Tennis-Profi aus Metzingen
Debakel für deutsches Tennis – diese Gründe sieht Laura Siegemund
Die am besten platzierte deutsche Tennisspielerin spricht über den Abstieg im Billie Jean King Cup – und blickt voraus auf ihr Heimspiel beim Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart.
© IMAGO/ZUMA Press
Auf Rang 51 der Weltrangliste nominell beste deutsche Tennisspielerin: Laura Siegemund
Von David Scheu
Größer könnte der Kontrast kaum sein. Während die besten Tennisspielerinnen der Welt in den kommenden Tagen beim Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart aufschlagen, ist das nationale Damentennis hierzulande seit dem Wochenende an einem Tiefpunkt angekommen. Das 1:2 des deutschen Teams im Billie Jean King Cup gegen den krassen Außenseiter Litauen bedeutete den zweiten Abstieg innerhalb von sechs Monaten – und statt der anvisierten Rückkehr in die Weltgruppe den Gang in die drittklassige Regionalgruppe II.
Die Pleite wirkt nach, auch beim Bundestrainer. „Der Abstieg ist eine große Enttäuschung für uns. Das entspricht nicht unserem Anspruch, den wir für das deutsche Damentennis haben“, sagte Bundestrainer Torben Beltz nach den Spielen in Oeiras bei Lissabon – die eigentlich erfolgversprechend begonnen hatten: Zum Auftakt gewann Noma Noha Akugue (22) noch ihr Einzel gegen Andre Lukosiute (6:4, 6:4), ehe zwei unerwartete Niederlagen folgten: Erst unterlag Ella Seidel (21) gegen Justina Mikulskyte (6:1, 3:6, 2:6), dann verloren Noha Akugue und Nastasja Schunk im entscheidenden Doppel gegen Lukosiute und Mikulskyte (7:5, 3:6, 8:10).
Verfolgt hat das alles auch die derzeit nominell beste deutsche Tennisspielerin, die selbst nicht in Portugal dabei war: Laura Siegmund – zum Zeitpunkt der Partien auf Rang 51 der Weltrangliste – sagte ihre Teilnahme wegen der Nachwehen von Problemen am hinteren Oberschenkel ab. „Für mich war wichtig, das gut auszukurieren, um für die lange Sandplatzsaison gut vorbereitet zu sein“, sagte die 38-Jährige Metzingerin im Vorfeld ihres Heimturniers in Stuttgart, in dem sie in der ersten Runde auf die Polin Magdalena Frech trifft.
Versprochen hatte sie sich gegen Litauen nichtsdestotrotz mehr vom DTB-Team. „Rein auf dem Papier müssen diese Matches gewonnen werden. Da hätte ich erwartet, dass wir die Klasse halten“, so Siegemund, deren Bereitschaft für Einsätze für Deutschland nach wie vor besteht: „Ich habe immer Lust, bin auch ein Teamplayer.“ Klar ist aber auch: Siegemund sieht die neue Tennis-Generation in der Hauptverantwortung – und führt das Debakel von Portugal weniger auf unglückliche Umstände oder die Tagesform zurück, sondern auf Versäumnisse der vergangenen Jahre.
Laura Siegemund: Zu wenig Fokus auf das Doppel
„Es wäre vielleicht nicht schlecht gewesen, die jungen Leute früher mit reinzuholen. Das ist zu wenig passiert. Da hat man sich zu sehr darauf verlassen, dass die aus der älteren Generation die Punkte holen“, so Siegemund, die momentan gemeinsam mit der ebenfalls 38-jährigen Tatjana Maria das am besten platzierte deutsche Duo auf der Tour bildet. Nun sei man durch die jüngsten Ausfälle – auch Eva Lys sagte für die Spiele in Portugal verletzungsbedingt ab – auf die Jüngeren angewiesen gewesen. „Und die sind das nicht gewöhnt, da zu spielen.“
Ganz sicher wird das Thema auch bei der Analyse auf den Tisch kommen, die Bundestrainer Beltz nach dem Abstieg ankündigte. Geht es nach Siegemund, darf dabei auch das Thema Doppel gerne eine größere Rolle einnehmen als bisher. Alle drei verlor das deutsche Team zuletzt – kein Zufall für Siegemund, die 2020 an der Seite von Vera Zvonareva bei den US Open die Doppel-Konkurrenz gewann: „Das interessiert zu wenig, das wird zu wenig gezeigt und zu wenig trainiert. Der Fokus liegt voll auf dem Einzel bei allen Spielerinnen.“ Bei Wettbewerben wie den Olympischen Spielen oder dem Billie Jean King Cup sei das Doppel dann auf einmal interessant. „Aber sie wissen dann nicht, wie Doppel gespielt wird. Da liegt zu wenig Fokus darauf.“
Für Siegemund gilt das nicht. Sie tritt in Stuttgart sowohl im Einzel als auch Doppel mit Zvonareva an – und freut sich außerordentlich auf die kommenden Tage in der schwäbischen Heimat: „Es ist auf keinen Fall ein Turnier wie jedes andere für mich.“ Sie sei nicht mehr oft in der Gegend, so Siegemund, die ihren Lebensmittelpunkt inzwischen auf Sardinien hat. „Viele Freunde können mich sonst nie live sehen.“ Das – so viel steht unabhängig vom sportlichen Verlauf fest – wird sich in den kommenden Tagen ändern.
