Aus Gästen werden Gastgeber: Geflüchtete laden in der ZWR zum Beisammensein ein
Bürgerpreis Rems-Murr Mit ihrem Projekt „ShareZeit“ möchte die Zukunftswerkstatt Rückenwind einen Begegnungsort mitten in Backnang schaffen. Menschen mit Fluchterfahrung gestalten Angebote wie Sprachcafés oder Kochkurse, bei denen alle, die mögen, mitmachen können.
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Daniil Pushkar und Olena Herasymova aus der Ukraine bieten im Rahmen des Projekts einen Karaokeabend an. Foto: Alexander Becher
Backnang. Es ist kurz vor 18 Uhr, Olena Herasymova ist bereit für den Soundcheck. Die 19-Jährige nimmt das Mikrofon in die Hand und stimmt den Song „Riptide“ von Vance Joy an: „Lady, runnin’ down to the riptide, Taken away to the dark side...“ Ihr Freund Daniil Pushkar (19) sitzt am Mischpult. Beim Karaokeabend im Schwanen, der Heimat der Zukunftswerkstatt Rückenwind (ZWR) in der Backnanger Schillerstraße 9, kümmert er sich darum, dass der Sound gut klingt. Bereits in der Ukraine, aus der die beiden 2024 vor dem russischen Angriffskrieg geflüchtet sind, hat die Musik eine große Rolle in ihrem Leben gespielt. Olena Herasymova war auf der Musikschule. Hier in Deutschland singt sie auf Konzerten.
Dass sie und Daniil Pushkar in der ZWR einen Karaokeabend anbieten könnten, war die Idee von Misha Rybalchenko, der ebenfalls aus der Ukraine stammt und hauptamtlich bei der ZWR tätig ist.
Tatsächlich passen die beiden perfekt zum ZWR-Projekt „ShareZeit“, in dessen Rahmen der Karaokeabend läuft. Die Idee: Ehrenamtliche mit Fluchterfahrung bieten Veranstaltungen und Kurse an, bei denen alle mitmachen können, die möchten. Und das sogar kostenfrei. So soll der Schwanen zu einem Begegnungsort in der Backnanger Innenstadt werden, wo möglichst viele verschiedene Menschen aufeinandertreffen.
Gestartet ist das Projekt 2025. In dem Jahr wurden zehn Miniprojekte umgesetzt, darunter das wöchentliche Sprachcafé, die zweiwöchentliche Jam-Oase, bei der sich Musikbegeisterte zum Musizieren treffen, und die monatliche „Weltreise im Wohnzimmer“: ein kulinarischer Ausflug, der jedes Mal in ein anderes Land und in ein anderes Wohnzimmer führt. Letztes Mal wurden kurdische Gerichte verspeist.
Alle bisherigen Angebote laufen dieses Jahr weiter. Zudem sind fünf neue Projekte gestartet, fünf weitere sind in Planung. „Bisher haben wir mit den Miniprojekten rund 150 Teilnehmende erreicht“, berichtet ZWR-Leiterin Hannah Nothstein. Es gehe darum, dass Menschen verschiedenster Herkunft und jeden Alters Verbundenheit erleben, gemeinsame Erlebnisse schaffen und einfach eine schöne Zeit miteinander erleben, verdeutlicht sie. Auch die WM-Spiele werden im Rahmen von „ShareZeit“ in der ZWR gezeigt. „Wir möchten Menschen hierherholen, die vorher vielleicht noch nie etwas mit der ZWR zu tun hatten“, sagt Hannah Nothstein. „Mit dem Projekt wollen wir wirklich Brücken schlagen.“
Die Ehrenamtlichen möchten der Gesellschaft etwas zurückgeben
Weitere Themen
Die Laufzeit ist bis Ende 2027 gesichert. Bis dahin sollen insgesamt 60 Ehrenamtliche Angebote erschaffen. Momentan sind es 40. „Jedes Jahr kommen 20 Personen dazu“, so Hannah Nothstein. Sie werden durch das Projekt zu Gestaltern und Gestalterinnen, die der Gesellschaft, die sie aufgenommen hat, dadurch etwas zurückgeben können.
Viele Ehrenamtliche haben Lust, sich bei „ShareZeit“ zu engagieren. „Die Leute, die etwas anbieten wollen, zu finden, war nie das Problem“, sagt die ZWR-Leiterin. „Viele wollen sich einbringen. Wir als ZWR sind der limitierende Faktor, weil unsere Räumlichkeiten oft schon belegt sind.“
Wer mitmachen darf, durchläuft zuerst eine Schulung. Dabei geht es um Themen wie Erste Hilfe und Organisation, aber auch darum, wie man mit heiklen Situationen umgehen kann – zum Beispiel, wenn ein Teilnehmer plötzlich sagt, er spreche nicht mit einer Frau mit Kopftuch. So etwas sei tatsächlich schon vorgekommen, berichtet Hannah Nothstein. Das Projekt „ShareZeit“ soll dazu beitragen, mehr Verständnis füreinander zu schaffen. „Wir wollen sogar diejenigen ansprechen, die Geflüchteten kritisch gegenüberstehen“, sagt sie. „Um zu zeigen, dass Menschen mit Fluchterfahrung schon sehr viel mitbringen an Ressourcen. Es lohnt sich, seinen Nachbarn kennenzulernen – oft kommt es zu Aha-Momenten.“
Bei den Veranstaltungen sei im Prinzip für alle etwas dabei, sagt Hannah Nothstein und ermutigt dazu, sich das Angebot einmal genauer anzuschauen (siehe Infotext).
Beim Karaokeabend trudeln nach und nach immer mehr Gäste ein. Sie hoffe, dass viele Leute kommen und Lieder aus allen Ländern singen, sagt Olena Herasymova. „Ich selbst singe gerne ukrainische Volkslieder, möchte aber auch mehr deutsche Lieder singen“, erzählt sie. Ihr Lieblingssong beim Karaoke? „Riptide“, natürlich.
Leserpreis In einer Serie stellen wir die Kandidaten aus unserem Verbreitungsgebiet vor, die beim Bürgerpreis Rems-Murr für den Leserpreis der Backnanger Kreiszeitung und der Murrhardter Zeitung nominiert sind. Abstimmen für den eigenen Favoriten kann man vom 18. Juli bis zum 2. August auf www.bkz.de oder per Post.Projekt Das ZWR-Projekt „ShareZeit“ macht Ehrenamtliche mit Fluchterfahrung zu Gestalterinnen und Gestaltern. Sie bieten Kurse oder Veranstaltungen an, die allen Menschen offenstehen.
Förderung Das Projekt wird gefördert im Rahmen des Bundesprogramms „Gesellschaftlicher Zusammenhalt – Vor Ort. Vernetzt. Verbunden.“ mit Mitteln des Bundesministeriums des Innern.
Mitmachen Die einzelnen Veranstaltungen im Überblick findet man hier: t1p.de/5180t. Die Teilnahme ist kostenlos, eine vorherige Anmeldung ist notwendig, da die Plätze begrenzt sind.
