„Zulegen können wir noch überall“

Großaspachs neuer Trainer Steffen Weiß sieht seine Elf auf dem richtigen Weg und bescheinigt seinem jungen Team viel Talent. Der 32-Jährige fordert für Schlüsselpositionen jedoch noch ein, zwei Verstärkungen für den Kader.

Wissend, dass in Aspach zuletzt einiges schieflief, blickt SG-Trainer Steffen Weiß der neuen Saison zuversichtlich entgegen. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Wissend, dass in Aspach zuletzt einiges schieflief, blickt SG-Trainer Steffen Weiß der neuen Saison zuversichtlich entgegen. Foto: A. Becher

Das erste Regionalliga-Jahr nach dem Drittliga-Abstieg war für die SG Sonnenhof fast schon eine Horrorsaison. Nur mit Glück vermieden Großaspachs Fußballer den Gang in die Oberliga. Mit Hans-Jürgen Boysen, Walter Thomae und Rainer Scharinger wurden allerdings gleich drei Trainer verbraucht. Nun hat Steffen Weiß im Fautenhau das Sagen. Der 32-Jährige soll mit einem erneut umgebauten Kader, dem mit jungen Spielern viel Blutauffrischung zukam, den Abwärtstrend stoppen. Im Interview sagt der SG-Coach zu der Herausforderung: „Wir müssen bereit sein, jeden Stein auch als Team umzudrehen und es besser machen zu wollen.“

Herr Weiß, am Sonntag beginnt für die 19 Regionalligisten die neue Saison. Ist die SG Sonnenhof dafür gerüstet?

Vom Training her sind wir sehr gut gerüstet. Ich glaube, wir hatten aber eine gemischte Vorbereitung. Leider auch mit dem Pokalaus in Bissingen. Sicher war die Partie von der Personallage her nicht einfach. Klar ist jedoch, dass es dennoch unser Anspruch sein muss, so ein Pokalspiel zu gewinnen. Klar ist aus meiner Sicht aber auch, dass bei uns auf Schlüsselpositionen ein, zwei Ergänzungen noch notwendig sind.

Wo sehen Sie im personellen Bereich noch die größten Baustellen?

Grundsätzlich wollen wir ein junges Team mit Spielern formen, die sich mit der SG identifizieren. Das benötigt Zeit, soll und muss aber unser Weg sein. Das habe ich bei meinem Antritt hier auch gesagt. Eine so junge Mannschaft wie jetzt hatte die SG seit Langem nicht und dieser Weg ist absolut richtig. Was wir sicher noch benötigen, ist ein linker Innenverteidiger. Sicher haben wir Alternativlösungen, können Spieler wie Ken Gipson oder Bastian Frölich spielen lassen, die das bisher gut machen, das sind aber keine gelernten Innenverteidiger. Hinzu kommt, dass Kai Gehring die ersten drei Spiele wegen der Roten Karte aus der Vorsaison ausfällt und wir außer Jonas Brändle keinen weiteren Linksfuß im Team haben.

Und der Torwartbereich? Max Reule ist verletzt. Es gibt dort derzeit nur den 19-jährigen David Nreca-Bisinger und zwei noch jüngere Nachwuchskräfte.

Wir werden uns vermutlich noch mit einem weiteren Nachwuchskeeper ergänzen, da Max noch eine Zeit lang ausfällt. David hat in der Vorbereitung einen guten Eindruck gemacht, viele Spiele gehabt und im Training überzeugt. Man darf nicht vergessen, dass er immer noch sehr jung ist. Mit ihm bin ich deshalb sehr zufrieden, er wird sich nicht ausruhen und weiter hart arbeiten.

In der Vorbereitung gab’s akzeptable Leistungen, aber kein Glanzlicht. Wo sehen Sie den größten Steigerungsbedarf?

Um es klar und deutlich zu sagen: Wir können überall noch zulegen. Das ist aber auch normal. Wir haben eine junge, entwicklungsfähige Mannschaft, die im Laufe der Vorbereitung schon massive Fortschritte gemacht hat. Der Spielaufbau, das Pressing und das hohe Anlaufen werden in großen Teilen bereits umgesetzt. Noch zulegen müssen wir vor allem im letzten Drittel. Wir hatten in jedem Spiel unsere Möglichkeiten, haben aber viel zu wenig daraus gemacht. Wir müssen also noch mehr Torchancen kreieren, die Box noch besser besetzen und die Chancen letztendlich dann auch nutzen.

Wie waren Sie insgesamt zufrieden?

Mit den Trainingseinheiten, der Intensität, den Jungs sowie mit deren Charaktereigenschaften bin ich wirklich sehr zufrieden. Wichtig ist aber, dass wir mit der richtigen Einstellung und im Kollektiv die Sache angehen. Die letzte Saison war nicht gut, das ist mittlerweile bekannt. Deshalb muss jeder kleine Mosaikstein angeschaut werden, damit wir uns auf Dauer wieder verbessern können. Sowohl was das Training angeht, den Spielerkader und die Organisation rund um die Mannschaft. Da ist jeder gefordert und jede Kleinigkeit kann am Ende dazu beitragen, dass es eine bessere Saison wird. Wir müssen nur dazu bereit sein, jeden Stein auch als Team umzudrehen und es besser machen zu wollen.

In der Vorsaison hieß es stets, die Qualität der Spieler sei hoch. Auf dem Platz war das selten zu sehen. Was stimmt Sie optimistisch, dass es besser wird?

Ich kann mich da natürlich nicht vollständig hineinversetzen, da ich letzte Saison noch nicht hier war und auch nicht weiß, wie die Trainingseinheiten verliefen. Ich habe aber einige Spiele gesehen und mir logischerweise auch alle Tore sowie Gegentore noch einmal angeschaut. Am Ende muss man einfach sagen, dass da Platz 19 und eine Tordifferenz von minus 23 standen. Es wurden also kurz gesagt zu viele Gegentore kassiert und auf der anderen Seite deutlich zu wenige Treffer erzielt. Wenn ich das jetzt auf unsere aktuelle Verfassung transformiere, dann muss ich sagen, dass auch wir in der Vorbereitung für den Gegner zu viel zugelassen haben und unsere eigenen Torchancen nicht so genutzt haben, dass wir Ruhe ins Spiel bekommen. Das wird in dieser Runde ganz entscheidend sein und darauf wollen wir vorbereitet sein.

Auch weil die Gefahr groß ist, dass die vielen Negativerlebnisse der jüngsten Vergangenheit tiefer verankert sind?

Ganz ehrlich: Wenn wir immer nur negativ sprechen, dann wird auch alles negativ bleiben. Wir müssen gemeinsam nach vorne schauen und anpacken. Alles andere ist Schnee von gestern. Mentale Themen sind im Fußball ganz normal, wir haben nun aber zum Teil schon gezeigt, dass wir Rückschläge wegstecken können. Im Pokal beispielsweise lagen wir in Hall zweimal hinten und kamen erfolgreich zurück. Im Testspiel gegen den ambitionierten Drittligisten Türkgücü München waren vor allem die ersten zehn Minuten besonders schwierig für uns, aber auch das haben wir gut weggesteckt und auch der Gegentreffer hat uns nicht aus der Ruhe gebracht. Aber es ist eben immer noch ein Unterschied, ob es ein richtiger Regionalliga-Wettkampf ist oder ein Vorbereitungsspiel. Wir müssen einfach sehen, dass uns im Wettkampf in solchen Situationen ein Turnaround gelingt.

Wie zuversichtlich sind Sie dafür?

Ich sehe ja, was und wie die Jungs trainieren, und da muss ich sie schon sehr loben. Wie sie mitziehen, diese Intensität, die vielen Ballkontakte und das hohe Pressing, das abgerufen wird – das macht mir Mut. Aber bei all dem dürfen wir nicht vergessen, dass wir eine sehr, sehr junge Truppe haben, dass Fehler passieren werden, die aber auch immer zum Lernprozess dazugehören.

Kann es zum Problem werden, wenn der Saisonauftakt danebengeht?

Wir arbeiten und sprechen mit der Mannschaft so, dass wir die Verantwortung bereits im Vorfeld verteilen. Auf dem Platz, aber auch vom Trainerteam ins Team hinein. Eben so, dass die Möglichkeit besteht, dass sich mehrere Spieler damit auseinandersetzen und das richtig kanalisieren können. Fußball ist bekanntlich nicht immer nur Sonnenschein, sondern es gibt gute und manchmal eben auch schlechte Wochen.

Sie sprechen von Verantwortung verteilen, wollten Sie auch deshalb einen Co-Trainer, der eine Ergänzung zu Ihnen darstellt, der mal widerspricht? Erfüllt Marcus Lauer diese Anforderung? Und ich frage mal etwas ketzerisch: Wie oft wurden die Messer schon gewetzt?

Messer wurden noch keine gewetzt, aber wir haben schon die eine oder andere Diskussion geführt. Das ist ganz gut so. Marcus hat klare Aufgabenbereiche, für die er zuständig ist. Er verantwortet insbesondere all das, was die Standards angeht und hat da – nur als kleines Beispiel – einen klaren Auftrag. In der Vorsaison erzielte die SG nach Standards 15 Tore. Das ist gut. Das Problem ist, dass aus Standardsituationen heraus wiederum auch 23 Gegentore entstanden sind. Das macht eine Differenz von minus acht und Marcus muss nun daran arbeiten, dass wir diese Bilanz ins Positive wenden.

Auf welche Ausrichtung der SG darf der Fan sich freuen? Bedingungslose Offensive, tief stehend oder was dazwischen?

Das wird von Spiel zu Spiel abhängig sein. Von Thomas Tuchel habe ich gelesen: Flexibilität ist King. Das sind zwar ganz andere Sphären, aber schlussendlich setzen wir das um, womit das Team erfolgreich sein kann. Wir werden versuchen, hoch anzulaufen und zu pressen. Wir wollen selbst etwas mit dem Ball gestalten und ihn nicht nur sinnlos nach vorne bolzen. Trotzdem kann es sein, dass wir für eine bestimmte Periode im Spiel auch mal mit einem tiefen Block verteidigen. Wenn wir zum Beispiel das Spiel im hohen Anlaufen nicht in den Griff bekommen. Es wird auch vorkommen, dass der Gegner eine besonders gute Analyse gemacht und sich etwas ausgedacht hat, wie er uns bestmöglich ausspielen kann. Darauf müssen wir flexibel reagieren. So ein tiefer Block ist da punktuell eine Lösung. Zumal wir nicht vergessen dürfen, dass wir über ein durchaus gutes Umschaltspiel verfügen.

Wo steht Aspach am Saisonende – in der ersten oder zweiten Tabellenhälfte?

Wir haben den genau richtigen Weg eingeschlagen und haben ein sehr junges und entwicklungsfähiges Team. Wichtig für den Saisonverlauf wird sein, wie wir in die ersten vier, fünf Spiele starten. Wir müssen uns mit gutem Training kontinuierlich nach oben arbeiten, gleichzeitig aber auch mit Negativresultaten umgehen können. Dann werden wir sehen, wo wir am Saisonende stehen. Bisher gab es aber noch kein Spiel, bei dem ich mir so die Haare raufen musste, dass Gefahr bestand, sie zu verlieren.

Aber nur Abstiegskampf wird ja wohl nicht das Ziel sein?

Natürlich sehe ich das Potenzial der Mannschaft und weiß, was die Jungs können. Ich habe ja schon nach den Pokalspielen in Hall und Sindringen gesagt, dass wir es hinbekommen müssen, gegen solche Gegner dominant aufzutreten. Ein 3:2 oder souveränes 3:0 gegen einen Landesligisten reicht mir einfach nicht – und damit will ich die Gegner gar nicht abwerten. Aber wir müssen da einfach mehr anbieten, mehr zeigen und unsere vielen Chancen in Tore ummünzen.

Woran hakt es denn noch?

Es hakt an nichts, die Frage ist vielmehr, wie schnell wir unsere jungen Spieler so entwickeln, um genau so aufzutreten, wie wir uns das vorstellen. Hier sind besonders die erfahrenen Spieler wie Steven, Nico, Ken oder Kai gefordert. Da die Kaderplanung aber noch nicht abgeschlossen ist, werden wir bei den Zugängen darauf achten, dass diese nach Möglichkeit noch mehr Lautstärke, Stimmung, Emotion und mentale Stärke auf den Platz bringen. Wir müssen es schaffen, bei den Zuschauern wieder ein Feuer zu entfachen. Sehr viele unserer Jungs sind talentiert, aber noch nicht so erfahren. Sie benötigen die Unterstützung der Fans – vor allem dann, wenn es eng wird. Wir freuen uns darauf, endlich wieder vor unseren Anhängern spielen zu dürfen, und wollen eine echte Einheit werden – mit allen Rot-Schwarzen.

Das Gespräch führte Uwe Flegel.

Steffen Weiß

Persönliches: Steffen Weiß wurde am 23. September in Bad Fallingbostel geboren und wuchs in der Stadt mit rund 12100 Einwohnern in der Lüneburger Heide auf.

Sportliches: Der 32-jährige Inhaber der A-Lizenz hörte als Spieler bereits mit 21 Jahren wegen einer schweren Verletzung auf und schlug früh eine Laufbahn als Trainer ein. Nach ersten Stationen in seiner Heimat landete er 2015 als Jugend- und als Sportschultrainer des Fußballverbands Sachsen-Anhalt in Halle. Ein Jahr später ging es zum HSV, wo er erst Jugend- und dann ab März 2018 Trainer des Regionalliga-Teams war. Im Januar 2020 wurde er für neun Monate Leiter des Nachwuchsleistungszentrums des Drittligisten Hallescher FC. Seit sechs Wochen ist er nun Cheftrainer in Aspach.

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Erstellt:
12. August 2021, 11:30 Uhr

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