Sturzfluten, Felsstürze, Frühwarnsysteme

Alpen im Wandel – Wie Bergfreunde mit neuen Risiken umgehen

Eine Sturzflut vom Ausmaß wie in Nepal ist in den Alpen kaum denkbar - doch Fels- und Gletscherstürze und andere Gefahren nehmen auch dort zu. Was Wanderer beachten sollten und wann Umkehren klug ist.

Wanderer gehen zur Bad Kissinger Hütte: Nicht nur Schutzort, sondern auch Informationsquelle: Hüttenwirte wissen meist sehr genau, wie es um die umliegenden Routen bestellt ist.

© Nicolas Armer/dpa-tmn/dpa

Wanderer gehen zur Bad Kissinger Hütte: Nicht nur Schutzort, sondern auch Informationsquelle: Hüttenwirte wissen meist sehr genau, wie es um die umliegenden Routen bestellt ist.

Wo Gletscher schmelzen und Permafrost auftaut, verändert sich die Berge. Manchmal auch ganz plötzlich, mit teils katastrophalen Folgen wie bei der Sturzflut jüngst in Nepal.

Ist so was auch in den Alpen denkbar? Welche neuen Risiken müssen Tourengeher einkalkulieren? Und was ist während und nach Unwettern in den Bergen zu beachten? Eine Geowissenschaftlerin und ein Sicherheitsexperte vom Alpenverein geben Antworten.

Kann eine Katastrophe wie in Nepal auch in den Alpen passieren?

Eine Sturzflut dieser Dimension ist nach Einschätzung von Christine Fey von der Universität für Bodenkultur (BOKU) Wien kaum denkbar. In den Alpen gebe es nicht dieselben Reliefunterschiede wie im Himalaya, also nicht die gleiche Kombination aus extremen Höhenunterschieden und Fallhöhe. „Was wir Nepal hatten, ist schon echt Superlative“, sagt die Geowissenschaftlerin.

Ausgelöst wurde die Sturzflut wohl von einem massiven Fels- und Gletscherabbruch, der eine riesige Fels-Eis-Lawine ausgelöst hat, bei der enorme Wassermengen freigesetzt wurden. Diese Wassermassen rissen in den engen Tälern als Sturzflut alles mit. Mehr als 1.400 Menschen kamen ums Leben, Tausende werden noch vermisst. Vorher war es im Hochgebirge laut Berechnungen von Klimaforschern außergewöhnlich warm.

Wenngleich die Dimensionen andere sind: Auch in den Alpen steigt wegen des Klimawandels das Risiko von Felsstürzen und Gletscherstürzen. In Erinnerung ist vielen noch der Gletschersturz an der Marmolata in den Dolomiten - im Sommer 2022 starben in der riesigen Lawine aus Eis, Schnee und Gestein elf Menschen.

Vergangenes Jahr wurden große Teil des Schweizer Dorfs Blatten durch einen Bergsturz zerstört. Die Bewohner wurden vorher evakuiert. Ein Schafhirte, der sich außerhalb der Evakuierungszone aufgehalten hatte, starb.

Zuletzt wurden am Schweizer Berg Säntis Orte vorsorglich wegen eines drohenden Felssturzes gesperrt, in der Ortlergruppe in Südtirol ging ein großer Felssturz in unbewohntem Gebiet ab - verletzt wurde niemand.

Helfen Frühwarnsysteme auch Wanderern?

Die existierenden Systeme können Menschen schützen, sind aber vor allem auf Siedlungen und Infrastruktur ausgerichtet - weniger für Wanderer auf abgelegenen Wegen.

Wer im Gebirge unterwegs ist, sollte deshalb aktuelle Informationen einholen, die Tour gut vorbereiten, Wetter und Regenradar prüfen, Warnzeichen ernst nehmen und - ganz wichtig: bei Unsicherheit rechtzeitig umkehren.

Wo kann es kritisch werden?

Im hochalpinen Bereich ist besondere Aufmerksamkeit gefragt. Der beginnt in den Alpen über der Baumgrenze, nordseitig schon bei 2.400 Meter. Wo sich Gletscher zurückziehen und Permafrost auftaut, gibt es laut Christine Fey messbar mehr Sturzprozesse. Kritisch sei vor allem der Übergang zwischen Gletscher und Fels, weil der Fels dort häufig sehr instabil sei.

Besonders in diesen Bereich ist es riskant, sich auf veraltete Karten und Tourenberichte zu verlassen, da sich das Gelände durch die Eisschmelze stark verändert. Alte Berichte und Karten können ein falsches Sicherheitsgefühl vermitteln. „Wenn man eine Routenbeschreibung sieht, die vielleicht fünf Jahre alt ist - das kann sich völlig verändert haben“, warnt Fey. Besonders bei hochalpinen Übergängen sollten Wanderer vorab bei der Hütte anrufen und nachfragen: Ist die Route machbar? Sind bestimmte Gletscherübergänge überhaupt noch möglich?

Auch bei scheinbar aktuellen digitalen Routen ist Vorsicht geboten. Immer wieder geraten Wanderer in Bergnot, weil sie sich darauf verlassen haben. Viele Wege und Übergänge in kostenlosen Anwendungen seien nicht verifiziert, sagt Sicherheitsexperte Thomas Wanner vom Deutschen Alpenverein. Heißt: Kein lokaler Fachmann hat geprüft, ob die eingezeichnete Route noch sicher und begehbar ist.

Aktuelle Auskünfte von Hütten, Behörden oder eben Bergführern vor Ort sind wichtiger als ein Track auf dem Smartphone. So erfährt man vielleicht noch rechtzeitig, dass die als einfach bezeichnete Route eigentlich durch steiles Schuttgelände führt.

Gibt es Warnhinweise, dass sich möglicherweise Fels löst?

Wanderer sollten auf frische Steinausbrüche achten, sagt Wanner. Helleres, auffälligeres Gestein oder große Blöcke, die auf dem Weg oder an einem Übergang liegen, können Hinweise darauf sein, dass sich weiteres Material lösen könnte und man womöglich von herabrollendem Geröll getroffen wird. Dann sollte man im Zweifel lieber kehrtmachen oder die Stelle großräumig umgehen, rät der Fachmann vom Alpenverein.

Was ist bei Starkregen zu beachten?

Bestenfalls ist man dann nicht in den Bergen unterwegs. Gleiches gilt bei Gewittern. Deshalb ist es so wichtig, vor einer Tour den Wetterbericht und das Regenradar genau zu prüfen und im Zweifel lieber an einem sicheren Ort abzuwarten. Denn kommt viel Regen in kurzer Zeit herunter, steigt das Risiko von Muren - also Schlammlawinen - und Steinschlag an lockeren Felswänden, zudem können Wege unterspült werden.

Bei Gewittern kommt noch das Blitzschlagrisiko dazu, zudem können Sturmböen bei solchen Unwettern Bäume entwurzeln. Deshalb gilt auch: Wenn man das aussitzt und sich danach auf den Weg macht, sollte man Informationen einholen, ob die geplanten Wege überhaupt begehbar sind oder durch Hangabrutsche oder umgestürzte Bäume versperrt sind.

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Erstellt:
18. September 2026, 07:44 Uhr

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