Eine Auszeit für Kinder und Eltern

Bürgerpreis Rems-Murr Die Hospizstiftung Rems-Murr bietet in ihren neuen Räumen in Backnang seit diesem Jahr eine Betreuung für Kinder mit lebensverkürzenden Krankheiten an. Getragen wird das Angebot größtenteils von Ehrenamtlichen.

Michael Arnold werkelt zusammen mit dem 14-jährigen Leon mit Holz, Sibylle Löchner backt derweil mit der zehnjährigen Leni Waffeln. Bei der Betreuung im Backnanger Tageshospiz hat jedes Kind sein eigenes Programm. Foto: Alexander Becher

© Alexander Becher

Michael Arnold werkelt zusammen mit dem 14-jährigen Leon mit Holz, Sibylle Löchner backt derweil mit der zehnjährigen Leni Waffeln. Bei der Betreuung im Backnanger Tageshospiz hat jedes Kind sein eigenes Programm. Foto: Alexander Becher

Backnang. Leon liebt das Geräusch des Akkubohrers. Immer wieder drückt der 14-Jährige auf den roten Knopf und schaut fasziniert zu, wie der Bohrkopf im Holz verschwindet. Am Ende hat er allerdings etwas zu tief gebohrt und das Holz bricht auseinander. Aber das macht nichts: Michael Arnold hat noch eine ganze Kiste mit Klötzen dabei, die er zusammen mit Leon bearbeiten kann. Am Ende wollen sie aus den Einzelteilen ein hölzernes Pferd bauen.

Leon ist an diesem Nachmittag zu Gast im dritten Stock des stationären Hospizes in Backnang, wo der Kinderhospizdienst Pusteblume seine tageshospizliche Betreuung anbietet. Als Leons Mutter davon hörte, wollte sie zunächst gar nicht mit ihm dort hingehen. „Bei Hospiz denkt man doch: Da geht man zum Sterben hin“, sagt Simone Schneider-Paxian aus Allmersbach im Tal. Ihr Sohn ist zwar mit einem sehr seltenen Gendefekt auf die Welt gekommen und hat dadurch eine verkürzte Lebenserwartung. Im Moment geht es ihm aber gut und das kann auch noch viele Jahre so bleiben.

Anders als im stationären Hospiz gehe es im Tageshospiz für Kinder aber gar nicht um eine Begleitung in der letzten Lebensphase, erklärt Heinz Franke, Vorsitzender der Hospizstiftung Rems-Murr. Das Hauptziel sei hier, die Eltern zu entlasten: „Das ist essenziell, damit sie die Kraft und die Ausdauer haben, um ihre Kinder über eine so lange Zeit zu begleiten“, erklärt Franke.

Schon seit vielen Jahren besuchen Ehrenamtliche des Kinderhospizdiensts Familien in deren Wohnungen, seit diesem Jahr bietet er auch eine Betreuung in seinen neuen Räumen in Backnang an. Vor allem während der Schulferien ist das Angebot gefragt. „Zwei Wochen Ferien können unfassbar lang sein“, sagt Julia Nuding. Die Tage im Hospiz sind sowohl für sie als auch für ihre zehnjährige Tochter Leni eine willkommene Abwechslung.

Leni hat aufgrund von Sauerstoffmangel während der Geburt eine schwere Behinderung und kann nicht sprechen. „Aber wenn ich ihr sage, dass wir nach Backnang fahren, zeigt sie mir, dass sie sich freut“, erzählt die Mutter. Sie selbst nutzt die Tage für eine Auszeit, geht einen Kaffee trinken oder entspannt sich in der Sauna. Weil sie weiß, dass Leni gut betreut ist, kann sie diese Zeit genießen, ganz ohne schlechtes Gewissen.

Möglich ist dieses Angebot nur dank der Unterstützung vieler ehrenamtlicher Kräfte. Alle haben zuvor eine mehrmonatige Ausbildung absolviert. Im Tageshospiz hat jedes Kind seine eigene Betreuerin oder seinen Betreuer. Für Leon ist an diesem Nachmittag Michael Arnold zuständig. Der gelernte Schreiner ist genau der Richtige, um zusammen mit dem 14-Jährigen zu werkeln. Um Leni kümmert sich derweil Gerti Stroh. Sie singt mit der Zehnjährigen, liest ihr Geschichten vor und begleitet sie in den sogenannten Snoezelen-Raum. In dem abgedunkelten Zimmer lässt eine Discokugel Lichtpunkte durchs Zimmer fliegen und ein Projektor wirft wechselnde Landschaftsbilder auf die Wand. In dieser Atmosphäre kann sich Leni besonders gut entspannen.

Michael Arnold engagiert sich schon seit 15 Jahren beim Kinderhospizdienst, Gerti Stroh ist seit zwölf Jahren dabei. „Es ist eine sehr befriedigende Arbeit“, findet die rüstige Seniorin. Zusätzlich zu den ehrenamtlichen Betreuungspersonen ist Sibylle Löchner immer mit dabei. Sie ist ausgebildete Kinderkrankenschwester und übernimmt alle pflegerischen Aufgaben.

Weitere Themen

Bezahlt wird das neue Angebot bisher ausschließlich mit Spendengeldern, denn die Krankenkassen fühlten sich nicht zuständig, bedauert Heinz Franke. „Ich habe dann gesagt: Das ist mir egal. Wir machen es trotzdem und schauen, wie wir es finanziert bekommen.“ Für die Eltern ist die Betreuung kostenlos.

Der Tod ist an diesem Nachmittag im Kinderhospiz weit weg, trotzdem kann er jederzeit ein Thema werden. Nicoletta Dierkes aus Waiblingen weiß das aus eigener Erfahrung. Ihre Tochter Eliana wurde nur vier Jahre alt. Auch sie entwickelte sich wegen eines Gendefekts nicht wie andere Kinder und war rund um die Uhr auf Pflege angewiesen. Ihr Tod im Januar 2017 kam trotzdem unerwartet. In ihrer Trauer fand die Familie Hilfe beim Kinderhospizdienst Pusteblume. „Wir haben uns hier sofort sehr wohl und aufgehoben gefühlt“, erzählt die Mutter. In Backnang traf sie andere Betroffene und ausgebildete Trauerbegleiterinnen: „Es tat gut, dass da jemand war, der den Schmerz mit mir aushält.“

Heute engagiert sich Nicoletta Dierkes selbst ehrenamtlich bei der „Pusteblume“. Regelmäßig besucht sie Familien, in denen ein Kind oder ein Elternteil verstorben ist. Dort kümmert sie sich vor allem um die Geschwisterkinder. „Diese Kinder versuchen oft, zu funktionieren, weil sie ihren Eltern nicht zur Last fallen wollen“, hat sie festgestellt. Dabei litten sie genauso unter dem Verlust. Bei ihren Besuchen schenkt die 42-Jährige diesen Kindern deshalb ihre volle Aufmerksamkeit. „Mein Job ist es, dass sie eine gute Zeit haben“, sagt Dierkes. Sie geht mit ihnen ins Kino, spielt Basketball oder Gesellschaftsspiele. Ob es bei ihren Besuchen auch um Trauer geht, entscheiden die Kinder. Steht etwa der Geburtstag des verstorbenen Vaters oder der verstorbenen Schwester an, fragt Nicoletta Dierkes, ob sie dafür eine Kerze basteln sollen. „Dabei fangen dann viele Kinder an zu erzählen“, berichtet die Hospizmitarbeiterin. Wenn nicht, ist das für sie auch okay. „Alle Emotionen sind erlaubt.“

Nicoletta Dierkes, die im Hauptberuf in der Verwaltung bei der Polizei arbeitet, ist froh, dass sie diese Aufgabe gefunden hat. „Ich werde oft gefragt, wie ich diese Arbeit machen kann, aber ich bekomme unfassbar viel zurück.“ Nach dem Trost und der Hilfe, die sie nach dem Tod ihrer Tochter erfahren hat, ist sie dankbar dafür, dass sie nun anderen Trost und Hilfe geben kann.

Leserpreis Mit dieser Folge endet die Vorstellung der Initiativen, die beim Bürgerpreis Rems-Murr für den Leserpreis der Backnanger Kreiszeitung und der Murrhardter Zeitung nominiert sind. Abstimmen für den eigenen Favoriten kann man vom 18. Juli bis zum 2. August auf www.bkz.de oder per Post.
Eine Auszeit für Kinder und Eltern
Eine Auszeit für Kinder und Eltern

© Alexander Becher

„Es tat gut, dass da jemand war, der den Schmerz mit mir aushält.“

Nicoletta Dierkes, hat ihr Kind verloren

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Erstellt:
14. Juli 2026, 06:00 Uhr

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