Der Winter naht

Gasspeicher sorgen für Nervosität: Welche Rolle haben sie?

Der niedrige Füllstand der Gasspeicher in Deutschland beunruhigt viele Menschen. Aber wie funktioniert eigentlich das System der Gasspeicher?

Ein Anzeige für Temperatur ist in der Anlage des Gasspeicher Wolfersberg, östlich von München, an einem der vielen Rohre zu sehen.

© Peter Kneffel/dpa

Ein Anzeige für Temperatur ist in der Anlage des Gasspeicher Wolfersberg, östlich von München, an einem der vielen Rohre zu sehen.

Von Markus Brauer

„Winter is coming“ – „Der Winter naht.“ Das Motto des Hauses Stark ist zum Leitmotiv der Fantasy-Serie „Game of Thrones“ geworden. Der Winter naht – und mit ihm der schreckliche Nachtkönig, der die Welt der Menschen in eine Eiswüste verwandeln will, besiedelt von Toten und Weißen Wanderern. Droht auch der realen Welt, was Westeros in der Serie „Game of Thrones“ droht? Ein Jahrhundertwinter?

Bis zum Winter sind es nur noch drei Monate. Dennoch geht der Blick schon auf die kalte Jahreszeit. Grund sind die vergleichsweise niedrigen Füllstände der Gasspeicher in Deutschland. Doch was ist eigentlich die Funktion eines Speichers und welche Rolle spielen sie bei der Gasversorgung? Ein Überblick:

Wie funktioniert ein Gasspeicher?

Gasspeicher nehmen Gas aus dem Gasnetz auf und geben es zu einem späteren Zeitpunkt wieder in das Netz zurück, erklärt Sebastian Heinermann, Geschäftsführer des Branchenverbands Initiative Energien Speichern (Ines). In Deutschland werde Gas vor allem in unterirdischen Kavernen- und Porenspeichern gelagert. „Gemeinsam ermöglichen beide Speichertypen, Gas zeitlich zwischen Angebot und Nachfrage zu verschieben.“

Wie viele Gasspeicher gibt es in Deutschland?

Deutschland verfügt über die größten Gasspeicherkapazitäten in der Europäischen Union. Die rund 45 Untertage-Gasspeicher sind räumlich über ganz Deutschland verteilt und können knapp 24 Milliarden Kubikmeter Arbeitsgas aufnehmen. Das entspricht rechnerisch ungefähr einem Viertel der in Deutschland im Jahr verbrauchten Gasmenge.

Wer lagert Gas in den Speichern ein und warum?

Das Gas wird nach Ines-Angaben in der Regel nicht von den Speicherbetreibern selbst eingelagert. Speicherbetreiber stellten Speicherkapazität als Dienstleistung zur Verfügung. Eingespeichert wird Gas vor allem von Gashändlern, Energieversorgern, Stadtwerken, Kraftwerksbetreibern und industriellen Verbrauchern.

„Unternehmen können Gas dann einkaufen, wenn es verfügbar oder preislich attraktiv ist, und zu einem späteren Zeitpunkt wieder entnehmen“, heißt es beim Verband Gas- und Wasserstoffwirtschaft. „Gleichzeitig dienen Speicher dazu, Lieferverpflichtungen abzusichern, saisonale Verbrauchsschwankungen auszugleichen und kurzfristig auf Veränderungen von Nachfrage oder Angebot zu reagieren.“

Gashändler und Lieferanten sicherten mit ihren individuellen Beschaffungsportfolien ihre vertraglichen Lieferverpflichtungen ab, erläutert Kerstin Andreae, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft. Dazu gehörten auch Speichermengen. „Wie der jeweilige Gashändler oder Lieferant die Versorgung sicherstellt, bleibt ihm überlassen.“ Gegenüber den vergangenen Jahren sei mit dem Aufbau der inländischen Terminals für Flüssigerdgas (LNG) eine weitere Säule in der Versorgung gestärkt worden, die genutzt werde.

Warum gibt es so niedrige Füllstände?

Die Füllstände der Gasspeicher in Deutschland liegen aktuell auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau von rund 56 Prozent. Normalerweise kaufen Großhändler im Sommer Erdgas günstig ein. Sie speichern es und verkaufen es im Winter mit Gewinn weiter, um auch die Kosten der Speicherung zu decken. Dieser sogenannte Sommer-Winter-Spread ist ein wichtiger wirtschaftlicher Anreiz für die Befüllung der Gasspeicher.

Wegen des Iran-Kriegs aber ist die für die Versorgung wichtige Straße von Hormus weiterhin blockiert. Das sorgt für hohe Großhandelspreise. Dadurch sei die Einspeicherung wirtschaftlich nur begrenzt attraktiv, da Gas im Sommer teurer eingekauft werden müsse, als es nach derzeitigen Erwartungen für den Winter verkauft werden könne, betont Andreae. Gasmengen würden zwar zur Absicherung vertraglicher Lieferverpflichtungen eingespeichert, es fehle aber der kommerzielle Anreiz für darüber hinausgehende Einspeicherungen.

Die Füllstände der Speicher sind unterschiedlich. Nach Angaben der Gaswirtschaft liegt das daran, dass Speicher unterschiedliche Funktionen, Kundenstrukturen und wirtschaftliche Voraussetzungen haben. Hinzu kämen technische Unterschiede zwischen Poren- und Kavernenspeichern sowie regionale Marktbedingungen und die Netzanbindung.

Was passiert beim Verfehlen von Vorgaben zum Füllstand?

Gesetzliche Vorgaben sehen zum 1. November einen deutschlandweiten Füllstand von rund 70 Prozent vor. Das Gesetz sehe keine Sanktionen vor, erklärt die Gas- und Wasserstoffwirtschaft. Allerdings könne der sogenannte Marktgebietsverantwortliche Trading Hub Europe (THE) mit Zustimmung beziehungsweise auf Aufforderung des Bundeswirtschaftsministeriums zusätzliche Anreize für die Einspeicherung schaffen.

Reiche das nicht aus, könne THE selbst Gas beschaffen und in noch verfügbare Speicherkapazitäten einspeichern. Zudem könnten von THE gebuchte, aber nicht genutzte Speicherkapazitäten zur Verfügung gestellt werden.

Ein Gaseinkauf vom Staat könnte aber sehr teuer werden, weil dann die Einkaufspreise steigen könnten. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hatte gewarnt, der Staat dürfe nicht selbst zum Preistreiber werden.

Nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine und ausbleibender Gaslieferungen aus Russland kaufte Trading Hub Europe im staatlichen Auftrag Gas ein, um eine Gasmangellage zu verhindern. Das kostete mehrere Milliarden Euro. Um das zu finanzieren, wurde eine Umlage für Gaskunden eingeführt. Diese Gasspeicherumlage wurde zum 1. Januar 2026 abgeschafft. Bei einem erneuten Kauf von Gas durch den Staat wäre eine erneute Umlage möglich.

Welche Rolle haben die Speicher für die Versorgung?

Gasspeicher seien ein wichtiger Baustein der Versorgungssicherheit, so Timm Kehler, Vorstand des Verbandes Gas- und Wasserwirtschaft. Händler und Versorger lagerten dort Gasmengen, mit denen sie bestehende Lieferverpflichtungen gegenüber ihren Kunden erfüllten. Außerdem schafften Speicher einen zusätzlichen Puffer für unvorhersehbare Ereignisse - etwa technische Ausfälle oder Störungen von Importwegen.

Ines-Geschäftsführer Heinermann erklärt, Gasspeicher stellten insbesondere an kalten Wintertagen und in kurzer Zeit große zusätzliche Gasmengen bereit. „Für die Winterversorgung sind gut gefüllte Gasspeicher deshalb elementar.“ Andreae sagt, Gasspeicher seien für die Stabilität des Netzsystems und die Krisenvorsorge essenziell. Sie könnten Unwägbarkeiten in der Beschaffung abfangen und Preisschwankungen dämpfen.

Allerdings ist Deutschland heute breiter aufgestellt als noch zu Beginn der Energiekrise 2022, wie es auch im Wirtschaftsministerium heißt. Gas komme insbesondere über Pipelines aus Norwegen, über die LNG-Terminals sowie über die europäischen Nachbarn.

Droht eine Versorgungskrise?

In einem Bericht des Wirtschaftsministeriums für eine Sondersitzung des Wirtschaftsausschusses des Bundestags vor einer Woche heißttes: „Nach aktuellem Erkenntnisstand ist eine Gasmangellage im kommenden Winter nicht zu erwarten.“ Die Versorgungssicherheit hänge nicht allein vom konkreten Speicherfüllstand ab, sondern vom Zusammenspiel von Speichern, laufenden Pipelineimporten, LNG-Importen, verfügbarer Infrastruktur, der vorhandenen Nachfrage und der Einbindung in den europäischen Gasmarkt.

Weiter heißt es: „Insbesondere geopolitische Entwicklungen und außergewöhnliche Wetter- oder Infrastrukturszenarien können zu zusätzlichen Belastungen führen.“ Sprich: wenn der Winter besonders kalt wird oder es Angriffe auf Pipelines gibt.

„Die niedrigen Speicherstände dürfen wir nicht kleinreden“, so Kehler. „Sie sind aber auch kein Beleg dafür, dass Deutschland vor einer Versorgungslücke steht.“

Bei einem sehr harten Winter könnten die Gaspreise weiter steigen, zumal wegen der Folgen des Iran-Krieges vor allem in Asien derzeit verstärkt LNG importiert wird, was Beschaffung in Europa verteuert.

Was macht das Bundeswirtschaftsministerium?

Bundeswirtschaftsministerin Reiche wurde, etwa von den Grünen, mangelnde Vorsorge vorgeworfen. Die Speicherbetreiber fordern von der Politik Erleichterungen und Anreize, um das Einspeichern von Gas attraktiver zu machen. Reiche betonte im Bundestag: „Wir haben Vorkehrungen getroffen, für jedes Szenario“. Bekannt wurde, dass das staatliche Gasunternehmen Sefe nun aktiver wird beim Befüllen der Speicher.

Wirtschafts-Staatssekretär Frank Wetzel sagt, der Buchungsstand bei den Speichern liege bei über 70 Prozent. Es müsse aber auch physisch eingespeichert werden. Das Ministerium habe an alle Unternehmen die Erwartung, dass sie ihre Buchungen jetzt auch füllten. Dem Ministerium sei bewusst, welche betriebswirtschaftlichen Herausforderungen es gebe, sagt Wetzel mit Blick auf hohe Preise. Aber die Spekulation auf niedrige Preise sei auch riskant und möglicherweise eine Fehlkalkulation. (Text: dpa)

Technische Anlagen zur Ein- und Ausspeicherung von Erdgas, darunter mehrere Prozesswassertanks, stehen auf dem Gelände des Erdgasspeichers Rehden der SEFE Storage GmbH. Bei der Speicheranlage handelt es sich um den größten Erdgasspeicher in Westeuropa.

© Hauke-Christian Dittrich/dpa

Technische Anlagen zur Ein- und Ausspeicherung von Erdgas, darunter mehrere Prozesswassertanks, stehen auf dem Gelände des Erdgasspeichers Rehden der SEFE Storage GmbH. Bei der Speicheranlage handelt es sich um den größten Erdgasspeicher in Westeuropa.

Eine Gasrechnung wird in einem privaten Haushalt vor einem Gaszähler gehalten (gestellte Szene).

© Bernd Weißbrod/dpa

Eine Gasrechnung wird in einem privaten Haushalt vor einem Gaszähler gehalten (gestellte Szene).

Technische Anlagen zur Speicherung von Erdgas in unterirdischen Kavernen stehen auf dem Gelände der Speicherstation Etzel ESE.

© Hauke-Christian Dittrich/dpa

Technische Anlagen zur Speicherung von Erdgas in unterirdischen Kavernen stehen auf dem Gelände der Speicherstation Etzel ESE.

Katherina Reiche (CDU), Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, spricht im im Bundestag zum Haushalt.

© Michael Brandt/dpa

Katherina Reiche (CDU), Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, spricht im im Bundestag zum Haushalt.

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Erstellt:
17. September 2026, 12:52 Uhr
Aktualisiert:
17. September 2026, 12:57 Uhr

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