Der Kanzler und das Kölsche Grundgesetz
„Et kütt wie et kütt“: Warum Friedrich Merz taumelt und trotzdem Kanzler bleiben wird
Der Bundeskanzler geht deutlich angezählt in die beiden Landtagswahlen am Sonntag. Nach Bekanntgabe der Ergebnisse müssen sich die mächtigen Landeschefs entscheiden, ob sie ihn stürzen oder stützen wollen. Rat und Weisung könnten sich die CDU-Granden bei Kölns Karnevalisten und ihrem „Kölsche Jrundjesetz“ holen.
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Da hatte Friedrich Merz noch allen Grund zum Lachen: Am 4. Februar 2023 wurde dem CDU-Chef in Aachen der Orden „Wider den tierischen Ernst" verliehen (re. die heutige Bundestagspräsidentin Julia Klöckner).
Von Markus Brauer
„Que sera sera“ - „Whatever Will Be, Will Be“ - singt Doris Day in Alfred Hitchcock Thriller „Der Mann, der zu viel wusste“ aus dem Jahr 1957. Auf Deutsch bedeutet der legendäre Popsong von Ray Evans und Jay Livingston: „Was sein wird, wird sein“ oder frei „Es kommt, wie es kommt“.
„Es kommt, wie es kommt“ - auf Kölsch „Et kütt wie et kütt“ - lautet der zweite Artikel von „et rheinisch Jrundjesetz“ („Rheinisches Grundgesetz“), auch „et kölsche Jrundjesetz“ genannt. Auf den Punkt gebracht: Füge Dich in das Unabwendbare. Du kannst ohnehin nichts am Lauf der Dinge ändern.
Friedrich Merz und „et kölsche Jrundjesetz“
Das „Rheinische Grundgesetz“ ist eine Zusammenstellung elf mundartlichen Redensarten aus dem Rheinland, die der am 28. Juli 2026 verstorbene Kabarettist und Experte für rheinischen Regiolekt, Konrad Johann Aloysia Beikircher (geboren 1945), in seinem Buch „Et kütt wie et kütt – Das Rheinische Grundgesetz“ im Jahr 2001 veröffentlicht hat. Im Nucleus soll es bis auf das Jahr 1533 und den in Köln geborenen Universalgelehrten Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim (1486-1535) zurückgehen.
Was hat „et kölsche Jrundjesetz“ mit dem Sauerländer Friedrich Merz zu tun? Auf den ersten Blick gar nichts - doch auf den zweiten Blick sehr viel. Was der Kanzler momentan durchlebt, bezeichnet man in der abendländischen Philosophie als „Fatum“.
Das Wort stammt aus dem Lateinischen (fātum) und bedeutet ursprünglich das Wort der Götter. Im übertragenen Sinne meint es das Schicksal - also die unabwendbare Fügung des Lebens, die unveränderliche Weltordnung und Verkettung von Ursachen.
Friedrich Merz' „Fatum“ ist, dass er als Kanzler zwar schwer angeschlagen ist und taumelt, aber dennoch Regierungschef bleiben dürfte. Wie das gehen soll? Mit Hilfe der 11 Artikel von „et kölsche Jrundjesetz“ lässt sich dieser scheinbare Widerspruch besser verstehen:
§1: Et es wie et es.
Es ist, wie es ist.
Friedrich Merz muss den Tatsachen ins Auge sehen. Wenige Tage vor den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin am Sonntag (20. September) ist die Union in einer Umfrage bundesweit auf ein historisches Tief gerutscht. Das Institut YouGov ermittelte in der Sonntagsfrage für CDU und CSU einen Wert von 18 Prozent. Wenn schon am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre, würde die AfD sie mit 29 Prozent gewinnen. Die Grünen kämen auf 16 Prozent, die SPD auf 13, die Linke auf 10, die FDP auf 5 und das BSW auf 4 Prozent.
§2: Et kütt wie et kütt.
Es kommt, wie es kommt.
Diese Einsicht fußt auf der christliche Lehre von der Prädestination. Gemeint ist damit die Vorherbestimmung von allem, da Gott das Schicksal der Menschen von Anfang an festgelegt hat.
Friedrich Merz müsste sich eigentlich in das Unabwendbare fügen, da er ohnehin nichts am Lauf der Dinge ändern kann. Und doch stemmt er sich mit dem Mut des Verzweifelten dagegen. Als CDU-Chef hat er das Parteipräsidium für Sonntagabend (20. September) zu einer formellen Sitzung nach Berlin eingeladen, um über die Ergebnisse der Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin sowie ihre Folgen (für sich selbst?) zu beraten.
Auch bei früheren Landtagswahlen gab es Einladungen an die CDU-Spitze in die Parteizentrale. Diese waren aber informell und entsprechend überschaubar war die Beteiligung. Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt kam zum Beispiel von den CDU-Ministerpräsidenten nur Daniel Günther ins Konrad-Adenauer-Haus. Diesmal ist das Ziel, dass das Präsidium möglichst vollzählig dabei ist, um über die wahrscheinlich fatalen Folgen der Ergebnisse zu beraten.
§3: Et hätt noch emmer joot jejange.
Es ist bisher noch immer gut gegangen.
Auch in der CDU weiß man, dass Schwarz-Rot viel „Murks“ produziert hat. Bis zur desaströsen Wahl in Sachsen-Anhalt am 6. September gab es noch die Hoffnung, dass trotzdem alles gut gehen wird. Diese Hoffnung ist passé.
Bei den Urnengängen am Sonntag geht es auch um die politische Zukunft des Kanzlers. Danach wird sich zeigen, ob er sich trotz eines zunehmenden Autoritätsverlusts in der eigenen Partei im Amt halten kann.
§4: Wat fott es, es fott.
Was fort ist, ist fort.
Friedrich Merz hofft - nicht ganz zu Unrecht - auf die Trägheit des menschlichen Geistes. Und darauf, dass die Niederlagen der CDU schon bald vergessen sein werden. Ausgerechnet Markus Söder macht ihm dabei Mut. Der CSU-Chef rechnet fest mit einer breiten Rückendeckung für Kanzler bei der Sitzung des CDU-Präsidiums.
„Es wäre ein echtes Problem, wenn Deutschland durch all die ganzen Wirrungen in diesen Zeiten, in denen wir leben, durch manche hybride Aktionen auch in unsere Demokratie hinein, wenn am Ende Deutschland deswegen schlingert. Und deshalb braucht es jetzt Zusammenhalt, Stärke, Kraft auch, und dafür bekommt der Bundeskanzler Rückendeckung“, erklärte der bayerische Ministerpräsident am Dienstag (15. September) am Rande einer Sitzung des Landeskabinetts in München.
§5: Et bliev nix wie et wor.
Es bleibt nichts, wie es war.
Solange Friedrich Merz offen ist für die dringend notwendigen Reformen, bleibt er im Gespräch. Auch will der Kanzler seinen Kommunikationsstil verbessern, gegenüber den Bürgern im Land mehr Empathie zeigen, die Reformen noch zügiger vorantreiben und die Bevölkerung auf noch größere persönliche Opfer einschwören.
Die Lage ist ernst. „Es müssen schnelle Lösungen her“, fordert Brandenburgs stellvertretender CDU-Fraktionschef Frank Bommert. „Da kann man nicht mit irgendwelchen Sonntagsreden kommen.“ Einen Rücktritt von Merz hält er jedoch nicht für sinnvoll. „Das befriedet vielleicht auf die Schnelle, aber es löst ja nicht das Problem.“
§6: Kenne mer nit, bruche mer nit, fott domet.
Kennen wir nicht, brauchen wir nicht, fort damit.
Die CDU war und ist ein Kanzlerwahlverein. Die Liebe zur Macht liegt den Christdemokraten in den Genen. Wenn Neuerungen überhandnehmen, werden sie misstrauisch. Friedrich Merz hatte nach der 5860 Tagen (oder 16 Jahren) währenden Kanzlerschaft von Angela Merkel einen neuen Konservativismus versprochen. Viele in der CDU und viele Wähler nahmen ihn beim Wort. Jetzt wäre es an der Zeit, das politische Durchlavieren zu beenden und der Partei das zu geben, wonach sie sehnsüchtig lechzt: starke Führung.
§7: Wat wellste maache?
Was willst du machen?
Es gibt in den Medien Spekulationen, dass Friedrich Merz schon bald von den mächtigen CDU-Landeschefs gestürzt werden könnte. Der Kanzler selbst zeigt sich entschlossen, um sein Amt zu kämpfen: „Aufgeben ist für mich keine Option“, hatte er nach dem Wahldebakel der CDU in Sachsen-Anhalt kundgetan.
Kann der Kanzler mitten in der Legislaturperiode ersetzt werden, etwa durch NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst, Boris Rhein aus Hessen oder Markus Söder aus Bayern? Rein rechtlich gesehen wäre ein solcher Kanzlerwechsel möglich, aber nur unter bestimmten Voraussetzungen. Politisch würde er sicherlich für größere Verwerfungen sorgen oder im schlimmsten Fall die CDU spalten.
§8: Maach et joot, ävver nit zo off.
Mach es gut, aber nicht zu oft.Qualität geht immer über Quantität. Anstatt sich bei ihrer „Reformeritis“ zu verzetteln, wäre es für die schwarz-rote Koalition vielleicht besser, sich auf einige wenige Reformprojekte zu konzentrieren und diese konsequent umzusetzen.
§9: Wat soll dä Kwatsch?
Was soll das sinnlose Gerede?Außenminister Johann Wadephul, der an der Sitzung des bayerischen Kabinetts teilgenommen hatte, erklärt: „Ich bin der festen Überzeugung, dass diese Koalition den gemeinsamen Willen hat, diese Phase jetzt durchzustehen und in der Tat die Projekte anzugehen, die von uns gefordert sind, die Reformprojekte, die auf der Agenda stehen und die halt notwendig sind.“
Der CDU-Politiker ergänzt: „Wir müssen jetzt unsere Arbeit machen.“ Die Bundesregierung werde die Reformen unter Führung des Bundeskanzlers umsetzen. „Er ist dafür gewählt. Ich habe ihn gewählt. Wir haben ihn gewählt.“
§10: Drinks de ejne met?
Trinkst du einen mit?
Das Gebot der Gastfreundschaft ist in einer Koalition mit ideologisch so unterschiedlichen Partnern nicht gering zu schätzen. Der SPD geht es unter der Ägide von Lars Klingbeil und Bärbel Bas auch nicht viel besser als der CDU. Die internen Querelen beim Koalitionspartner dürften den Genossen durchaus zupass kommen, da diese von eigenen Problemen ablenken.
§11: Do laachs de disch kapott.
Da lachst du dich kaputt.Lachen ist - eine medizinische Binsenweisheit - gesund. Wer sich eine gesunde Einstellung zum Humor bewahrt, geht lockereren Schrittes durchs Leben. Friedrich Merz ähnelt in diesen Tagen dem Griesgram Ebenezer Scrooge aus Charles Dickens’ weltberühmter Erzählung „A Christmas Carol“. Ein wenig Humor, und sei es nur Galgenhumor, würde ihm sicher guttun.
Und wenn ihm nicht nach Lachen zumute ist, kann er vielleicht Trost bei dem romantischen Dichter Friedrich Hölderlin (1770–1843) finden: „Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch“, heißt es in dessen Hymne „Patmos“. Die Sentenz wird gerade in Krisenzeiten viel zitiert, um Zuversicht und den Glauben an eine positive Wende auszudrücken.
Zuversicht und Glaube an eine Wende zum Guten sind das, was Friedrich Merz, die CDU und Deutschland jetzt mehr denn je brauchen.
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Noch ein Orden: Friedrich Merz (li.) wird von Klaus Ludwig Fess, Präsident des Bund Deutscher Karneval e.V., am 3. Februar 2026 im Rahmen des traditionellen Karnevalempfangs im Bundeskanzleramt in Berlin der Jecken-Ehrenorden verliehen.
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Wahlwerbung mit dem CDU-Spitzenkandidaten für Berlin, Stefan Evers, an der Front der Bundesgeschäftsstelle des Konrad-Adenauer-Hauses in der Hauptstadt.
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Kapitän Merz in stürmischer See: Motivwagen des Mainzer Karnevals 2026.
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Kanzlertausch: Bundeskanzler Merz steht nach CDU-Wahlniederlagen unter Druck, Hendrik Wüst (re.) und Markus Söder (Mi.) gelten als potenzielle Nachfolger (Fotomontage).
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Einen Rücktritt von Merz hält Brandenburgs stellvertretender CDU-Fraktionschef Frank Bommert nicht für sinnvoll: „Das befriedet vielleicht auf die Schnelle, aber es löst ja nicht das Problem.“
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Ein Wegweiser ist beschriftet mit dem Aufdruck Merzdämmerung - als Symbolbild für die Unzufriedenheit mit dem Ansehen und der Politik von Bundeskanzler Merz (Fotomontage).
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Das waren noch Zeiten: Der Original Bierdeckel, auf dem Friedrich Merz 2003 eine symbolische Steuererklärung verfasste: Das unversehrte Unikat befindet sich als Museumsstück im Haus der Geschichte in Bonn.
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Bundeskanzler Merz stellt sich nach der Wahlschlappe seiner Partei in Sachsen-Anhalt am 6. September im Konrad Adenauer Haus in Berlin der Presse.
