„Sie müssen auf einen Nenner kommen“

Das Interview: Großaspachs Sportchef Joannis Koukoutrigas erklärt, wie er sich die Zusammenarbeit des Trainerduos vorstellt

Eine missratene Vorrunde, eine überraschende Lösung in der Trainerfrage, die noch zu holenden Verstärkungen für die restlichen 18 Saisonspiele: Ein Mangel an Themen herrschte beim Interview mit Joannis Koukoutrigas, dem Sportdirektor des akut abstiegsbedrohten Fußball-Drittligisten SG Sonnenhof Großaspach nicht. Der 45-Jährige, der den Job schon seit 2007 innehat, glaubt allerdings felsenfest an den Klassenverbleib.

Will noch „mindestens zwei, vielleicht sogar drei“ Zugänge: Joannis Koukoutrigas. Foto: A. Becher

© Sportfotografie Alexander Becher

Will noch „mindestens zwei, vielleicht sogar drei“ Zugänge: Joannis Koukoutrigas. Foto: A. Becher

Von Steffen Grün
Mit der Trainerwahl überraschen Sie oft. Oliver Zapel, Sascha Hildmann, Florian Schnorrenberg, nun Mike Sadlo und Heiner Backhaus: Suchen Sie bewusst kreative Lösungen oder fehlt das Kleingeld für erfahrene Leute?

Zum einen ist es ja bekannt, dass wir nicht so finanzstark sind wie viele andere Drittligisten. Das ist aber hier nur zweitrangig, denn wir sind vor allem ein Aus- und Weiterbildungsverein, das gilt auch für die Trainer. Ich sondiere den Markt zum Beispiel nach Kandidaten, die bei Regional- oder Oberligisten sehr gute Arbeit geleistet haben – das passt eher zu uns als Dorfklub, als einen Ex-Bundesliga-Trainer zu holen. Es muss auch für sie persönlich der nächste Karriereschritt sein, sie müssen sich bei uns weiterentwickeln und man muss sie für das begeistern können, was wir hier vorhaben.

Wie kommen Sie ein ums andere Mal auf solche Namen, die zumindest der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbekannt sind?

Ich schaue mir an, wer in den vergangenen fünf, sechs Jahren den DFB-Fußballlehrer-Lehrgang absolviert hat und wer davon auf dem Markt ist, denn wir müssen uns nicht mit Trainern beschäftigen, die irgendwo unter Vertrag stehen. Dann versucht man, über sein Netzwerk möglichst viele Informationen einzuholen. Im Falle von Heiner Backhaus habe ich beispielsweise unter anderem mit Rüdiger Rehm gesprochen, denn sie haben zusammen in Offenbach gespielt. Er konnte ihn mir als Typ beschreiben. Über Mike Sadlo habe ich mich stark in Leipzig informiert, wo ich viele Leute kenne. Letztlich gilt es aber, in persönlichen Gesprächen ein Gefühl zu entwickeln, ob es passt.

Ihre aktuelle Idee, zunächst einmal für den Rest dieser Drittliga-Runde auf ein Team aus Cheftrainer Mike Sadlo und Trainer Heiner Backhaus zu setzen, ist zumindest ungewöhnlich. Was versprechen Sie sich davon?

Ich bin der Meinung, dass die stets gleichen Ansprachen desselben Trainers auf und neben dem Platz und in Besprechungen irgendwann verpuffen. Wir wollten auch auf der Trainerposition wieder ein Wirgefühl erzeugen, denn in unserer Situation geht’s nur miteinander. So kam es auch zur Idee, mal ein Team zu bilden, in dem Mike Sadlo der Chef ist und die Verantwortung trägt, aber Heiner Backhaus viel mehr als ein üblicher Co-Trainer ist. Er wird auch immer wieder Ansprachen halten, weil die unterschiedlichen Temperamente der Truppe helfen, die Konzentration immer hochzuhalten.

Befürchten Sie kein Kompetenzgerangel?

Sie kennen sich seit der Zeit, als Heiner unter Mike bei Lok Leipzig gespielt hat, und wissen, wer welche Stärken hat. Es muss diskutiert werden, aber man kann die Entscheidungen auch im Team treffen und nicht nur als einzelne Person. Angenommen, der eine will 4-4-2 und der andere 4-2-3-1 spielen oder der eine setzt im Tor auf Maximilian Reule und der andere auf Constantin Frommann – wer hat das letzte Wort?

Früher hat der Cheftrainer, wie zuletzt zum Beispiel Oliver Zapel, alleine entschieden – so war’s dann, und das ist auch in Ordnung. Es ist aber auch möglich, im Team Entscheidungen zu treffen, hinter denen alle zu 100 Prozent stehen müssen. Dafür stehen wir doch auch als Verein, wir gehen unseren Weg. Sie müssen auf einen Nenner kommen und überzeugt sein, dass wir mit dieser Aufstellung oder diesem Kader punkten.

Was zeichnet die Trainer aus? Zunächst Sadlo.

Er beobachtet sehr viel, hat einen guten Zugang zu den Jungs und hört viel in die Mannschaft rein. Mike Sadlo ist eher ein Mann der etwas ruhigeren Töne.

...und Backhaus?

Er kommt stark über die Mentalität und spricht die Sprache der Spieler, zumal er bis vor wenigen Jahren noch selbst aktiv war. Er versucht, die Jungs über die Mentalität und die Emotionen zu packen.

Was sagt es aus, dass Backhaus in seiner Aktivenzeit für 19 Vereine in 4 Ländern spielte?

Er kann sechs bis sieben Sprachen. 19 Klubs bedeuten wohl auch 23, 24 Trainer. Heiner Backhaus hat in seiner aktiven Zeit viele Erfahrungswerte gesammelt, die er den Jungs vermitteln kann.

Wie fällt Ihr Fazit des Trainingslagers aus?

Positiv. Wichtig war, dass die neuen Trainer ständig mit dem Team zusammen waren und sich in zwei Einheiten pro Tag ein Bild machen konnten, weil sie im taktischen Bereich auch etwas ändern wollen. Die Bedingungen in der Türkei waren bis auf den verregneten Montag sehr gut.

Haben sich die Spieler, die den Karren im bisherigen Saisonverlauf in den Dreck gefahren haben, nach Ihren Vorstellungen präsentiert?

Es geht immer noch besser. Alle müssen liefern, denn der Kader ist besser, als es der 18. Platz aktuell aussagt. Uns fehlen mindestens sechs Punkte, damit ich sagen könnte: Okay, das passt. Alle Spieler sind unter den Erwartungen geblieben und müssen schauen, dass sie die Punkte, die uns fehlen, wiedergutmachen.

Dimitry Imbongo war nicht dabei, er darf sich nach nur einem halben Jahr einen neuen Verein suchen. Warum dieser Schritt und könnten noch weitere Spieler aussortiert werden?

Bei Dimi war nicht nur die sportliche Situation ausschlaggebend. Es war letztlich meine Entscheidung, ihm zu raten, dass er sich einen neuen Klub suchen soll, da er bei uns keine Perspektive mehr hat. Es liegt an den Trainern und Verantwortlichen, die Vorbereitung zu nutzen, um sagen zu können, wer seine Spielzeiten bekommen wird und für wen es vielleicht schwierig wird. Dann kann sich jeder seine Gedanken machen.

Mit Matthias Morys gibt’s schon einen Neuen für den Angriff. Sind weitere Verstärkungen nötig und wenn ja, für welche Positionen?

Wir werden noch mindestens zwei Spieler dazuholen, vielleicht sogar drei, das hängt von der Vorbereitung ab. Was die Positionen angeht, wollen wir uns noch einmal mit den Trainern zusammensetzen und schauen, was Sinn macht.

Ist dies das Eingeständnis, den Kader im Sommer überschätzt zu haben, und ist das einer der Fehler der Verantwortlichen, die Sie nach der Entlassung von Oliver Zapel einräumten?

Ich bin seit 13 Jahren dabei und immer noch der Meinung, dass die SG noch nie einen so breiten und guten Kader hatte wie in dieser Saison. Die Dritte Liga ist aber viel stärker, als sie es beim Aufstieg 2014 war, viele Vereine haben Qualität dazugewonnen. Wir dürfen von unserem Weg nicht abweichen, die Gemeinschaft macht uns als Dorfklub stark. Daher müssen wir es hinbekommen, wieder Emotionen und Leidenschaft reinzubringen und als Team aufzutreten, nur so können wir bestehen. Vielleicht haben wir beim Charakter jedes Einzelnen nicht genau genug hingeguckt – jeder muss gerne für diesen Klub spielen, auch wenn er nicht aus der Region kommt. Es wird immer schwerer, hier fündig zu werden, weil zum Beispiel der VfB II und die Kickers nur noch Oberliga spielen oder Aalen in die Regionalliga abgestiegen ist. Zudem sorgt der brutale Druck im Abstiegskampf dafür, dass wir den Spielern kaum die Zeit geben können, sich zu entwickeln, wie es unter anderem bei Kevin Broll der Fall war. Er durfte sich anfangs noch den einen oder anderen Fehler erlauben, weil wir im gesicherten Mittelfeld unterwegs waren.

Vier Zähler Rückstand auf den rettenden 16. Platz – klappt es noch mit dem Ligaverbleib?

Wir werden es auch dieses Jahr wieder packen, aber es wird wohl bis zum letzten Spieltag sehr eng bleiben. Wir haben 18 Endspiele und müssen mindestens 8 davon gewinnen, wenn nicht sogar 9.

Stimmt es, dass alle Verträge nur für die Dritte Liga gelten, und sorgt das für extra Druck?

Das stimmt und das ist auch gut so. Diesen Druck haben die Spieler auch selbst. Sie können sich ausmalen, ob es für sie bei einem Abstieg einen Markt in der Dritten Liga gibt oder nicht. Ich behaupte, sie haben einen besseren Markt, wenn sie als Drittliga-Spieler den Verein verlassen, als wenn sie als Absteiger gehen müssen oder dürfen.

Wäre unter diesen Umständen der sofortige Wiederaufstieg eine realistische Option?

Das wäre sehr, sehr schwer, deshalb werden wir alles tun, damit wir drinbleiben. Und wir werden es schaffen.

Auch das neue Trainerduo hat nur bis zum Saisonende unterschrieben. Ist es trotzdem das Ziel, nach den zuletzt recht kurzen Amtszeiten aller SG-Trainer wieder Kontinuität wie zu Rüdiger Rehms Zeiten reinzukriegen?

Auf alle Fälle. Beide sind davon überzeugt, dass wir es schaffen. Dann werden wir alles dafür tun, auch langfristig mit den beiden und dem ganzen Trainerteam zusammenzuarbeiten.

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Erstellt:
11. Januar 2020, 11:30 Uhr

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