Neu im Kino: „Emil und die Detektive“

„Parole Emil“ ist jetzt ein Hashtag

David Dietl modernisiert  „Emil und die Detektive“ und verwandelt den Kinderbuch-Klassiker in ein Roadmovie durch das multikulturelle Berlin.

Die Bande rollt durch Berlin - zeitgemäß auf E-Rollern: Szene aus „Emil und die Detektive“

© Warner Bros. Film Productions Germany/ UFA Fiction/ UFA Mitte/dpa/Xiomara Bender

Die Bande rollt durch Berlin - zeitgemäß auf E-Rollern: Szene aus „Emil und die Detektive“

Erich Kästners „Emil und die Detektive“ gehört nach wie vor zu den wichtigsten Klassikern der deutschsprachigen Kinderbuchliteratur. Die Geschichte des zwölfjährigen Jungen aus der Provinz, der sich mit seinen neugewonnenen Freunden auf Diebesjagd durch das großstädtische Berlin macht, stieß in seinem Erscheinungsjahr 1929 neue Türen auf. Komplett wurde die Handlung aus der Perspektive der Kinder erzählt, die sich ohne Hilfe von Erwachsenen in den Gerechtigkeitskampf begaben. Kästner vermied didaktische Belehrungen und zeigte einen genauen, kindgerechten Blick auf soziale Milieus. Zudem war „Emil und die Detektive“ der erste Kinderkrimi in deutscher Sprache, ohne dessen Vorarbeit Werke wie „TKKG“ oder „Vorstadtkrokodile“ kaum denkbar wären.

Im Zug wird Emil fies beklaut

Seit der ersten Kinoadaption von Gerhard Lamprecht nach dem Drehbuch von Billy Wilder aus dem Jahr 1931 wurde der Roman bereits achtmal in vier Sprachen verfilmt – zuletzt 2001 von Franziska Buch, die die Detektivgeschichte und ihre sozialen Implikationen in das Nach-Wende-Deutschland verfrachtete. Nun holt David Dietl den Stoff noch einmal für ein Update hervor.

In Bernburg an der Saale lebt Emil Tischbein (Nicholas Jonah Peter) mit seiner alleinerziehenden Mutter (Luise Heyer), die mit ihrem kleinen Friseur-Salon ein spärliches Auskommen hat. Bei seinen Mitschülern ist Emil nicht sehr beliebt, und eine Mutprobe wird für den Jungen zum Desaster. Da kommt der geplante Besuch bei der Oma in Berlin gerade recht. Im Zug bietet ihm der zwielichtige Betrüger Grundeis (Merlin Sandmeyer) Gummibärchen mit Betäubungsmittel an und klaut Emil das hart erarbeitete Bargeld, das die Mutter ihm für die Oma mitgegeben hat.

Im gläsernen Labyrinth des Berliner Hauptbahnhofes beginnt die Verfolgungsjagd, der sich nach dem hilfsbereiten Gustav (Kilian Kasa) und der coolen Pony (Lara Toni Lüdders) noch weitere Kinder anschließen. Ist die Romanvorlage im Kiez rund um den Nollendorfplatz angesiedelt, schickt Dietl die Kinderbande in Form eines großstädtischen Roadmovies kreuz und quer durch Berlin. Zeitgemäß spiegelt nicht nur die familiäre Herkunft der verschiedenen Bandenmitglieder, sondern auch die Auswahl der Locations den multikulturellen Geist Berlins wieder.

Die Verfolgungsjagd führt vom Nobelrestaurant in Mitte zum vietnamesischen Dong Xuan Center in Lichtenberg bis zur Neuköllner Sonnenallee, dem Kreuzberger Urban-Krankenhaus zum Finale an den Alexanderplatz, wo Grundeis als betrügerischer Immobilienhändler den Wohnungssuchenden das Geld aus der Tasche ziehen will.

Ursula Werner als Großmutter - immer ein Gewinn

Der ständige Wechsel der Handlungsorte nagt am Fluss der Erzählung. Sicherlich hätte man sich auch mehr Zeit und Muße fürs Atmosphärische gewünscht und dafür auf ein paar Musikstrecken verzichtet. Dennoch funktioniert die Aktualisierung des Stoffes ins urbane Gegenwartsformat im Großen und Ganzen gut. Aus der „Parole Emil“ wird hier im Verlauf der Handlung ein Hashtag, der Dieb wird mit Smartphones getrackt und schließlich von einem Flashmob gestellt.

Diese Modernisierungen fließen überraschend organisch in Kästners Geschichte ein. Auch die schon im Roman angelegte Aufgewecktheit der Figuren entspricht dem mentalen Standard heutiger Großstadtkids. Die Dialoge wirken zwar zuweilen etwas gewollt, aber das gut gecastete Kinder-Ensemble wiegt dieses Manko mit seinem Charme wieder auf. Und dann ist da noch die wunderbare Ursula Werner, die immer ein Gewinn ist. Sie hat als halbblinde Großmutter nur ein paar kurze Auftritte, mit denen sie in herzlich-ruppiger Manier den Film fester im Berliner Milieu verankert, als es alle Location-Scouts vermögen.

Emil und die Detektive: Deutschland 2026. Regie: David Dietl. Mit Nicholas Jonah Peter, Luise Heyer, Merlin Sandmeyer, Lara Toni Lüdders. 100 Minuten, ab sechs Jahren.

Zum Artikel

Erstellt:
23. September 2026, 16:38 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen