Rüstungstracker BW
Rüstungsfirmen bauen nicht nur Gewehre - fünf Beispiele aus dem Südwesten
Der „Rüstungstracker“ beobachtet rund 180 Unternehmen aus dem Bereich Rüstung und Verteidigung. Wir stellen fünf davon vor - bekannte wie Heckler & Koch, aber auch Hersteller von Material zur Krim-Invasion.
© KI/Midjourney, Illustration: Locke
In Baden-Württemberg werden sehr unterschiedliche Arten von Rüstungsgütern hergestellt - am Bodensee etwa das Luftabwehrsystem Iris-T von Diehl Defence.
Von Jan Georg Plavec
Der „Rüstungstracker“ unserer Zeitung vermisst und kartiert die Rüstungs- und Verteidigungsindustrie in Baden-Württemberg. Rund 180 Unternehmen stehen zum Auftakt auf der dahinterliegenden Liste. Wir teilen sie in drei Kategorien ein, basierend auf dem Anteil, den das Rüstungsgeschäft für die Tätigkeiten des Unternehmens hat.
Es ist unmöglich, die Vielzahl der Firmen auf einmal darzustellen. Deshalb stellen wir beispielhaft fünf Firmen vor, die für die Branche im Südwesten stehen.
Heckler & Koch (Oberndorf am Neckar, Kreis Rottweil)
Die Stadt im Schwarzwald ist seit mehr als 200 Jahren ein Zentrum der Waffenproduktion. Bereits 1811 ließ König Friedrich von Württemberg das ehemalige Kloster zur Gewehrfabrik umbauen. Dort entstanden Musketen für seine Armee. An diese Tradition knüpft Heckler & Koch an. Das Unternehmen produziert Sturmgewehre, Maschinengewehre, Maschinenpistolen und Pistolen – vor allem für Streitkräfte und Polizeibehörden, daneben auch für Sportschützen.
Die Firma wurde 1949 von Edmund Heckler, Theodor Koch und Alex Seidel gegründet. Zunächst verhinderten alliierte Auflagen die Waffenproduktion. Erst als die Alliierten die Herstellung von Sportwaffen erlaubten, begann das Unternehmen mit der Fertigung von Schusswaffen. Den Durchbruch brachte das CETME-Sturmgewehr. Entwickelt hatte es der ehemalige Wehrmachtskonstrukteur Ludwig Vorgrimler im Auftrag des Franco-Regimes in Spanien. Heckler & Koch übernahm 1954 die Produktion. Wenige Jahre später kaufte die Bundesrepublik die Lizenz und führte das Gewehr als G3 bei der neu gegründeten Bundeswehr ein.
Mit dem Ende des Kalten Krieges geriet Heckler & Koch in eine schwere Krise. Die Verteidigungsetats schrumpften, und die Bundeswehr verzichtete auf das zuvor mit hohem Aufwand entwickelte G11. Das Unternehmen wechselte mehrfach den Eigentümer. Mittlerweile liegt der Jahresumsatz wieder bei rund 393 Millionen Euro (Gewinn: 39,5 Millionen Euro), damit gehört das als H&K AG firmierende Unternehmen wieder zu den größten deutschen Rüstungsherstellern.
Die Produkte des Unternehmens sind allgegenwärtig. Soldaten der Bundeswehr tragen Gewehre aus Oberndorf. Viele deutsche Polizeibehörden setzen Pistolen oder Maschinenpistolen von Heckler & Koch ein. In Baden-Württemberg trägt jede Polizistin und jeder Polizist eine Dienstpistole des Unternehmens. Selbst das Logo der linksterroristischen RAF zeigte eine Maschinenpistole vom Typ MP5 – eine makabre Form weltweiter Bekanntheit.
Einteilung im Rüstungstracker: hauptsächlich im Rüstungs- und Verteidigungsbereich, Hauptsitz in BW
Diehl Defence (Überlingen, Bodenseekreis)
Der Bodensee ist eines der größten Zentren der deutschen Rüstungsindustrie. Vor mehr als 100 Jahren baute man hier Flugzeuge und Zeppeline. Diehl Defence spezialisiert sich heute darauf, wie man militärisches Fluggerät vom Himmel holt. 2024 hat die Firma laut eigenen Angaben 2,3 Milliarden Euro umgesetzt. Sie gilt als führender deutscher Anbieter für bodengesteuerte Luftabwehrsysteme. Das Unternehmen entstand 2004 aus der Fusion der Bodenseewerk Gerätetechnik GmbH und der Diehl Munitionssysteme GmbH & Co. KG.
Das bekannteste Produkt von Diehl ist das Luftabwehrsystem Iris-T. Einige davon hat Deutschland an die Ukraine geliefert, wo sie ukrainische Städte vor russischen Drohnen und Raketen beschützen. Weitere sollen im Laufe des Jahres 2026 geliefert werden.
Bei Diehl Defence zeigt sich der Effekt der Zeitenwende besonders deutlich. Seit 2021 hat das Unternehmen seinen Umsatz nahezu verdreifacht. Luftabwehr ist besonders gefragt, wenn es um die Aufrüstung geht. Städte ohne Luftabwehr sind Drohnen und Raketen schutzlos ausgeliefert. Für Diehl Defence bedeutet das absehbar prall gefüllte Auftragsbücher.
Einteilung im Rüstungstracker: hauptsächlich im Rüstungs- und Verteidigungsbereich, Hauptsitz in BW, Sitz der gesamten Diehl-Gruppe in Nürnberg
Rotinor (Stuttgart)
Der Sitz der Firma Rotinor liegt unscheinbar direkt neben einem Möbelgeschäft in Stuttgart-Weilimdorf. Wesentlich spektakulärer sind die Produkte der Firma: Tauchscooter für Spezialkräfte. Damit können Soldaten unter Wasser zum Einsatzort gelangen. Die Rotinor-Geräte sind wesentlich schneller als die meisten anderen Unterwasserscooter auf dem Markt. Statt Propellern haben sie einen jetskiähnlichen Antrieb.
Die Tauchscooter der Firma sind weltweit bei maritimen Spezialkräften im Einsatz. Darunter in Polen, Griechenland - und Russland, welches die Tauchscooter offenbar vor der Invasion der Krim im Jahr 2014 für seine maritimen Spezialkräfte kaufte. Eine auf der auf investigative Militärrecherchen spezialisierten Website Hisutton aufgetauchte Analyse vermutet, dass russische Soldaten noch 2022 Rotinor-Geräte gegen ukrainische Kräfte im Einsatz hatten. Unterwasserschwimmgeräte unterliegen der Exportkontrolle.
Gegründet wurde Rotinor 2004. Nach zwei Jahren mit Verlusten kam die Firma 2024 wieder in die Gewinnzone mit 809 Millionen Euro Jahresüberschuss.
Einteilung im Rüstungstracker: hauptsächlich im Rüstungs- und Verteidigungsbereich, Hauptsitz in BW
Elbit Systems Deutschland (Ulm)
Die israelische Mutterfirma produziert Material für fast alle Bereiche moderner Kriegsführung - von Aufklärungs- und Kampfdrohnen über Funkgeräte und Nachtsichtgeräte bis zu Gefechtstürmen und Raketen. Im Gründungsjahr 1966 lag der Fokus noch auf Minicomputern, später kam Bordelektronik dazu. Nach verschiedenen Aufspaltungen und Zukäufen gründete die Firma Niederlassungen unter anderem in den USA, Großbritannien und Deutschland.
Erst seit 2020 heißt die in Ulm ansässige Firma Elbit Systems Deutschland, zuvor knüpfte der Name an die Telefunken-Tradition an (Telefunken Radio Communication Systems). In Ulm werden entsprechend keine großen Waffen hergestellt, sondern hochspezialisierte Funkgeräte oder Systeme für das Gefechtsmanagement.
Mit seinen Produkten stattet Elbit Systems Deutschland den „Infanterist der Zukunft“ aus, insbesondere in den Bereichen Kommunikation (Funkgeräte) und Sensorik (Nachtsichtbrillen).
Einteilung im Rüstungstracker: hauptsächlich im Rüstungs- und Verteidigungsbereich, Standort in BW
Steep GmbH (Ulm, Meßstetten, Stuttgart, Bruchsal)
Die Firma Steep mit Hauptsitz in Bonn steht beispielhaft für die räumlich oft verteilten Standorte der Firmen aus der Rüstungs- und Verteidigungsindustrie. Auch diese Firma hat eine mehr als sechs Jahrzehnte lange Geschichte. Ursprünglich hieß sie Elekluft und war auf Radarsysteme spezialisiert. Nach dem Ende des Kalten Krieges verbreiterte die Firma ihr Portfolio etwa auf die Automobilindustrie, wurde aber 1999 aufgekauft. Seit einem Management-Buyout heißt die Firma Steep GmbH.
Weiterhin wartet und modernisiert die Firma Radaranlagen. Sie testet elektrische Waffen gegen Störimpulse und Abhörbarkeit und ist in den Bereichen Ausbildung und Qualifizierung tätig. Gemeinsam mit dem Systemhaus Hensoldt liefert Steep beispielsweise besonders geschützte und leicht verlegbare Anlagen, in denen Flugdaten und Aufklärungsergebnisse direkt nach der Landung sicher ausgelesen werden können. Die Gewinne der Firma sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, von 4,1 Millionen (2021) auf 9,3 Millionen (2024). Unter der 2025 ernannten neuen Führung soll die Firma weiter wachsen.
In Ulm arbeiten die technischen Angestellten unter anderem mit Elbit Systems zusammen. Am Radar- und Luftwaffenstandort Meßstetten hält Steep die Funk- und Radartechnik instand und errichtet das „Auge der Bundeswehr“ für den Weltraum. Im Stuttgarter Büro werden technische Dienstleistungen angeboten, und auch am Bundeswehrstandort Bruchsal ist die Firma präsent.
Neben dem militärischen Bereich ist Steep beim Objektschutz von kritischer Infrastruktur, in der Zertifizierung von Medizin- und Elektronikprodukten, in der Weiterbildung und beim Betrieb von Fest- und Mobilfunknetzen aktiv. Wegen dieser zivilen Aktivitäten fällt die Firma in die Kategorie „teilweise im Rüstungs- und Verteidigungsbereich“.
Einteilung im Rüstungstracker: teilweise im Rüstungs- und Verteidigungsbereich, Standort in BW
© Wolf von Dewitz/dpa
Spezialisiert auf Gewehre: die Firma Heckler & Koch aus Oberndorf am Neckar.
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Spezialist für Luftabwehr: Diehl Defence baut das Luftverteidigungssystem IRIS-T.
© Rotinor
Für unbemerktes Anpirschen unter Wasser: Rotinor-Tauchscooter
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Die international tätige israelische Rüstungsfirma Elbit ist im Palästinakrieg immer wieder Gegenstand von Kritik - hier der Standort in Ulm.
© Angelika Warmuth/dpa
Steep ist unter anderem ein Spezialist für Radartechnik. (Symbolbild)
