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„Reale Politik mit Mitteln der Satire“

Satirepartei „Die Partei“ jetzt auch in Backnang: Ortsverband mit 25 Mitgliedern gegründet – „Wir sind die extreme Mitte“

Die kommunalpolitische Welt in Backnang ist wieder etwas bunter geworden: Die Satirepartei „Die Partei“ hat jetzt auch hier einen Ortsverband. Ihre Ziel: Irgendwann einmal das Ruder übernehmen. Doch bis dahin bleibt noch etwas Zeit – oder doch nicht?

„Die Partei“ provoziert gerne. So ging’s am Sonntag mit Burkini ins Hallenbad.

„Die Partei“ provoziert gerne. So ging’s am Sonntag mit Burkini ins Hallenbad.

Von Silke Latzel

BACKNANG. Bei der Europawahl 2019 sorgten sie für eine der größten Überraschungen, bekamen fast 900000 Stimmen und waren bei manchen Wählergruppen zweitstärkste Kraft nach der CDU. Die Rede ist von der Partei „Die Partei“. Und seit etwas mehr als einer Woche gibt es sie auch in Backnang – im „Wohnzimmer“ fand die Gründungsversammlung statt. Diese war laut Aussage der Teilnehmenden sehr lustig und feuchtfröhlich – kein Wunder, jeder zweite Tagesordnungspunkt der Sitzung hieß schließlich „Biertrinken“. Und mit den 25 Mitgliedern, die der Ortsverband nun hat, ist der Vorstand sehr zufrieden.

Wieso es in der beschaulichen Murr-Kommune jetzt einen Ableger der „Partei“ gibt, kann der Ortsvorsitzende Marco Schlich ganz einfach und mit bestechender Logik begründen: „Es gab bislang keinen.“ Zudem böten sich die Aktivitäten des Backnanger Gemeinderats geradezu an, hier als „Die Partei“ in Aktion zu treten.

Genau heißt der Ableger übrigens „Die Partei Ortsverband Backnanger Bucht“, damit sich auch die Menschen der angrenzenden Orte angesprochen fühlen. Den Vorwurf, dass sie eine Spaßpartei sind und sich gar nicht wirklich für Politik interessieren, wollen die Mitglieder nicht einfach so stehen lassen: „Wir sind eine Satirepartei. Als Spaßparteien verstehen wir andere, so wie etwa die CSU, die beispielsweise eine Autobahnmaut durchbringen will, die aber laut europäischem Recht gar nicht möglich ist.“ Schlich betont außerdem: „Wir machen reale Politik mit den Mitteln der Satire. Und bei uns ist eben auch alles ein bisschen lockerer. Denn: Politik darf auch Spaß machen.“ Man wolle vor allem Missstände aufzeigen, zum Nachdenken und Diskutieren anregen.

„Wir sind die extreme Mitte, weder links noch rechts“

Immer wieder erregt „Die Partei“ Aufmerksamkeit. Wahlplakate mit Botschaften wie „Wer Neuland nicht liebt, soll Neuland verlassen“ oder das Bild eines Kükens neben dem Spruch „Genieße jeden Tag, als sei es dein letzter“ provozieren – und passen nicht allen. „Man regt sich über uns und unsere Plakate auf, dabei sollte man sich eigentlich über die Probleme aufregen, die wir darstellen“, fordert Schlich. „Durch so etwas machen wir auch die Normalos, die sich für Politik sonst nicht interessieren, auf die aktuellen Themen aufmerksam“, erklärt Mascha Indira Hausschildt, Schatzmeisterin des Ortsverbands.

„Die Partei“ provoziert. Und das tut sie gerne und wissentlich. Auch Hausschildt und Schlich wissen, dass der eine oder andere sich über ihre Äußerungen aufregt und aufregen wird. Trotzdem – oder vermutlich gerade deshalb – fallen im Gespräch mit unserer Zeitung auch Sätze wie: „Die Dummen wählen aus Protest die AfD, die Klugen wählen aus Protest ,Die Partei‘. Weil wir einfach immer noch die menschliche Lösung sind.“

Doch trotz solcher Aussagen wollen sie sich keinem politischen Spektrum zuordnen lassen. „Wir sind die extreme Mitte, weder links noch rechts, weder liberal noch konservativ. Wir wollen aus dem gesamten Spektrum Wähler abgreifen, und sind da auch ziemlich pragmatisch: Wir lassen uns von allen wählen“, erklärt Schlich. „Wir sind die einzige Partei, die wirklich in der Mitte steht. Und das ist manchmal nicht einfach, wenn man immer von Spaßparteien umzingelt ist.“

Ob „Die Partei“ bei der nächsten Gemeinderatswahl mit einer eigenen Liste in Backnang antreten wird, ist noch nicht sicher, 2019 kandidierte Schlich noch für die Backnanger Demokraten. „Mal schauen. Angesichts des Klimawandels bleibt uns ja nicht mehr viel Zeit, das Ruder herumzureißen. Und es ist noch nicht entschieden, ob wir uns da nicht lieber auf unser nahendes Ende vorbereiten, als für den Gemeinderat zu kandidieren“, sagt der 43-Jährige. Sollte man allerdings mit einer Liste antreten, dann sei das Ziel schon jetzt klar: 100 Prozent plus X. „Der Himmel ist das Limit. Irgendwann wollen wir hier schon das Ruder übernehmen“, so der Vorsitzende. Das Positive sei dann, dass man einfach die Liste der vielen Versprechen abarbeiten könne, „die in der Vergangenheit vom Gemeinderat gemacht, aber nie gehalten wurden“, wie beispielsweise eine Skateranlage oder bessere Fahrradwege. „Und die Liste ist lang. Wir müssten uns gar keine eigenen Gedanken machen, sondern könnten stattdessen jeden Tag Eis essen gehen.“ Doch noch ist es nicht so weit. Daher sehe man sich jetzt erst einmal als „außergemeinderätliche Opposition“.

Konkrete Forderungen und Pläne, die die Mitglieder lokal umsetzen wollen, gibt es noch nicht, aber „da fällt uns schon noch was ein“, sind Schlich und Hausschildt sich einig. Ins Spiel bringen die beiden dann aus dem Stegreif eine Bierpreisbremse für Backnang und „eine Seilbahn vom Bahnhof zur Bleichwiese mit Zwischenstopp auf dem Stadtturm, dort könnte man dann ein kleines Café einrichten“. Jonas Blochinger, Zweiter Vorsitzender des Ortsverbands, stimmt dieser Idee sofort begeistert zu. „So könnte man sich hier auch viel sicherer fortbewegen als mit dem Fahrrad.“ Einen ganz besonderen Vorsprung habe man übrigens gegenüber den Altparteien: „Wir sind ehrlicher als alle anderen, weil wir von vorneherein sagen, dass wir unsere Wahlversprechen nicht einhalten werden“, so die 20-jährige Hausschildt.

Die Backnanger Mitglieder der „Partei“ sind laut den Vorsitzenden eine bunte Mischung, nicht nur jüngere Menschen haben sich angeschlossen, „unser ältestes Mitglied ist Mitte 40. Und sie alle sind außergewöhnlich schön und außergewöhnlich klug“, sagt Schlich. Zum bekanntesten Gesicht der „Partei“, Martin Sonneborn, Vorsitzender und Mitglied des Europäischen Parlaments, besteht noch kein engerer Kontakt –„er hat in Brüssel genug zu tun“.

Die erste Aktion der Backnanger Ortsgruppe der „Partei“ fand übrigens am Sonntagnachmittag im „Wonnemar“ statt: In Burkini und Badebekleidung der 1920er-Jahre ging’s ab ins Wasser. Hausschildt dazu: „Dadurch, dass auch Männer Burkini getragen haben, kann das Argument, er steht für die Unterdrückung der Frau, auch nicht mehr genutzt werden.“ Bei dem Erscheinen in der Badehalle gab es ein wenig Diskussion unter den Bademeistern. „Vonseiten der Badegäste bekamen wir keinerlei negative Kritik, obwohl wir natürlich auffielen und von vielen Seiten beobachtet wurden“, fasst Schlich zusammen. Einige Badegäste waren dann aber doch neugierig und hakten nach. „Den allermeisten Badegästen war unser Aussehen allerdings schlichtweg egal. Ach ja, wichtige Zusatzinformation: Anzahl der wegen uns weinenden Kinder im Laufe von vier Stunden: null.“

„Außergewöhnlich schön und außergewöhnlich klug“: (von links) Kai-Uwe Beißwenger (Social-Cyber-Beauftragter), Jonas Blochinger (2. Vorsitzender), Marco Schlich (Ostvorsitzender), Mascha Indira Hausschildt (Schatzmeisterin) und Patrick Vetter (Cyber-Beauftragter) bilden den Vorstand der Partei „Die Partei Ortsverband Backnanger Bucht“. Fotos: privat

„Außergewöhnlich schön und außergewöhnlich klug“: (von links) Kai-Uwe Beißwenger (Social-Cyber-Beauftragter), Jonas Blochinger (2. Vorsitzender), Marco Schlich (Ostvorsitzender), Mascha Indira Hausschildt (Schatzmeisterin) und Patrick Vetter (Cyber-Beauftragter) bilden den Vorstand der Partei „Die Partei Ortsverband Backnanger Bucht“. Fotos: privat

Info
Wer, wo, wann, was?

Die Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative (Kurzbezeichnung: Die PARTEI, ein Apronym ihres Namens) ist eine deutsche Kleinpartei.

Sie wurde 2004 von Redakteuren des Satiremagazins Titanic gegründet.

Im Europäischen Parlament ist sie durch ihren Parteivorsitzenden Martin Sonneborn und Nico Semsrott vertreten.

Stand 29. Mai 2019 hat die Partei über 38000 Mitglieder.

Der Ortsverband „Die Partei Backnanger Bucht“ trifft sich an jedem ersten Dienstag im Monat zu einem offenen Stammtisch im „Wohnzimmer“ im Biegel. Da die Bar um 19.30 Uhr öffnet und man auf der sicheren Seite sein will, falls es einmal aus Versehen zu einer Verspätung kommt, beginnt der Stammtisch um 19.31 Uhr. Jeder Interessierte ist willkommen, ausdrücklich auch Nichtmitglieder.

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Erstellt:
16. Juli 2019, 06:00 Uhr

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