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Zu Ostern stehen Frauen im Rampenlicht

Der Jazz war lange eine Männerdomäne – das Theaterhaus bietet beim diesjährigen Jazzfestival nun ein Kontrastprogramm

Leni Stern, Monika Herzig, Monika Roscher und Nubya Garcia geben den diesjährigen Jazztagen im Theaterhaus eine feminine Note, nachdem 2018 Musikerinnen Mangelware waren.

Stuttgart „Das ist uns im vergangenen Jahr beim Osterfestival passiert“, sagtTheaterhaus-Chef Werner Schretzmeier, „und wir haben es erst hinterher gemerkt. Die Realität ist: 80 Prozent der Künstler auf dem Markt sind Männer.“ Das Theaterhaus indes hat den Ruf, mit solchen Fragen kritisch umzugehen. So stehen in diesem Jahr neben Männern wie dem Jazz-Pianisten Joachim Kühn, einem deutsch-schwedischen Superquartett um Nils Landgren und Michael Wollny auch einige Frauen im Programm.

Die aus Albstadt stammende Pianistin Monika Herzig ging mit ihrem Mann, einem Gitarristen,1988 zum Studium nach Alabama und ist heute Professorin in Indiana. Dort hat sie die Frauen-Jazzband Sheroes gegründet, in der eine Prominente spielt: Die 1977 von München in die USA ausgewanderte Gitarristin Leni Stern (66). „Für mich ist das eine Bestätigung, wenn so jemand das unterstützt“, sagt Herzig, deren Anfangszeit in den USA nicht einfach war: „Mein Mann hat viel mehr Anrufe bekommen, für die Jungs dort war ich schon sehr exotisch. Manche haben ihn gefragt, wenn sie mich buchen wollten, obwohl ich ­daneben stand.“

Herzig hat über Chick Corea und Herbie Hancock geforscht. „Weibliche Vorbilder gab es wenige“, sagt sie. „Marian McPartland hat als Pianistin Türen geöffnet. Und Carla Bley hat mich fasziniert, wie sie ihre Band dirigiert hat.“ Sängerinnen gibt es im Jazz viele, aber wieso so wenige Instrumentalistinnen? „Die Forschung zeigt: Bei den Schulkindern sind die Hälfte Mädchen, bei den Jugendlichen noch ein Drittel und am College dann eine oder zwei“, sagt Herzig. „Mädchen wollen in der Pubertät nichts tun, was sie schlecht aussehen lassen könnte, da ist der Gruppendruck brutal. Den Jungs ist das egal, die nehmen immer die Soli, während die Mädchen sich nicht trauen.“

So bieten die Sheroes einen geschützten Raum: „Das sind alles tolle Musikerinnen, aber kaum bekannt“, sagt Herzig. „In der Band können sie sich zeigen in einer Umgebung, in der sie sich wohlfühlen, sie können sich ausdrücken, ohne etwas beweisen zu müssen.“ Dabei nimmt sie Männer nicht in Sippenhaft: „Man kann das nicht verallgemeinern, die Dynamik ist einfach anders. Wir Frauen gehen anders miteinander um, wir haben andere Themen: Unsere Posaunistin wird ihre siebenjährige Tochter mitnehmen auf Tour, andere haben keine Kinder, weil sie wussten, dass das die Karriere beeinflusst.“ Ihre Tour führt durch Deutschland, Stuttgart liegt in der Mitte. „Ich werde die ganze Band auf die Alb schleppen – zum Wäsche machen bei meiner Mutter“, sagt Herzig.

Die Münchnerin Monika Roscher war schon mehrfach im Theaterhaus. Die Auftritte der Sängerin, Gitarristin, Komponistin und Bandleaderin sind spektakulär. Schon an der Hochschule gründete sie ihre Bigband. Ihre Stücke sind im Kern Popsongs, aber komplex ausarrangiert mit ausgefuchsten Instrumentalteilen. „Am Anfang will ich immer einen Hit schreiben“, erklärt Roscher. „Irgendwann merke ich, dass es mich langweilt, und ich frage mich: Was könnte jetzt Megacooles passieren?.“ Benachteiligungen hat Roscher nicht erfahren, „aber natürlich sind die Frauen auch in meiner Band in der Minderheit, es gibt einfach weniger Instrumentalistinnen. Als Gitarristin sind Vorbilder rar: Emily Remler, Leni Stern, Carla Bley als Komponistin, Maria Schneider als Bandleaderin. Oder Jennifer Batten: Eine Frau, die Van-Halen-mäßig Gitarre spielt bei Michael Jackson, das hat mir gutgetan mit 14.“

Auch sie hat nachgedacht. „Frauen fällt es vielleicht schwerer, bei einem Jam im Klub herauszutreten – besonders, wenn sie mit Männern spielen, die sie nicht kennen.“ Sie beobachtet als Gitarrenlehrerin, „dass viele Mädchen ab 16 die Lust verlieren, während die Jungs anfangen, wie wild zu proben“. Was Gitarristinnen angeht, hat Roscher eine eigene Theorie: „Männer haben die Instrumente entwickelt ohne Rücksicht auf den weiblichen Körper“, sagt sie. „St. Vincent alias Annie Clark hat ein eigenes Gitarrenmodell herausgebracht speziell für Frauen. Das ist schmaler, da stört nichts.“ Und sie sieht einen Wandel: „Auf Youtube gibt es tolle junge Gitarristinnen, total krasse Virtuosinnen.“ Ihr eigenes Geheimnis beschreibt Roscher so: „Es gibt eine Art des perfekten, artistischen, schnellen, beeindruckenden Zusammenspiels, die mich überhaupt nicht interessiert“, sagt sie. „Wir sind keine Roboter, sondern Menschen, jede und jeder hat einen eigenen Sound. Eine Band klingt für mich, wenn man Charaktere heraushört.

Für die Veranstalter bringt sie genau das mit, was sie suchen: „Monika Roscher sucht die Konfrontation mit sich selbst als Künstlerin und mit dem Publikum, sie ist eine Persönlichkeit“, sagt Werner Schretzmeier. Und der Programmmacher Wolfgang Marmulla fügt an: „Sie lässt sich nicht vereinnahmen, sie macht ihr eigenes Ding. Ein Festival lebt von solchen Unikaten. Der Jazz bietet mehr Freiheit, mehr Möglichkeiten, Gefühlszustände auszudrücken.“ Das könnte auch für die Ladies aus London gelten, die einen Abend bestreiten: Die Saxofonistin Nubya Garcia und das gemischte Ensemble Kokoroko. Sie sind Teil einer Londoner Bewegung, die dem Jazz neue Energie einhaucht. „Bei Kokoroko ist das Gebläse in Frauenhand, sie sind nicht mehr nur die Begleitung am Klavier“, sagt Schretzmeier.

Das heiße Jahr 2018 brachte dem Theaterhaus – wie für viele anderen – einen Zuschauereinbruch. Das Haus ist in finanzieller Schieflage. „Ich bin seit fünf Jahrzehnten Veranstalter“, sagt Schretzmeier, „und bisher war das planbar. Aber durch das Sommerloch ist 2018 alles über den Haufen gekegelt worden. Wenn sich das wiederholt, werden wir anders rechnen müssen. Mit Blick auf den Vorverkauf der Jazztage wage ich aber die Prognose, dass die Chancen für 2020 nicht schlecht stehen.“https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.game-of-thrones-achtung-spoiler-was-bisher-bei-game-of-thrones-geschah.bbf9dd8e-97dd-4a39-b4b0-0908be7e57bd.htmlhttps://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.nachtkritik-joe-jackson-im-beethovensaal-er-ist-the-man-nach-wie-vor.5dde720d-d0fa-4f0b-aa83-c13ceae85cb6.htmlhttps://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.shayna-steele-im-bix-aretha-franklins-wilde-erbin.c973ef7b-5fd6-45cd-9ca4-7f642c395c3e.html

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Erstellt:
15. April 2019, 03:14 Uhr

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