Nationalmannschaft

Applaus für das junge Herzstück – aber Klopp redet ein Thema klein

Das neu formierte DFB-Mittelfeld überzeugt mit einem glänzenden Florian Wirtz und ohne den Kapitän Joshua Kimmich – daraus ergibt sich ein zentrales Problem für den Bundestrainer.

Die Hauptakteure bedanken sich bei den Fans: Tom Bischof, Bundestrainer Jürgen Klopp, Aleksandar Pavlovic und Florian Wirtz (von links) nach dem 2:0-Sieg gegen Serbien.

© IMAGO/Frank Hoermann/SVEN SIMON

Die Hauptakteure bedanken sich bei den Fans: Tom Bischof, Bundestrainer Jürgen Klopp, Aleksandar Pavlovic und Florian Wirtz (von links) nach dem 2:0-Sieg gegen Serbien.

Von Carlos Ubina

Jürgen Klopp ist durch seine Coachingzone getigert und hat geklatscht. Ständig. Und vor Begeisterung. Man musste dabei schon befürchten, dass die Hände des 59-Jährigen wund werden. Denn je länger das Spiel der Nationalmannschaft in München lief, desto klarer wurde, dass es gegen Serbien den ersten Sieg unter dem neuen Bundestrainer geben würde. Zudem lieferte das 2:0 in der Nations League viele Hinweise darauf, wie sich Klopp seine Elf vorstellt. Engagiert in der Defensivarbeit und espritvoll bei den Offensivaktionen – wobei ein Spieler aus dem starken Kollektiv des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) gegen einen schwachen Gegner herausstach: Florian Wirtz.

Das gab reichlich Applaus. „Wir haben einen Jungen gesehen, der sprüht vor Spielfreude, was schon mal das Wichtigste ist. Und der bretthart gearbeitet hat“, sagte Klopp über Wirtz, dessen Wirken sich in zwei Sequenzen trefflich beschreiben lässt. Erstens: mit seiner Spielkunst bereitete er das Führungstor durch Tom Bischof vor (39.) und den zweiten Treffer erzielte er mit Eleganz und Übersicht selbst (61.). Zweitens: der Techniker lief den serbischen Torhüter Djordje Petrovic als erster Verteidiger permanent an. Um ihn bereits im Fünfmeterraum unter Stress zu setzen.

So löste der feinste Fußballer das von Klopp geforderte Gegenpressing aus. Unterstützt von neun weiteren Feldspielern in den Folgeaktionen. Energisch und entschlossen. „Gegen den Ball war es insgesamt herausragend, und mit Ball haben wir einfach wundervollen Fußball gespielt“, führte Klopp aus, „wir können jedes Risiko der Welt nehmen, wenn unser Gegenpressing durch die Decke geht. Und es ist durch die Decke gegangen. Das war außergewöhnlich gut. Die Leistung muss nun die Baseline sein. Das kommt in mein Archiv, damit zeigen wir den Jungs, wie es gehen kann.“

Bleiben dennoch zwei weitere Punkte anzumerken: Die Gäste aus Serbien waren in keinem Bereich des Spiels so gut wie die Griechen wenige Tage zuvor bei der 0:1-Niederlage in Augsburg und die Dominanz des deutschen Spiels entsprang diesmal aus einem spiel- und lauffreudigen Mittelfeld. Florian Wirtz (23) bildete mit Aleksandar Pavlovic (22) und Tom Bischof (21) hinter sich das junge Herzstück einer Mannschaft, die sich weiter finden muss – die sich aber mit frischen Kräften und nach mehreren Trainingseinheiten schnell hinter der Spielidee des Bundestrainers vereint hat.

Das stimmt vor dem Rückspiel in Griechenland an diesem Sonntag (20.45 Uhr/RTL) optimistisch. Die DFB-Elf ist einen Schritt weiter als noch im Hinspiel. Und dennoch wird Klopp und Co. eine Debatte nach Thessaloniki begleiten, die mehr und mehr ein zentrales Problem im Gefüge der Nationalmannschaft darstellt. Die Rede ist von Joshua Kimmich, Kapitän und 116-facher Nationalspieler auf Verbandsebene, unumstrittene Führungskraft und Weltklassemann beim FC Bayern München. Nur: beim DFB verkörpert er den Misserfolg bei den vergangenen Turnieren. Und nun stellt sich die Frage, ob der 31-Jährige überhaupt ein Klopp-Spieler ist.

Der Bundestrainer bevorzugt zweikampfstarke und dynamische Mittelfeldleute, die dazu noch über strategisches Geschick verfügen. Als Klopp 2019 mit dem FC Liverpool in der Champions League triumphierte, bildeten meist Jordan Henderson, Fabinho und Georginio Wijnaldum das Powerzentrum. Pavlovic und Bischof kamen mit dem Freigeist Wirtz diesem Ideal näher als zuvor Kimmich und Felix Nmecha, die nach dem Ausfall von Jamal Musiala einmal von Nadiem Amiri und einmal mit Bambasé Conté im Dreier-Mittelfeld zusammenspielten.

Die Kimmich-Debatte begleitet Klopp nun

Klopp will aus diesen Konstellation jedoch nicht zu viel machen. Jedenfalls noch nicht. Es ist so ein schöner Abend und ihr wollt ein Thema aufmachen, das kein Thema ist“, wandte sich der Bundestrainer an die Journalisten, nachdem er nach dem glänzenden Wirtz und dem harmonierenden Mittelfeld gefragt wurde. Denn er wusste nur zu gut, was im Subtext mitschwang: „Am Ende wird’s eine Joshua-Kimmich-Geschichte. Das kriegt ihr hin“, sagte Klopp und versuchte das Ganze kleinzureden: „Bei dem Lied kann ich leider nicht mitsingen.“

Doch der Fall Kimmich ist jetzt präsent, weil so gut das Erfolgserlebnis gegen Serbien für die Nationalmannschaft war, so schlecht war es im Augenblick für den auf der Tribüne sitzenden defensiven Mittelfeldspieler. Kimmich hatte zur ersten Kadergruppe gehört und trotz seines mehrfach geäußerten Wunsches, auch im zweiten Abschnitt dabei sein können, hat ihm Klopp dieses Ansinnen verwehrt. Der Bundestrainer will bei seinem XXL-Casting Alternativen sehen. Und nun hat die Begegnung in Kimmichs Heimatstadion vor Augen geführt, wie es ohne den Dauerbrenner der vergangenen Jahre gehen kann. Ob auf Dauer, wird sich noch zeigen.

Joshua Kimmich ist in der Nationalmannschaft zum Zuschauen verdammt.

© Sven Hoppe/dpa

Joshua Kimmich ist in der Nationalmannschaft zum Zuschauen verdammt.

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Erstellt:
2. Oktober 2026, 11:36 Uhr

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