Der neue Chef spürt viel Verunsicherung

Trainer Hans-Jürgen Boysen kämpft vor Aspachs Drittliga-Duell mit Halle vor allem damit, die Köpfe seiner Fußballer frei zu kriegen

Sieht Hans-Jürgen Boysen das Treiben der Aspacher Drittliga-Fußballer im Training, fühlt er sich ein Stück weit wie in Rainer Werner Fassbinders Siebziger-Jahre-Melodram Angst essen Seele auf. Zur Frage nach dem Selbstvertrauen sagt der neue Coach des Vorletzten: „Das ist so wie der Tabellenstand.“ Für den 62-Jährigen ist es kein einfacher Job, die Köpfe bis zum Heimspiel morgen gegen den Halleschen FC (14 Uhr) frei zu kriegen.

Aspachs neuer Trainer Hans-Jürgen Boysen verschafft sich derzeit erst noch den Durchblick, wen er im Abstiegskampf brauchen kann. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Aspachs neuer Trainer Hans-Jürgen Boysen verschafft sich derzeit erst noch den Durchblick, wen er im Abstiegskampf brauchen kann. Foto: A. Becher

Von Uwe Flegel

Hans-Jürgen Boysen hat im Fußball schon viel mitgemacht. Als Fußballer feierte er mit dem KSC einen Aufstieg und Erfolge in der Ersten Bundesliga, stieg mit Karlsruhe sowie später noch dem 1. FC Saarbrücken, aber auch aus der Eliteliga jeweils einmal ab. Als Trainer bejubelte er unter anderem mit Kickers Offenbach und dem SV Sandhausen jeweils den Sprung in den zweite Liga, schaffte es den FSV Frankfurt gleich zweimal in eben jener zweiten Liga zu halten und musste dort wie bei anderen Stationen jedoch auch miterleben, wie schnell ein Verein einen kurz zuvor noch hoch gelobten Übungsleiter ganz rasch fallen lässt.

Der 62-jährige Fußballlehrer weiß also nur zu gut, auf was er sich eingelassen hat, als er der SG Sonnenhof zusagte, die restlichen 13 Saisonspiele den Chefposten zu übernehmen. Einem Kellerkind, das seit elf Spielen auf einen Sieg wartet und als Vorletzter mit zwölf Punkten Rückstand auf den fünftletzten Platz dem Abstieg entgegentaumelt. Selten dürfte der Begriff Freundschaftsdienst treffender gewesen sein als in diesem Fall.

SG wollte nicht irgendjemanden auf der Kommandobrücke, sondern eine gute Lösung

Das weiß Michael Ferber. Das 34-jährige Vorstandsmitglied des Drittligisten sagt zum Engagement des Mannes seiner Cousine Katrin Boysen-Ferber: „Es ist ja nicht selbstverständlich, die Aufgabe zu übernehmen.“ Auch weil die SG zuvor bereits deutlich gesagt hatte, dass sie die Zukunft gerne mit Interimscoach Markus Lang als Boss planen würde. Egal in welcher Liga. Vorläufig muss die Wunschlösung nun aber wieder mit der Rolle das Co-Trainers vorlieb nehmen, besitzt der 43-Jährige doch zwar die A-Lizenz, ist jedoch kein Fußballlehrer. Den schreibt der DFB allerdings ab der Dritten Liga jedem Verein für seinen Cheftrainer verpflichtend vor. Das Heimspiel gegen Halle hätte Lang noch machen dürfen, dann wäre Schluss gewesen. Zudem hätte Lang diese Woche das Training kaum leiten können, da er in Hennef eine Prüfung ablegt und erneut versucht, einen der begehrten Plätze im nächsten Fußballlehrer-Kurs zu ergattern.

Trainer Hans-Jürgen Boysen vor dem SG-Heimspiel
Mit welchen Erwartungen der neue Trainer Hans-Jürgen Boysen vom Fußball-Drittligisten SG Sonnenhof Großaspach ins Heimspiel gegen den Halleschen FC geht, verrät er im BKZ-Video.

Entsprechend froh waren Großaspachs Verantwortliche, als Boysen zügig zusagte, dem Verein in der Not zu helfen. Zum zweiten Mal übrigens nach dem Abgang von Markus Gisdol im Herbst 2007. Wobei Michael Ferber deutlich sagt, dass das Kellerkind aus dem Fautenhau nicht irgendjemand für den Posten auf der Kommandobrücke suchte: „Es war wichtig, dass wir eine gute Lösung finden.“

So betrachtet ist Hans-Jürgen Boysen als Chef für die kommenden zweieinhalb Monate fast schon der ideale Mann. Auch weil der in Aspach lebende Coach oft als Zuschauer die SG-Partien verfolgt hat, den Verein, die handelnden Personen und auch Spieler gut kennt. Hinzu kommt seine Erfahrung. Auch die im Abstiegskampf. Und mit dem Wissen hat er schnell gemerkt, dass es um das Selbstvertrauen ähnlich gut bestellt ist wie um den Tabellenstand. In beiden Fällen steckt der Dorfklub tief im Keller fest. Die Verunsicherung sei zu spüren, sobald es im Training auf dem großen Feld Elf gegen Elf gespielt wird, sagt Boysen. Für ihn ist das nicht verwunderlich. Angesichts der misslichen Situation versuche eben jeder, es besonders gut zu machen, und „dann geht es halt oft schief“.

Allerdings erzählt der neue Coach, dass „ich auch einige gute Dinge gesehen habe“. Und das offenbar nicht nur von denen, die zuletzt zu den sogenannten Stammkräften zählten. „Ich habe die eine oder andere Idee“, sagt der Mann, der als kopfballstarker Innenverteidiger über 100 Spiele für den KSC und den 1. FC Saarbrücken in der Bundesliga absolvierte zur Aufstellung. Er macht aber auch klar, dass er seine neue Mannschaft noch nicht oft auf dem Trainingsplatz gesehen hat: „Deshalb ist es noch zu früh, um mich festzulegen.“ Zudem muss er sich noch ein wenig gedulden, ehe er auf den Beistand seines Vorgängers und künftigen Co-Trainers Markus Lang wieder bauen kann. „Er kehrt erst am Freitagabend zurück.“ Wobei Boysen im Fußball schon genug mitgemacht hat, um die schwere Aufgabe bei seinem Heimdebüt auch ohne Unterstützung anzugehen.

Wer morgen nicht ins Stadion im Fautenhau kommen kann, aber trotzdem wissen will, wie es für Großaspach gegen Halle läuft, kann ab 14 Uhr den Liveticker unserer Zeitung unter www.bkz.de/sport/sg-sonnenhof nutzen. An selber Stelle kommt später auch noch ein kommentiertes Video dazu. SG auf www.bkz.de

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Erstellt:
28. Februar 2020, 06:00 Uhr

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