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Der Abstieg ist alles andere als ein Zufall

Drittliga-Vorletzten fehlt es nicht an fußballerischer Qualität, aber an Zweikampfstärke, Tempohärte und Kaltblütigkeit vor dem Tor. Fehler der Schiedsrichter sowie hohe Zahl an eigenen Patzern und ständige Trainerwechsel sind nicht zu kompensieren.

Blicken seit Mittwoch dem sicheren Abstieg ins Auge: Aspachs Fußballer, die von den Fans aber lautstarken Trost zugesprochen bekamen. Foto: T. Sellmaier

© Tobias Sellmaier

Blicken seit Mittwoch dem sicheren Abstieg ins Auge: Aspachs Fußballer, die von den Fans aber lautstarken Trost zugesprochen bekamen. Foto: T. Sellmaier

Von Uwe Flegel

Nach sechs Jahren hat es Großaspach erwischt. Die Fußballer aus dem Fautenhau steigen aus der Dritten Liga ab. Das 1:2 gegen den SV Meppen beraubte die Schwaben aller Chancen. Vor der Partie am Sonntag beim FC Magdeburg (14 Uhr) steht fest, dass die elf Punkte Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz in der restlichen Saison nicht mehr aufzuholen sind. Das erste Mal in der Vereinsgeschichte muss die SG Sonnenhof einen Abstieg verkraften. Dafür gibt es Gründe.

Der Kader: Es gibt nicht wenige, die sind sich sicher, dass Aspach fußballerisch durchaus drittligareif war. Sascha Hildmann, zu Beginn der vergangenen Saison noch Trainer im Fautenhau und nun mit Preußen Münster im Abstiegskampf auf einem ordentlichen Weg, urteilte nach dem 0:0 seiner Elf in Aspach vor gut einer Woche: „Die Jungs können Fußball spielen.“ Und auch Meppens Trainer sagte vor der Partie am Mittwochabend: „Fußballerisch finde ich Großaspach eigentlich sehr gut.“ Woran es aber mangelte, dass waren stetige Zweikampfhärte, eine konstant ordentliche Chancenverwertung und Handlungsschnelligkeit im Umschaltspiel in beide Richtungen. Flinke Jungs hatte die SG mit Akteuren wie Orrin McKinze Gaines, Panagiotis Vlachodimos oder auch Ken Gipson genug. Ausgespielt wurde diese Qualität aber zu selten. Dass der Gegner den Schwaben oft einen Schritt voraus war, war eine Frage des Kopfes, nicht der Beine. Das zeigte sich vor allem, als sich mit Jamil Dem der eingeplante Defensivanker im zentralen Mittelfeld verletzte. Hinten kassierte Aspach zu viele zu einfache Gegentore, vorne fehlte die Effektivität. Mängel, die unter Trainer Hans-Jürgen Boysen zuletzt nicht mehr ganz so offenkundig waren, doch für eine große Wende reichte die Leistungssteigerung nicht. Dafür war der Kader zwar groß und gut, aber nach dem verletzungsbedingten Ausfall wichtiger Spieler wie Jamil Dem, Michael Vitzthum und Timo Röttger nicht rund genug besetzt.

Das Kommen und Gehen der Trainer: Acht Wechsel auf dem Trainerstuhl in zweieinhalb Jahren. Nicht nur für Sportdirektor Joannis Koukoutrigas ist diese Inkonstanz mitentscheidend dafür, dass Großaspach nun da steht, wo es steht. Auf dem vorletzten und damit einem Abstiegsplatz. „Da kann eine Mannschaft nicht richtig in einen Fluss kommen“, nimmt Koukoutrigas die Fußballer in Schutz und dafür sich sowie seine Vorstandskollegen in diesem Punkt in die Pflicht. Zu Recht, denn jeder Übungsleiter hat zumindest in Kleinigkeiten seine eigenen Vorstellungen. Das galt für einen Sascha Hildmann, der bis Oktober 2018 im Amt war, das galt für einen Florian Schnorrenberg, der vergangene Saison kurz vor Schluss gehen musste, das galt für Rückkehrer Oliver Zapel, der kurz vor Weihnachten verabschiedet wurde, das galt für das Kurzzeit-Trainerduo Heiner Backhaus und Mike Sadlo, das galt für die Interimscoaches Zlatko Blaskic und Markus Lang, das gilt für Hans-Jürgen Boysen. Wobei der 63-Jährige mit seinem Co-Trainer Markus Lang die Mannschaft stabilisiert hat. Die Leistungen zuletzt passten wieder. Zwar konnte der Gang in die Regionalliga dadurch nicht mehr verhindert werden, doch dem ehemaligen Bundesliga-Spieler gelang es, der Mannschaft wieder ein Gesicht und eine Struktur zu geben, obwohl er nach der Coronapause seine Startelf von Spiel zu Spiel fast komplett austauschte. Für Koukoutrigas und die SG-Bosse ist der zweitligaerfahrene Coach deshalb der richtige Mann, damit das Kommen und Gehen auf der Trainerbank in der neuen Saison nicht in die nächste Runde geht.

Die Schiedsrichter: Wer nach 35 Spielen gerade mal 29 Punkte auf dem Konto hat, sollte die Fehler nicht bei anderen suchen. Doch ganz unbeteiligt an Aspachs Situation sind die Leistungen der Unparteiischen nicht. Liegt die Fautenhau-Elf in der Tabelle nur auf dem vorletzten Platz, so ist sie in einer anderen Rangliste spitze. In derjenigen, die der frühere Bundesliga-Schiri Babak Rafati fürs Internetportal liga3-online erstellt. Anhand von Videosequenzen beurteilt er dort umstrittene Szenen. In der Rafati-Hitparade der Fehlentscheidungen nimmt die Elf aus den Fautenhau bei den Benachteiligungen mit zwölf Zählern punktgleich mit dem Chemnitzer FC Rang vier hinter 1860 München (13) sowie dem MSV Duisburg und dem FC Bayern München (14) ein. Weit abgeschlagen Letzter sind die Schwaben bei Fehlentscheidungen, von denen ein Team profitiert. Nur zweimal war das bei der SG der Fall. Der Vorletzte Jena hat bereits fünf Punkte und der Spitzenreiter dieser Sparte, der FSV Zwickau, bringt es auf 17 Zähler. Verrechnet man nun Benachteiligungen und Bevorzugungen miteinander, dann ist Aspach mit 10 Punkten Erster vor Bayern München II (8) und 1860 München (6). Besonders auffällig sind Fehlentscheidungen gegen die SG in Elfmetersituationen. Neunmal sah Rafati seine Kollegen da falsch liegen und Großaspach benachteiligt. Wie erwähnt: Wer nach 35 Spielen nur 29 Punkte hat, sollte sich an die eigene Nase fassen. Der Hinweis, dass auch andere ihren Anteil am Abstieg haben, ist aber durchaus erlaubt.

Die hohe Fehleranfälligkeit: Wenn es bei Großaspach diese Saison eine Konstante gibt, dann ist es die hohe Anzahl an Fehlern, die es dem Gegner erlaubte, daraus Kapital zu schlagen. Hinter Schlusslicht Jena (81) und dem Tabellenzwölften Viktoria Köln (66) hat Großaspach (62) die drittschlechteste Defensive. Dabei war die in den Jahren zuvor oft die Stärke der Schwaben. Diesmal nicht, auch wenn die Zahl an Gegentoren mit dem Einstieg Boysens abgenommen hat. In diesen zehn Spielen kassierte Aspach nur 12 Treffer. Davor waren es in 25 Partien satte 50. Und das lag nicht immer nur an der hohen Qualität des Gegners. Noch einmal Meppens Neidhart, der die fußballerische Qualität der SG ja lobte, aber auch die Ursache kannte, weshalb für die Spieler des Dorfklubs trotz großem Aufwand am Ende oft wenig stand: „Sie reißen es sich oft selbst ein.“ Und deshalb ist der erste Abstieg der Vereinsgeschichte kein Zufall, sondern hat seine Gründe.

Kommentar
Ein Abstieg, aber kein Drama

Von Uwe Flegel

Großaspachs Gang in die Regionalliga ist bitter, ärgerlich und für Fans, Spieler sowie Verantwortliche traurig. Ein Drama ist der Abstieg aber keines. Wer finanziellen Aufwand, strukturelle Möglichkeiten und Voraussetzungen anderer Drittligisten kennt, der weiß, dass der Verein aus dem Fautenhau fast immer ans Optimum rankommen musste, um mithalten zu können. Fünfmal gelang die Gratwanderung. Nun gibt’s den Absturz. Schade. Jedoch auch die Chance, von den Kickern wieder ein Stück weit mehr als nur Fußball abzuverlangen. Weniger Komfortzone kann helfen, Mentalität und Identifikation mit dem Verein zu stärken. Der weiterhin höchstklassigste Verein der Region nach dem VfB Stuttgart hat die Zeichen offenbar erkannt. Jedenfalls kündigte die SG bereits an, bei Spielerverpflichtungen wieder verstärkt darauf zu achten, dass sie schätzen, was der Fautenhau bietet. Gut – und ein Anfang, der selbst der Regionalliga einen Zauber innewohnen lässt.

u.flegel@bkz.de

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Erstellt:
26. Juni 2020, 06:00 Uhr

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