400 Jahre altes Wiedergänger-Grab in Polen
Warum eine toter „Vampir“ mit einem Vorhängeschloss gesichert wurde
Eine junge Frau aus dem 17. Jahrhundert wurde im polnischen Pień mit einer Sichel am Hals und einem Schloss am Zeh bestattet. Solche Maßnahmen sollten nach damaligen Vorstellungen verhindern, dass gefürchtete Tote als Wiedergänger zurückkehrten.
© © Mirosław Blicharski
Hoher Status, nicht-lokale Abstammung und ein ungewöhnliches Schutzritual: „Vampir“- Skelett in einem Grab im polnischen Pień.
Von Markus Brauer
Der Glaube an Untote und Wiedergänger ist uralt – und existiert bis heute. Dass Verstorbene ruhelos sein könnten, davor fürchten sich Menschen seit es Bestattungsriten gibt. Immer kommt es zu bizarren Funden durch Archäologen - wie im nordpolnischen Pień.
Eiserne Sichel um den Hals, Vorhängeschloss am großen Zeh
Im Jahr 2022 stießen Archäologen dort auf eine Bestattungsform, die selbst unter ungewöhnlichen Gräbern herausstach. Über dem Hals einer jungen Frau lag eine eiserne Sichel, an ihrem linken großen Zeh saß ein Vorhängeschloss. Die Kombination beider Maßnahmen war zuvor in der veröffentlichten archäologischen Literatur noch nie beschrieben worden.
Forscher der Nicolaus Copernicus University in Toruń (NCU) um Dariusz Poliński haben jetzt die archäologischen und osteologischen Befunde mit Radiokarbondatierung, DNA-Analysen und Materialuntersuchungen verbunden. Hinzu kamen Röntgenaufnahmen und Untersuchungen der Sichel, des Schlosses und erhaltener Textilien. Dadurch lässt sich nicht nur die Tote selbst besser einordnen, sondern auch die Abfolge der Eingriffe an ihrem Grab.
Die Studie ist im Fachjournal Journal of Archaeological Science: Reports erschienen.
Hoher Status trotz ungewöhnlicher Behandlung
Die Analysen sprechen dafür, dass die junge Frau im Alter von 17 bis 19 Jahren starb und zu Lebzeiten einen vergleichsweise hohen sozialen Status innehatte. Sie lag ausgestreckt auf dem Rücken, mit dem Gesicht nach oben. Reste eines mit Gold- und Silberfäden durchwirkten Kopfschmucks deuten auf die Bestattung von Wohlhabenden hin.
Zugleich liefern die bioarchäologischen Daten Hinweise auf eine nicht-lokale Abstammung. Beides passt schlecht zu der gängigen Vorstellung, bei ungewöhnlichen Sicherungsritualen seien ausschließlich gesellschaftliche Außenseiter betroffen gewesen. Die Befunde zeigen vielmehr, dass sozialer Status und die Angst vor einer vermeintlich gefährlichen Toten nebeneinander bestehen konnten.
Grab wurde offenbar wieder geöffnet
Besonders aufschlussreich ist die Rekonstruktion der Bestattung. Das große, dreieckige Vorhängeschloss am linken großen Zeh dürfte bereits bei der ursprünglichen Beisetzung angebracht worden sein. Später wurde Grab erneut geöffnet und verändert. Die Sichel wurde dabei vermutlich mit der Schneide zur Kehle über den Hals gelegt.
Diese Anordnung passt zu der Vorstellung, eine zurückkehrende Tote notfalls körperlich am Aufstehen zu hindern. Die Forscher vermuten daher, dass die Sichel bei diesem zweiten Eingriff hinzukam, um die Bestattung gewissermaßen ein weiteres Mal zu sichern.
Antidämonische Praktiken
Die Autoren beschreiben diese Maßnahmen als antidämonische Praktiken. In Osteuropa war seit dem Mittelalter die Angst vor Vampiren und anderen Wiedergängern weit verbreitet. Ihnen wurde zugeschrieben, aus dem Grab zurückzukehren und Krankheit, Tod oder anderes Unheil über die Gemeinschaft zu bringen.
Entsprechend wurden vermeintlich gefährliche Tote je nach Ort und Zeit geköpft, mit dem Gesicht nach unten bestattet, beschwert, verbrannt oder mit Metallgegenständen im Grab fixiert. Auch Sichel und Schloss von Pień gehören in diesen Vorstellungshorizont.
Nach einer für Polen überlieferten Vorstellung konnten potenzielle Wiedergänger schon am dritten Tag wiederkehren. Gerade deshalb sollten symbolische und physische Barrieren eine Rückkehr verhindern. Im 17. Jahrhundert konnten Krankheiten, Hunger und andere schwer erklärbare Krisen solche Ängste zusätzlich verstärken.
Die Frau von Pień könnte nach ihrem Tod mit einem Unglück in Verbindung gebracht worden sein. Welche konkrete Vorstellung dahinterstand, lässt sich archäologisch jedoch nicht mehr bestimmen.
Friedhof abseits des Dorfes
Auch der Bestattungsplatz selbst war ungewöhnlich. Das Gräberfeld aus dem 17. Jahrhundert ist auf historischen Karten nicht verzeichnet. Es liegt abseits des Dorfes nahe einer Wegkreuzung und enthielt keine typischen katholischen Kreuze oder Medaillons.
Ein protestantischer Zusammenhang wird diskutiert, ist aber nicht eindeutig belegt. Die abgelegene Lage könnte zugleich darauf hindeuten, dass hier Menschen außerhalb der üblichen kirchlichen Bestattungspraxis beigesetzt wurden.
Warum die Frau gefürchtet wurde, bleibt offen
Gerade diese Unsicherheit ist ein wichtiger Teil des archäologischen Befunds. Die Studie belegt kein aus Romanen und Filmen bekanntes Vampirbild, sondern dokumentiert konkrete Maßnahmen aus einem historischen Glaubenssystem, in dem gefährliche Tote als reale Bedrohung angesehen wurden.
Sicher ist, dass das Grab nachträglich verändert wurde und dass Sichel und Schloss eine Schutzfunktion für die Lebenden gehabt haben dürften. Warum ausgerechnet diese junge Frau gefürchtet wurde, bleibt ungeklärt. Auch die Todesursache ist nicht bekannt. Weitere paläopathologische Untersuchungen sollen klären, ob sich an den Knochen Hinweise auf Krankheiten oder andere Belastungen finden lassen.
Das Grab von Pień liefert damit kein abgeschlossenes Porträt der jungen Frau. Es zeigt aber ungewöhnlich deutlich, wie archäologische, genetische und chemische Analysen vergangene soziale Ängste und Bestattungspraktiken sichtbar machen können.
Wiedergänger-Glaube in Afrika und auf Haiti
Von der Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit war der Vorstellung weit verbreitet, dass die Untoten aus der Gemeinschaft der Lebenden und Toten ausgeschlossen und dazu verdammt sind auf Erden umher zu wandeln.
Der französische Ethnologe Michel Leiris beschreibt diese Wiedergänger in seinem berühmten Buch „L’Afrique Fantôme“ („Phantom Afrika“, 1934) als „Individuen, die man künstlich in einen Scheintodzustand versetzt, beerdigt, dann wieder ausgegraben und geweckt hat und die infolgedessen folgsam wie Lasttiere sind, da sie ja gutgläubig annehmen müssen, dass sie tot sind“.
Leiris fand Hinweise auf Untote im haitianischen Voodoo-Kult und in der Religion der Yoruba, einem Volk im Südwesten Nigerias. Im zwar christianisierten, aber immer noch von heidnischen Bräuchen durchtränkten Leben der Haitianer besitzen Voodoo-Hexer und Priesterinnen die geheimnisvolle Fähigkeit, Lebende mit einem Fluch zu belegen, so dass sie scheintot sind.
Nekrophobie – die Angst vor den Untoten
Die Angst vor den Untoten lässt sich auch psychologisch erklären. Nekrophobie – das Gegenteil ist Nekrophilie, die Liebe zum Tod und zu Toten – ist eine spezielle Art der Phobie, die sich in einer krankhaft übersteigerten Angst vor Toten und toten Dingen wie Leichen, Kadavern oder Mumien ausdrückt. Die Betroffenen haben eine regelrechte Höllenangst vor der Nähe zu Sterbenden, Friedhöfen und Krankenhäusern.
Bizarre Begräbnisriten
Der Tote wurde mit großen Steinen beschwert.
Im bulgarischen Sozopol am Schwarzen Meer fanden Archäologen vor einigen Jahren ein Skelett aus dem 13. Jahrhundert, dass mit Eisenpfählen und Nägeln in der Brust an den Sarg festgenagelt war. Ein anderer Knochenmann, der in einem bulgarischen Kloster entdeckt wurde, war an Händen und Füßen gefesselt.
Auch in anderen Gräbern in Südeuropa ist man Leichen gestoßen, denen die Glieder zertrümmert, die Sehnen durchtrennt, das Herz gepfählt, Erde in den offenen Mund geschoben oder Kreuze auf die Brust gelegt worden waren.
In der englischen Ortschaft Southwell fanden Archäologen 2012 ein Grab aus der Zeit 550 bis 700 n. Chr., das auf einen Wiedergänger-Begräbnisritus schließen lässt. Dem Toten waren Pfähle in die Schultern, das Herz und die Knöchel getrieben worden. Vermutlich in der Absicht, dass der so Fixierte seine Ruhestätte nicht mehr verlassen kann.
Angst vor Wiederkehr der Toten
Solche Funde deuten nach Ansicht von Anastasia Tsaliki auf bizarre Begräbnisriten hin, die von der Angst vor einer Wiederkehr der Toten angetrieben wurden. Die griechische Archäologin, die an der englischen Durham University lehrt, hat sich intensiv mit dem Phänomen der Wiedergänger-Gräber beschäftigt.
Ihr zufolge gibt es natürliche Erklärungen dafür, dass sich Tote im Grab regen. Der Leichnam kann sich durch bakterielle Fäulnisvorgänge in seinem Inneren aufblähen. Eilig zugescharrt kann es sein, dass plötzlich ein Hand aus dem Grab ragt. Die Verwesung kann dazu führen, dass sich im Magen- und Darmtrakt Gase bilden, die entweichen und wie schmatzende Geräusche klingen.
Ein Utensil aus allseits bekannten Gruselfilmen, dass auf Wiedergänger und Untote schließen lässt, haben Forscher bisher allerdings niemals gefunden: die für Vampire so unentbehrlichen spitzen Eckzähne
© © Poliński et al./Journal of Archaeological Science: Reports/CC-by 4.0
Vorhängeschloss, das am linken großen Zeh der Toten gefunden wurde
© Imago/ZUMA Press Wire
"I Walked with a Zombie" ist ein in Schwarzweiß gedrehter US-amerikanischer Spielfilm von Jacques Tourneur aus dem Jahr 1943. Eine junge Krankenschwester nimmt eine Stelle als Pflegerin auf einer westindischen Insel an. Nach und nach entdeckt sie, dass ihre apathische Patientin das Opfer eines Voodoo-Kultes geworden ist.
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Das Grab des Mannes von Klein Gräfendorf in Sachsen-Anhalt ist ein bekanntes Beispiel für die Furcht mittelalterlicher Menschen vor Wiedergängern.
© Imago/Steffen Schellhorn
Der Tote wurde mit großen Steinen beschwert.
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Bei Arbeiten für eine Umgehungsstraße bei Theißen in Sachsen-Anhalt fand man auf einem Friedhof aus der Merowingerzeit (6. Jahrhundert) das Grab eines Wiedergängers.
