„klassisch!“ im Stadthaus Ulm

Anna Prohaska war „Sängerin des Jahres“ und debütiert endlich in der Doppelstadt ihrer Kindheit

Sie ist auf den internationalen Bühnen präsent, am 14. Oktober 2026 singt Anna Prohaska in Ulm Lieder über Krieg und Frieden, die Schicksale der Soldaten und ihrer Familien.

In Neu-Ulm geboren: die österreichisch-englische Sopranistin Anna Prohaska.

© Marco Borggreve

In Neu-Ulm geboren: die österreichisch-englische Sopranistin Anna Prohaska.

Von Jürgen Kanold

Kaum zu glauben, aber es ist das Debüt in der Doppelstadt ihrer Kindheit: Die international gefeierte Sopranistin Anna Prohaska, 1983 in Neu-Ulm geboren als Tochter des damaligen Opernchefs am Theater Ulm, singt am 14. Oktober 2026, 20 Uhr, im Stadthaus Ulm einen Liederabend in der Reihe „klassisch!“. Mit ihrem Klavierpartner Eric Schneider gestaltet sie ein außergewöhnliches Programm: „Behind the Lines“ (Hinter der Front). Unter diesem Titel veröffentlichte sie 2014 bei der Deutschen Grammophon ein viel gerühmtes Konzeptalbum: im Gedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor damals 100 Jahren. Diese Lieder – von Schubert, Wolf bis Weill und Eisler – setzen sich mit dem Thema Krieg, dem Leben und Schicksal der Soldaten und ihren Familien auseinander. Ein unvermindert aktuelles Thema.

Für Anna Prohaska, deren Mutter aus einer englisch-irischen Familie stammt, ist der Erste Weltkrieg, wie sie im Booklet-Text ihres Albums erzählt, ein historisch-elementares Ereignis: „Er ist die Schnittstelle zwischen alter und neuer Welt. In diesem Krieg, in dem nicht Mensch gegen Mensch, sondern Mensch gegen Maschine kämpfte, verlor die Technologie, die Industrialisierung ihre Unschuld.“ Die Sängerin durchforstete das „Soldatenlieder“-Repertoire, vom Volkslied bis zum klassisch-romantischen Lied, vom Dreißigjährigen Krieg bis zum Zweiten Weltkrieg.

25 Lieder wählte sie aus, auf Deutsch, Englisch, Französisch und Russisch: „25 Farben, die je eine andere Seite des Soldatenlebens beleuchten.“ Sie sind alle von einem Grundton bestimmt: „der Tragik um Millionen sinnlos vernichteter junger Leben, seien es die von Arbeitern oder Poeten“. Es ist eine weit gespannte, hoch interessante Auswahl an Liedern: Martialisches, tief Trauriges, Liebevolles, Buffoneskes. Das ganze Leben „hinter der Front“. Mit vielen musikalischen Stimmungen, Erzählungen, Entdeckungen.

Aufregende Suchaktion

Welche Erinnerungen hat Anna Prohaska an ihre frühe Kindheit in Ulm und Neu-Ulm? Das hat sie schon vor einigen Jahren einmal unserer Zeitung erzählt. „Ich erinnere mich an unsere Vorstadt-Idylle in Pfuhl, einen Kirschbaum im Garten und einen wunderbaren Blick auf das Ulmer Münster in der Abendsonne. Natürlich auch an den Kindergarten und den Spielplatz am Kapellenberg, von wo aus man die Zugstrecke nach Wien beobachten konnte. Auch machten wir viele Spaziergänge durch die Friedrichsau. Einmal bin ich beim Versteckenspielen verloren gegangen, hatte furchtbare Angst und bin losgewandert – bis nach Pfuhl. Dort wurde ich dann nach einer großen Suchaktion unter anderem in der Donau (!) wohlbehalten bei einer fremden Familie aufgelesen. In dem Zusammenhang stand ich sogar schon mit drei Jahren in der SÜDWEST PRESSE!“

Anna Prohaskas Vater Andreas war von 1979 bis 1985 Oberspielleiter (also Operndirektor) am Ulmer Theater, unter Intendant Volkmar Clauß. Die Sopranistin kann einige Anekdoten erzählen. So waren ein einziges Mal alle vier Familienmitglieder auf der Bühne: „Ich sage bewusst nicht ,standen', da ich mich zu dem Zeitpunkt noch im Bauch meiner Mutter befand. Sie stellte die Lady Capulet in ,Romeo und Julia' dar, mein Bruder war im Kinderballett und mein Vater Abendspielleiter. Da Lord Capulet extrem kurzfristig ausgefallen war, wurde mein Vater blitzschnell von der Ballettmeisterin Irene Schneider eingewiesen, und er focht mit seinem Degen drauflos. So schnell wird aus einem Regisseur ein Balletttänzer!“

Ihr Bruder Daniel war auf dem Suttner-Gymnasium

Auch Anna Prohaskas Bruder Daniel hat als Sänger Karriere gemacht, tritt zum Beispiel als Operettentenor regelmäßig am Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz auf. Schon in Ulm hatte er sein Talent gezeigt, wie seine Schwester sich erinnert: „Die Schule meines Bruders, das Bertha-von-Suttner-Gymnasium, hatte sehr gute Beziehungen zum Ulmer Theater und konnte dadurch sehr professionelle Aufführungen von zum Beispiel der ,Dreigroschenoper' ermöglichen. So habe ich meinen 16-jährigen Bruder als Mackie Messer gesehen.“

Eberhard Kloke, der damalige Ulmer Generalmusikdirektor, war später Anna Prohaskas Musiklehrer und hat sie nachhaltig gefördert. „Er hat mir irrsinnig viel mit auf den Weg gegeben. In dem intensiven Privatunterricht bei ihm in Berlin, der zwei Jahre andauerte, musste ich immer alles auswendig vorbereitet mitbringen – ob ein Schubertlied oder eine Bachfuge auf dem Klavier, manchmal sollte ich etwas vom Blatt transponieren.“

Dass Anna Prohaskas Konzeptprogramme wie „Behind the Lines“ entwickelt – auch hier hat Kloke wohl den Grundstein gelegt: „Am meisten geprägt hat er mich sicherlich geschmacklich und mit der Bandbreite des Repertoires. Es gibt für mich nicht nur Oper, sondern Literatur von Hildegard von Bingen bis zu Uraufführungen. Er hat auch durch die Gespräche und meine ersten professionellen Projekte mit ihm die Sicht auf aufführungspraktische Dinge erweitert. Es gibt nicht nur Oper und Konzertpodium, Kirchenmusik in der Kirche und Elektronik im Studio. Diese Orte und die vermeintlich dazugehörige Literatur lassen sich auch sinnvoll kombinieren und austauschen. Das werde ich ihm nie vergessen.“                                                  

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Erstellt:
7. Oktober 2026, 16:18 Uhr

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