliliter getrunken werden.

Von Markus Brauer/Larissa Schwedes (dpa)

Die Hitze wird Deutschland in den kommenden Tagen fest im Griff haben. Bei 30 plus Grad, wie sie in dieser Woche unter anderem im Westen und Südwesten erwartet werden, ist Vorsicht geboten.

Heiße Tage – das heißt nicht nur: Zeit für Freibad, Eis und Biergarten. Gleichzeitig bricht auch eine belastende und mitunter gefährliche Zeit an für Ältere, Kinder, Schwangere und Menschen mit Vorerkrankungen.

Mit zunehmender Erderwärmung werden solche Hitzewellen häufiger und intensiver – und die Risiken größer. Ein Überblick:

Was passiert im Körper bei Hitze?

Hitze bedeutet für den menschlichen Körper Schwerstarbeit. Denn der Organismus ist bemüht, seine Temperatur konstant um die 37 Grad zu halten, denn dann arbeiten die meisten Zellen, Proteine und das Immunsystem optimal. Bei extremen Schwankungen sind solche Prozesse gestört. Steigt die menschliche Körpertemperatur über 42 Grad oder sinkt sie unter 32 Grad, kann das tödlich sein.

Eine Faustregel heißt: Gefährlich wird es, wenn der Körper unter bestimmten Bedingungen mehr Wärme aufnimmt, als er wieder abgeben kann. Denn dann gerät die Körpertemperatur außer Kontrolle und steigt rasch an.

Diese Grenze ist sehr individuell und hängt mit Lebensalter, Gesundheitszustand, Aktivität und Gewöhnung zusammen. Bei über 30 Grad hat der Körper vieler Mitteleuropäer deutlich mehr Stress, sich selbst wieder zu kühlen, als bei niedrigeren Temperaturen.

Warum kann Hitze zum Problem werden?

„Insgesamt gehört Hitze heute neben den Luftschadstoffen bereits zu den wichtigsten umweltbedingten Gesundheitsrisiken in Deutschland und weltweit“, betont die Epidemiologin Alexandra Schneider vom Helmholtz Zentrum München.

Die Gefäße erweiterten sich, was den Blutdruck senke und dafür sorge, dass das Herz schneller und stärker pumpen müsse. Dadurch steige bei Vorerkrankten das Risiko für Herzinfarkt, Rhythmusstörungen und Herzinsuffizienz.

Durch Schwitzen drohe auch Dehydration – also Flüssigkeitsmangel –, was wiederum einen Kreislaufkollaps oder Thrombosen begünstigen könne.

Wer ist besonders gefährdet?

Das Herz-Kreislauf-System ist bei Hitze stark belastet. Menschen mit chronischen Vorerkrankungen in diesem Bereich sollten deshalb besonders vorsichtig sein. Mit steigendem Lebensalter verlangsamt sich die Regulierung der Körpertemperatur und es gibt weniger Schweißdrüsen. Die körpereigene Klimaanlage funktioniert also schlechter.

Da ältere Menschen außerdem seltener Durst verspüren, besteht die Gefahr, dass sie austrocknen. Schon ein bis zwei Prozent zu wenig Wasser im Körper können nach Angaben des Malteser-Hilfsdienstes zu Kopfschmerzen, Müdigkeit, Konzentrationsstörungen und Schwindel führen. Auch bei Babys und Kleinkindern ist Flüssigkeitsmangel ein Risiko und die Schweißproduktion geringer.

Was kann dann passieren?

Gerät die Schwitz-Kapazität des Körpers an Grenzen, kommt es zum Wärmestau: Die Körpertemperatur steigt schnell – oft innerhalb von 10 bis 15 Minuten – auf über 40 Grad oder mehr. In der Folge schwillt das Gehirn an und es kommt zu Kopfweh, Bewusstseinsveränderungen oder Bewusstlosigkeit – ein Fall für den Rettungsdienst.

Bei einem Hitzekollaps wiederum kommt es zu einem Abfall des Blutdrucks. Die Folge ist eine verminderte Gehirndurchblutung, die von einem Schwächegefühl über Übelkeit und Schwindel bis zur Bewusstlosigkeit führen kann. Auch das ist ein Notfall.

Laut Deutscher Gesellschaft für Neurologie (DGN) erhöht Hitze auch das Risiko für neurologische Erkrankungen.

Welche Gruppen müssen aufpassen?

Besonders gefährdet seien neben Herzpatienten auch Menschen mit Nieren- oder Lungenerkrankungen, Diabetes sowie neurologischen Erkrankungen wie Demenz, erklärt Schneider. Und: „Ältere Menschen sind insgesamt am anfälligsten, da ihre Anpassungsfähigkeit an Hitze und ihr Durstempfinden oft eingeschränkt sind.“

Der Geriatrie-Forscher Kilian Rapp vom Robert Bosch Krankenhaus Stuttgart fügt hinzu: Das Aufsuchen kühlerer Räumlichkeiten oder mehr zu trinken seien bei extremer Hitze naheliegende Reaktionen. „Personen, die ans Bett gebunden oder dement sind, sind zu so elementaren Maßnahmen nicht mehr in der Lage.“

Neben Alter und Gesundheitszustand spielt auch eine Rolle, wie Menschen wohnen: „Wenn Personen in höheren Wohnetagen oder allein leben, erhöht sich das Risiko“, erläutert Rapp.

Ebenso ist Hitze für Schwangere eine enorme Belastung, etwa weil sich die Durchblutung der Gebärmutter verändert und dies den Schwangerschaftsverlauf beeinflussen kann, wie Petra Arck vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf berichtet.

Nicht zuletzt gehören auch Kinder zu den Risikogruppen, „weil sich ihr Körper noch entwickelt, sie mehr Zeit im Freien verbringen und sie im Verhältnis mehr körperlich aktiv sind und eine höhere Atemfrequenz haben als Erwachsene“, erklärt Marie Standl vom Helmholtz Zentrum München.

Wie äußern sich gesundheitliche Gefahren durch Hitze?

Hitze kann aggressiver machen – was wiederum Konflikte verstärkt. Eine japanisch-südkoreanische Studie kommt zu dem Schluss, dass das Risiko für Todesfälle durch Übergriffe pro Grad Anstieg der Umgebungstemperatur um 1,4 Prozent ansteigt.

Die Zahl der aggressiven Zwischenfälle steigt, so kommt es auch zu mehr Notaufnahmen in Akutpsychiatrien. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) steigt sogar die Zahl der Suizide.

Sebastian Karl, Arzt am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, betont: „Viele Leute haben schon am eigenen Leib erlebt, dass sie sich schlechter fühlen, dass sie schlechter schlafen oder dass sie sich schlechter konzentrieren können, wenn es richtig heiß ist: Hitze schlägt auf die Psyche. Wenn die Temperaturen steigen, steigt auch das Risiko für psychische Erkrankungen: pro Grad Celsius um 0,9 Prozent.“

Wie tödlich ist Hitze?

Hitze wird oft als „stiller Killer“ bezeichnet , auch, weil sie selten direkt als Todesursache in die Statistiken eingeht. Institutionen wie das Robert Koch-Institut (RKI) oder das Umweltbundesamt modellieren die sogenannte Übersterblichkeit: Das heißt, sie erfassen, wie viele Menschen im konkreten Zeitraum einer Hitzeperiode gestorben sind und inwieweit dies die Todeszahlen in einem ähnlichen Zeitraum ohne Hitze übersteigt.

So schätzt das RKI, dass im vergangenen Jahr rund 2500 Menschen hitzebedingt gestorben sind. In heißeren Sommern als 2025 lag diese Zahl schon um ein Vielfaches höher.

Rapp betont, dass ältere und gebrechliche Menschen hier den größten Anteil ausmachen: „Die beobachtete Übersterblichkeit in der Bevölkerung bei Hitzewellen ist fast ausschließlich auf diese Personengruppe zurückzuführen.“

Wie sterben Betroffene?

Veronika Huber vom Institut des Spanischen Nationalen Forschungsrats in Sevilla weist darauf hin, dass nur ein kleiner Teil dieser Toten auf nachgewiesene Hitzschläge zurückgeführt wird. Die häufigsten, in Statistiken festgehaltenen hitzebedingten Todesursachen seien Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen.

Doch die Todesfälle sind nur die Spitze des Eisbergs: Etliche Leiden verschlechtern sich bei Hitze oder ihr Risiko steigt. Dazu gehört etwa ein höheres Risiko für Schlaganfälle und Migräne sowie eine Verschlechterung der Symptome bei Multipler Sklerose, Epilepsie und Demenz, wie die Neurologin Ameli Breuer von der Berliner Charité erklärt.

Und was ist mit allen anderen?

Ganz spurlos gehen die Auswirkungen an den wenigsten Menschen vorbei. Sebastian Karl vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit Mannheim betont: „Wahrscheinlich hat jeder schon mal am eigenen Leib erlebt, wie sich Hitze auf die psychische Gesundheit auswirken kann: Wir können uns schlechter konzentrieren, schlafen schlechter oder werden reizbarer oder sogar aggressiv.“

Man könne Hitze als zusätzlichen Stressfaktor begreifen, mit dem unser Gehirn umgehen müsse. Auch steige das Risiko für psychische Erkrankungen.

Als besonders belastend gelten tropische Nächte – also Nächte, bei denen die Temperatur nicht unter 20 Grad fällt. Auch dies kann die psychische Verfassung oder auch die Leistungsfähigkeit am folgenden Tag beeinträchtigen.

Hans Knoblauch von der Psychiatrie am Universitätsklinikum Ulm ergänzt: „Bei Hitze reagieren Menschen potenziell schneller gereizt, was sich unter anderem in einer Zunahme von häuslicher Gewalt, Fouls beim Sport und aggressiverem Fahrverhalten im Verkehr niederschlagen kann.“

Wie heftig wird es in Deutschland in diesem Sommer?

Hitzewellen werden durch den Klimawandel zwar generell häufiger und intensiver, doch konkrete Hitzewellen lassen sich erst kurzfristig vorhersagen. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) geht mit leichter Tendenz von einem Sommer aus, der wärmer sein wird als der Durchschnitt der Sommer im Zeitraum von 1991 bis 2020.

Amelie Hoff aus dem Klimavorhersage-Team des DWD erläutert: „Unsere aktuelle saisonale Klimavorhersage zeigt eine Wahrscheinlichkeit von rund 62 Prozent für mehr heiße Tage, also Tage mit einer Maximumtemperatur über 30 Grad, im Vergleich zum Durchschnitt von 1991 bis 2020.“

Dies bezieht sich auf den Zeitraum Juni bis August. Das ist wenig überraschend, denn durch den Klimawandel hat sich Deutschland bereits um rund 2,5 Grad erwärmt, deutlich stärker als der globale Durchschnitt.

Wie kann man sich schützen?

Viel trinken – und zwar deutlich mehr als sonst, da sind sich Experten einig. „Bei hohen Umgebungstemperaturen kann der Körper selbst in Ruhe pro Stunde etwa 500 bis 700 Milliliter Flüssigkeit über Schweiß verlieren – oft unbemerkt. Daher sollten etwa alle 20 bis 30 Minuten circa 200 Milliliter getrunken werden“, rät Hanns-Christian Gunga von der Charité. Als Check helfe es, sich zu wiegen. „Ein Gewichtsverlust von zwei bis drei Kilogramm an einem heißen Tag spricht für deutlichen Flüssigkeitsmangel.“

Die Wohnung möglichst kühl halten, etwa durch Verdunklung durch Rollläden oder Markisen außen. „Nächtliches Lüften kühlt die Wohnung und bringt Frischluft“, rät Experte Rapp. „Wenn möglich, sollten kühlere Räumlichkeiten zumindest vorübergehend aufgesucht werden, um dem Organismus etwas Erholung zukommen zu lassen.“

Nicht nur jeder Einzelne ist gefragt, sondern auch die Politik muss die Bevölkerung schützen: Kommunen sind etwa aufgerufen, Hitzeaktionspläne – etwa mit Blick auf Stadtgestaltung und Schutzangebote – vorzulegen. Dabei gibt es laut Experten noch großen Nachholbedarf.

Was bedeutet Hitze für die Wirtschaft?

Auch Volkswirtschaften leiden unter Hitze: Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat ausgerechnet, inwieweit die Produktivität durch Hitzewellen abnimmt.

Sie kommt in einem Sonderbericht zu dem Schluss: Zehn zusätzliche Tage mit Temperaturen über 35 Grad führen zu einem Rückgang der jährlichen Arbeitsproduktivität um 0,3 Prozent. Dieser Effekt sei vergleichbar mit den Produktivitätseinbußen, wenn Energiepreise um fünf Prozent steigen würden. Insbesondere längere Hitzewellen haben demnach enorme Auswirkungen.

Das Umweltbundesamt verweist auf Studien, die für Zeiten hoher Hitzebelastung in Mitteleuropa durch mehr Arbeitsunfälle und weniger Konzentration und damit einhergehende Fehler bis zu 12 Prozent weniger Produktivität annehmen.

Überschreiten die Raumlufttemperaturen in Arbeitsräumen die Schwelle von 26 Grad, sollte der Arbeitgeber gemäß der Arbeitsstättenverordnung Maßnahmen ergreifen – ab 30 Grad wird dies verpflichtend.

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Erstellt:
17. Juni 2026, 14:28 Uhr

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