Zwei Millionen Jahre alt

Ältestes Erwachsenen-Fossil von Homo erectus in Südafrika entdeckt

Ein rund zwei Millionen Jahre altes Schädelfragment aus Südafrika liefert zusätzliche Hinweise darauf, dass Homo erectus schon damals im Süden Afrikas lebte. Das als DNH 127 bezeichnete Fossil stammt von einem Erwachsenen und ergänzt den bereits bekannten Kinderschädel DNH 134 aus derselben Fundstätte.

Der rund zwei Millionen Jahre alte Kinderschädel DNH 134 von Homo erectus aus der Drimolen-Höhle in Südafrika.

© Therese van Wyk/ University of Johannesburg

Der rund zwei Millionen Jahre alte Kinderschädel DNH 134 von Homo erectus aus der Drimolen-Höhle in Südafrika.

Von Markus Brauer

Die Ursprünge der Menschheit sind überaus rätselhaft und verworren. In der Zeit vor vier bis einer Million Jahren entwickelten sich in Afrika gleich mehrere Vor- und Frühmenschenarten. Einige wurden zu unseren Vorfahren - wie der Homo habilis und der Homo erectus. Andere starben ohne Nachfahren aus – wie der Homo naledi, der Paranthropus boisei oder einige Australopithecus-Arten.

Afrika - Wiege der Menschheit

Afrika gilt als Wiege der Menschheit. Das ist inzwischen unter Paläoanthropologen unstrittig. Doch wo auf diesem riesigen Kontinent ist der Homo sapiens entstanden? Lange galt Ostafrika als Ursprungsort, weil einige der ältesten Fossilien des Homo sapiens dort gefunden wurden.

Aber im Jahr 2011 weckte eine DNA-Studie erste Zweifel an der Theorie. Sie enthüllte, dass einige Naturvölker im Süden Afrikas ein überraschendes altes und variantenreiches Erbgut besitzen. Eine solche Vielfalt ist zeugt normalerweise von tiefen Wurzeln und fehlenden genetischen Flaschenhälsen durch vergangene Migrationen.

Die Vorfahren der in Südafrika lebenden Naturvölker teilten sich offenbar als erste Gruppe vom gemeinsamen Vorfahren aller Homo-sapiens-Populationen ab.

Von Afrika nach Europa

Vor zwei Millionen Jahren entstand in Ost- und Südafrika ein weiterer Ast auf dem evolutionsgeschichtlichen Weg zum modernen Menschen – der Homo erectus. Dieser Frühmensch hatte ein kräftiges, größeres Skelett und einen massiven Schädelknochenbau. Nachdem er in den Süden des Kontintents emigriert war,  machten sich möglicherweise - so die Theorie - vor 1,5 Millionen Jahren  Gruppen des Homo Erectus auf und verließen Afrika.

Über den Nahen Osten zogen diese kleinen Clans bis nach Südost- und Ostasien sowie nach Südeuropa, wo sie den Zweig des Homo heidelbergensis begründeten, der vor rund 700.000 Jahren in Mitteleuropa auftauchte.

Frühmenschen im südlichen Afrika

Vor rund zwei Millionen Jahren lebten im südlichen Afrika mehrere Homininenlinien nebeneinander. Der Fundplatz Drimolen Main Quarry nordwestlich von Johannesburg lieferte bereits den zwei Millionen Jahre alten Kinderschädel DNH 134 von Homo erectus.

Der neue Fund DNH 127 ergänzt dieses Bild nun um ein Exemplar aus dem Erwachsenenalter, obwohl vom Schädel nur ein kleines Fragment erhalten ist.

Schädelfragment passt zu Homo erectus

Forscher der La Trobe University (LTU) im australischen Melbourne um Jesse M. Martin haben 18 bislang nicht oder nur teilweise beschriebene Schädel- und Kieferfossilien aus Drimolen untersucht. Die Stücke wurden zwischen 1992 und 2019 geborgen.

Das Team verglich ihre anatomischen Merkmale mit Fossilien anderer südafrikanischer Fundplätze und ergänzte diese Vergleiche durch Messungen. Die Ergebnisse sind im Fachmagazin „Annals of Human Biology“ veröffentlicht.

  • Zur Info: Drimolen ist eine pleistozäne Fossilien-Fundstätte (vor 2,588 Millionen Jahren bis vor 11.650 Jahren) in der südafrikanischen Provinz Gauteng, in der Nähe des Rhino and Lion Nature Reserve, rund sieben Kilometer nördlich der paläontologisch bedeutsamen Höhlen von Sterkfontein.
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DNH 127 besteht aus Teilen des rechten Schläfen- und Scheitelbeins sowie einem kleinen Abschnitt des Hinterhauptbeins. Mehrere Merkmale schließen nach Einschätzung der Autoren eine Zuordnung zu Paranthropus aus. Andere Eigenschaften, darunter der Verlauf einer Schädelnaht, passen dagegen zu Homo erectus. Wegen der fragmentarischen Erhaltung ordnet das Team DNH 127 dennoch ausdrücklich nur vorsichtig Homo erectus im weiteren Sinne zu.

Homo erectus - erste eigene Gattung Homo

„Homo erectus ist die erste Homininenart, bei der Forscher weitgehend übereinstimmen, dass sie in unsere eigene Gattung Homo gehört und wahrscheinlich direkt zu unseren Vorfahren zählt. Drimolen bewahrt Belege für das erste Auftreten dieser Art vor zwei Millionen Jahren“, erklärt Jesse M. Martin. Der ursprüngliche Fund DNH 134 stamme jedoch von einem zwei- bis vierjährigen Kind und es bestand Unsicherheit darüber, wie die erwachsene Form ausgesehen haben könnte.

Das neue Fragment stammt aus einem Brekzienblock, der wahrscheinlich vom sogenannten DNH-7-Pinnacle abgebrochen ist. Dadurch lässt es sich in den rund 2,04 bis 1,95 Millionen Jahre alten Fundhorizont von Drimolen einordnen.

Die Studie spricht deshalb von zusätzlicher Evidenz für Homo erectus in Südafrika um etwa 1,98 Millionen Jahre vor heute. DNH 127 ist damit kein neuer, unabhängig datierter Erstnachweis, sondern stärkt den bereits durch DNH 134 belegten sehr frühen Fundkomplex.

  • Zur Info: Ein Brekzienblock ab einer Komponentengröße von über 50 Zentimetern ist ein markanter Gesteinsblock, der aus einer Brekzie besteht – also einem grobkörnigen Gestein aus eckigen Gesteinstrümmern, die fest in einer feinkörnigeren Grundmasse verkittet sind.
  • DNH 7 Pinnacle ist eine bedeutende geologische Formation beziehungsweise Fundstelle im Drimolen-Höhlensystem (englisch: Cradle of Humankind) in Südafrika, benannt nach dem dort entdeckten fossilen Schädel DNH 7.

„Diese Arbeit veröffentlicht mit DNH 127 ein neues erwachsenes Fossil, das Homo erectus zugeschrieben wird, und liefert damit eine weitere Bestätigung dafür, dass diese Art vor zwei Millionen Jahren erstmals im südlichen Afrika auftrat“, konstatiert Martin.

Paranthropus dominiert den Fundbestand

Die übrigen Fossilien zeigen zugleich, wie wenig Homo erectus den untersuchten Fundbestand zahlenmäßig prägt. Von den 18 neu beschriebenen Stücken ordnen die Forscher 14 Paranthropus robustus zu. Drei weitere Fossilien lassen sich nur allgemein den Homininen zuweisen. DNH 127 ist dagegen erst das zweite Drimolen-Fossil, das Homo erectus zugeschrieben wird.

  • Zur Info: Die Paranthropus-Arten werden zur Gruppe der Australopithecina gerechnet und stellen vermutlich eine evolutionäre Seitenlinie zur Gattung Homo dar. Sie lebten vor 2,08 bis 1 Million Jahren.
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Die Verteilung von 14 Paranthropus-Funden zu einem Homo-Fund bezeichnet die Studie als grundsätzlich kompatibel mit früheren Fossilserien aus Drimolen und Swartkrans. Im untersuchten Material ist Paranthropus damit deutlich häufiger vertreten. Eine direkte Größe der damaligen Populationen leitet die Arbeit daraus nicht ab.

  • Zur Info: Swartkrans  ist eine Farm und archäologische Fundstelle in Südafrika, etwa 30 Kilometer von Johannesburg entfernt. Der Ort ist bekannt für seinen Reichtum an archäologischen Funden, speziell wegen der Fossilien von frühen Vorfahren der Gattung Homo.

„Diese beiden Menschenarten teilten dieselbe Landschaft und sind beide in der Drimolen-Höhle erhalten. Wir wissen zwar, dass Homo erectus und die zu uns führende Linie letztlich erfolgreich waren, doch vor zwei Millionen Jahren war Paranthropus robustus in Drimolen mehr als zehnmal so häufig wie Homo erectus. In dieser Zeit wirkten unsere Vorfahren wie Außenseiter mit sehr geringen Überlebenschancen“, erläutert Martin.

Kiefer stützen schrittweisen Wandel

Auch die 14 Paranthropus-Fossilien erweitern das Bild der Fundstätte. Die Autoren identifizieren unter anderem ein bislang nicht beschriebenes Merkmal am Unterkiefer, das die ältere Drimolen-Population möglicherweise besser von jüngeren Funden aus Swartkrans und Kromdraai unterscheidet. Zusammen mit bereits bekannten Schädelmerkmalen passt dies zu der Hypothese, dass sich Paranthropus robustus innerhalb seiner Abstammungslinie über einen Zeitraum von ungefähr 200.000 Jahren schrittweise veränderte.

  • Zur Info: Kromdraai ist eine paläoanthropologische Fundstelle im westlichen Gauteng in Südafrika. Sie gehört gemeinsam mit einer Reihe weiterer Stätten, die unter dem Namen Cradle of Humankind (Wiege der Menschheit) bekannt sind, seit 1999 zum Unesco-Weltkulturerbe.

Die neuen Stücke stützen damit eher eine zeitliche Veränderung der Population als die frühere Erklärung, wonach Unterschiede zwischen den Fundplätzen vor allem auf besonders starke Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Individuen zurückgehen.

Auch bei Homo erectus bleibt die Fossillücke groß. DNH 127 ist nur ein kleines Fragment und seine Artzuordnung bleibt ausdrücklich vorläufig. Ein gut erhaltener, weitgehend vollständiger Erwachsenenschädel von Homo erectus aus diesem südafrikanischen Zeitraum fehlt weiterhin.

Prähistorische Homininae-Schädel: Paranthropus boisei (li. hinten), Homo erectus (re. hinten), Homo habilis (li. vorne) and Homo ergaster.

© Imago/almidi

Prähistorische Homininae-Schädel: Paranthropus boisei (li. hinten), Homo erectus (re. hinten), Homo habilis (li. vorne) and Homo ergaster.

Die Besiedlung der Erde durch den Frühmenschen geschah in mehreren Etappen, die sich über Hunderttausende von Jahren hinzogen.

© Imago/Cover-Images

Die Besiedlung der Erde durch den Frühmenschen geschah in mehreren Etappen, die sich über Hunderttausende von Jahren hinzogen.

Künstlerische Darstellung einer Homo-erectus-Frau beim Feuermachen.

© Imago/agefotostock

Künstlerische Darstellung einer Homo-erectus-Frau beim Feuermachen.

Bereits vor 1,5 Millionen Jahren machten sich Gruppen des Homo erectus auf und verließen Afrika.

© Imago/Pond5 Images

Bereits vor 1,5 Millionen Jahren machten sich Gruppen des Homo erectus auf und verließen Afrika.

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Erstellt:
1. Oktober 2026, 12:14 Uhr
Aktualisiert:
1. Oktober 2026, 13:52 Uhr

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