Hinrichtung überlebt

Todeskandidatin Pike spricht wieder

War es Folter mit verbogener Nadel, die aus dem Arm hing? Nach einer gescheiterten Giftinjektion war Christa Pike bewusstlos – nun ist sie wieder ansprechbar.

Dieses vom Strafvollzugsamt von Tennessee zur Verfügung gestellte Foto zeigt Christa Pike am 12. Januar 2023. (zu dpa: «Anwälte: Pike nach gescheiterter Hinrichtung bei Bewusstsein»)

© Uncredited/Tennessee Department of Correction/dpa

Dieses vom Strafvollzugsamt von Tennessee zur Verfügung gestellte Foto zeigt Christa Pike am 12. Januar 2023. (zu dpa: «Anwälte: Pike nach gescheiterter Hinrichtung bei Bewusstsein»)

Von Michael Maier

Nach einem gescheiterten Hinrichtungsversuch ist die zum Tode verurteilte US-Amerikanerin Christa Pike nach Angaben ihrer Anwälte wieder bei Bewusstsein und kann sprechen. Die 50-Jährige werde weiter intensivmedizinisch behandelt. Ihre Prognose sei noch unklar, es sei aber mit einer langen Genesungszeit zu rechnen. Pike habe bei dem Hinrichtungsversuch schwere Schäden an den Armen erlitten, erklärten die Anwälte. Dennoch sei sie weiterhin mit Handschellen und Fußfesseln an das Krankenhausbett gefesselt. Da bei der Giftinjektion alles schiefging, gibt es auch Vorwürfe wegen Folter.

Ihre Erholung sei „medizinisch beispiellos“, hieß es in der Stellungnahme. „Sie ist die einzige bekannte Person, die einen vollständigen Hinrichtungsversuch in den USA überlebt hat. Christa ist eine Überlebende und wird ihre Genesung Tag für Tag angehen“, erklärten die Anwälte. Pike war nach Angaben ihrer Anwälte zuvor bewusstlos gewesen und wurde in einem Krankenhaus im Raum Nashville im Bundesstaat Tennessee künstlich beatmet.

Hinrichtung für satanistischen Ritualmord gescheitert

Der US-Amerikanerin waren am vergangenen Mittwochabend nach Angaben der Behörden die im Hinrichtungsprotokoll vorgesehenen zwei Dosen des Mittels Pentobarbital verabreicht worden. Dennoch lebte sie weiter. Zeugen berichteten, sie hätten sie noch längere Zeit schwer atmen hören können. Einer ihrer Anwälte sagte später sogar, er habe Pike nach der ersten Medikamentengabe noch sprechen und singen gehört. Schließlich wurde sie mit einem Krankenwagen in eine medizinische Einrichtung außerhalb des Gefängnisses gebracht.

Pike war 1996 für den satanistischen Ritualmord an der damals 19-jährigen Colleen Slemmer zum Tode verurteilt worden. Sie selbst war zur Tatzeit 18 Jahre alt. Slemmer war 1995 in einem abgelegenen Gebiet nahe Knoxville über längere Zeit gefoltert und schließlich getötet worden. Pikes Hinrichtung wäre die erste einer Frau in Tennessee seit mehr als 200 Jahren gewesen.

Juristisches Tauziehen bis kurz vorher

Noch wenige Stunden vor dem Hinrichtungsversuch war unklar gewesen, ob die Todesstrafe überhaupt vollstreckt werden würde. Ein Bundesberufungsgericht hatte die Hinrichtung zunächst kurzfristig gestoppt. Pikes Anwälte wollten erreichen, dass sich die Gerichte erneut mit der Frage beschäftigen, ob schwere Missbrauchs- und Gewalterfahrungen aus ihrer Kindheit und psychische Erkrankungen bei früheren Entscheidungen über ihr Todesurteil ausreichend berücksichtigt worden waren.

Der Bundesstaat Tennessee wandte sich daraufhin an den Supreme Court. Das höchste US-Gericht hob den Aufschub noch am selben Tag wieder auf und machte damit den Weg für die Hinrichtung frei. Einen weiteren Antrag Pikes gegen die Vollstreckung hatte der Supreme Court bereits am Vortag abgelehnt.

Pike ohne geeigneten Venenzugang

Die genaue Ursache für die gescheiterte Hinrichtung ist weiterhin unklar – und soll durch eine unabhängige Untersuchung geklärt werden. Pikes Anwälte berichteten von erheblichen Problemen beim Legen der Venenzugänge. Einer ihrer Arme habe sich während der Hinrichtung violett verfärbt, später habe es Blasen und Verbrennungen an Einstichstellen gegeben.

Ärzte und Sanitäter weigern sich aus ethischen Gründen teilweise, durch das Legen von Venenzugängen an Tötungen mit Gift mitzuwirken, da es dem hippokratischen Eid widerspricht. Christa Pike soll jedoch winzige Venen haben, was möglicherweise die Gefängniswärter und Henker überforderte. Nach Angaben von Anwälten hing ihr bei dem Hinrichtungsversuch eine verbogene Nadel aus dem Arm. Wenn Mittel mit Pentobarbital oder Chemotherapeutika neben die Vene in den Arm fließen, kann es jedoch zu schweren Nekrosen oder Verbrennungen kommen – die Rede war seitens der Rechtsvertreter auch von Foltervorwürfen.

Nach Angaben des Death Penalty Information Center ist kein vergleichbarer moderner US-Fall bekannt, in dem die vorgesehenen Hinrichtungsmedikamente verabreicht wurden und der Gefangene dennoch weiterlebte. Der Fall hat damit auch die seit Jahren geführte Debatte über die Todesstrafe in den USA und insbesondere über die Zuverlässigkeit von Hinrichtungen mit der Giftspritze erneut in den Fokus gerückt.

Wie es nun weitergeht

Pikes Anwälte forderten nach der gescheiterten Hinrichtung, ihre Todesstrafe in lebenslange Haft umzuwandeln, und kündigten weitere rechtliche Schritte an. In ihrer neuen Stellungnahme bekräftigten sie nun die Forderung an Tennessees republikanischen Gouverneur, Bill Lee, dass Pike statt der Todesstrafe lebenslang in Haft sitzen solle – ohne Möglichkeit einer vorzeitigen Entlassung.

Lee hatte die letzte noch für dieses Jahr geplante Hinrichtung vergangene Woche abgesagt. Bereits im Mai musste Tennessee die Hinrichtung von einem anderen verurteilten Straftäter abbrechen, nachdem es nicht gelungen war, die erforderlichen intravenösen Zugänge zu legen. 

Ob man in Tennessee zu einem späteren Zeitpunkt erneut versuchen wird, Pike hinzurichten, ist unklar. Die „New York Times“ weist darauf hin, dass wahrscheinlich ihr Gesundheitszustand dafür entscheidend sein werde. Der Oberste Gerichtshof der USA habe die Hinrichtung von Personen untersagt, die den Grund für diese Bestrafung nicht rational nachvollziehen könnten, hält die Zeitung fest. 

Pikes Anwälte kündigten für heute eine Pressekonferenz an. Sie soll im Anschluss an eine Anhörung vor einem Gericht in Nashville stattfinden, die um 11.00 Uhr Ortszeit beginnt.

Mit dpa-Agenturmaterial

Demonstration gegen die Todesstrafe vor dem Tennessee State Capitol.

© George Walker IV/AP/dpa

Demonstration gegen die Todesstrafe vor dem Tennessee State Capitol.

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Erstellt:
7. Oktober 2026, 06:14 Uhr
Aktualisiert:
7. Oktober 2026, 06:16 Uhr

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