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„Es bringt jetzt nichts zu hadern“

Das Interview: Martin Windmüller vom Stadtmarketingverein über die Folgen der Zwangsschließungen für den Einzelhandel

Erst traf es Kultureinrichtungen, Bars und Fitnessstudios, seit Mittwoch müssen nun auch die meisten Geschäfte wegen der Coronapandemie geschlossen bleiben. Für den stationären Handel, der ohnehin mit Problemen zu kämpfen hat, ist das eine Katastrophe. Martin Windmüller vom Vorstand des Stadtmarketingvereins Backnang appelliert an die Kunden, Einkäufe lieber zu verschieben, als im Internet zu bestellen.

Wie viele andere Händler musste auch Martin Windmüller sein Bettenhaus in Backnang schließen. Telefonisch und online will er für seine Kunden aber weiterhin erreichbar sein. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Wie viele andere Händler musste auch Martin Windmüller sein Bettenhaus in Backnang schließen. Telefonisch und online will er für seine Kunden aber weiterhin erreichbar sein. Foto: A. Becher

Von Kornelius Fritz

Seit Mittwoch ist Ihr Bettenhaus geschlossen, Friseure und mit Einschränkungen auch Restaurants dürfen weiterhin öffnen. Haben Sie Verständnis für diese Entscheidung?

Generell habe ich Verständnis für die Entscheidung, weil ich mich nicht in der Lage fühle, die Situation völlig zu überblicken. Ich muss mich da auf die Politik und auf die Wissenschaft verlassen. Es bringt jetzt nichts zu hadern. Das macht keinen Sinn.

Wie geht es bei Ihnen weiter? Was werden Sie in den kommenden Wochen machen, was passiert mit Ihren Mitarbeitern?

Wir haben Kurzarbeit angemeldet, und zwar Null-Kurzarbeit. Das heißt, meine Mitarbeiter werden nicht arbeiten. Mit einer Ausnahme: Der Kollege, der ausliefert, wird die noch im Lager befindlichen Aufträge ausliefern, allein schon deshalb, um noch ein bisschen Umsatz zu generieren. Ich selbst bekomme keine Leistungen: Ich bin zwar angestellter GmbH-Geschäftsführer, gelte im Sinne der Sozialversicherung aber als Unternehmer und da zieht das Kurzarbeitergeld nicht.

Wie wollen Sie die nächsten Wochen nutzen?

Ich werde sicher nicht rumsitzen und Däumchen drehen. Ich werde die Zeit nutzen, um meinen Schreibtisch aufzuräumen und das eine oder andere, was liegen geblieben ist, abzuarbeiten. Wir werden auch jederzeit telefonisch erreichbar sein, können Bestellungen entgegennehmen und dann auch direkt ausliefern.

Wie lange können Sie eine solche Zwangspause überstehen? Ab wann wird es existenzbedrohend?

Das kann ich nicht abschätzen. Ich glaube nicht, dass es existenzbedrohend wird, weil ich einfach denke, dass der Staat sich das nicht leisten kann. Wenn es mich umhaut, dann haut es auch ganz viele andere um. Da verlasse ich mich auf die Politiker und auf den Staat, dass dann in irgendeiner Form Auffangmechanismen geschaffen werden.

Die Bundesregierung hat ja betroffenen Unternehmen schnelle und unbürokratische Hilfe versprochen. Kommt diese Unterstützung bereits bei den Händlern an?

Heute Morgen habe ich einen Anruf von der Agentur für Arbeit bekommen mit Informationen zum Thema Kurzarbeitergeld. Das finde ich gut. Sonst kam bisher bei mir noch nichts an.

Welche Händler trifft diese Zwangsschließung besonders hart?

Es betrifft ganz besonders die Händler, die viel Ware vorordern und saisonale Ware verkaufen. Die haben ihre Lager jetzt voll mit Frühlings- und Sommerware, und je später die Wiedereröffnung sein wird, desto größer ist die Gefahr, dass diese dann überhaupt nicht mehr interessant ist. Ein großes Problem ist, dass online ja alles weiterläuft und die Kunden, wenn sie etwas brauchen, einfach im Internet bestellen können.

Ist die Coronakrise also ein Konjunkturprogramm für Amazon, Zalando und Co.?

Es ist garantiert nicht so geplant, aber von der Wirkung ist es das. Es ist auch ein Konjunkturprogramm für die Vollsortimenter. Ein Drogeriemarkt Müller verkauft ja bei Weitem nicht nur Drogerieartikel und hat jetzt die Riesenmöglichkeit, Dinge zu verkaufen, die wir sonst verkaufen würden.

Müsste der Gesetzgeber hier tätig werden und nur noch den Verkauf von Drogerieartikeln zulassen?

Aus Gründen der Wettbewerbsgleichheit ja. Aber wo ziehen Sie die Grenze? Dann müssten Sie auch den Online-Handel eingrenzen. Das ist schwierig.

Der stationäre Handel hatte in den vergangenen Jahren ohnehin schon große Probleme. Wird diese Krise, trotz aller Hilfen, zu einem Ladensterben führen?

Wenn es beim Zeitraum bis 19. April bleibt, der zurzeit angedacht ist, glaube ich noch nicht, dass es Händler in großem Maße umwerfen wird, weil ich, wie gesagt, auf die Politik vertraue, dass es einen Rettungsschirm geben wird. Diese Krise macht uns aber natürlich an einer Stelle verwundbar, an die man bisher noch gar nicht gedacht hat. Bei familiengeführten Einzelhandelsbetrieben könnte das dazu führen, dass sich mancher überlegt, ob er angesichts solcher Risiken noch Lust hat, das Geschäft weiterzuführen.

Haben auch lokale Händler die Chance, online oder vielleicht sogar ganz altmodisch per Telefonbestellung wenigstens einen Teil ihres Geschäfts weiterzuführen?

Ich hoffe es. Wir werden uns dazu jetzt eine Strategie überlegen und zum Beispiel die sozialen Netzwerke stärker nutzen. Aber damit werden wir sicher keine großen Umsätze erzielen. Wenn Sie einen Schlafanzug kaufen, wollen Sie ihn vorher anschauen, und ich kann jetzt nicht mit 20 oder 30 Schlafanzügen zu jedem Kunden fahren. Bei standardisierten Artikeln, etwa im Buchhandel, geht das leichter. Da bieten die Großhändler teilweise auch schon entsprechende Plattformen an.

Die akute Phase wird in einigen Wochen hoffentlich vorbei sein. Dann dürfen Sie Ihren Laden vielleicht wieder aufmachen. Allerdings werden viele Ihrer Kunden dann auch weniger Geld in der Tasche haben. Werden Sie die Auswirkungen der Krise noch wesentlich länger spüren?

Diese Angst habe ich nicht. Denn im Moment haben die Leute ja kaum Möglichkeiten, Geld auszugeben. Es wird nicht verreist, es wird nicht ausgegangen in Gaststätten und kulturelle Einrichtungen. Da wird in vielen Bereichen Budget bleiben, das jetzt nicht ausgegeben wird. Ich glaube, wenn’s dann wieder läuft, werden sich die Leute auch wieder etwas Gutes tun wollen und in Konsumlaune kommen.

Viele Menschen würden in diesen Tagen gerne ihre Solidarität und Unterstützung mit den lokalen Gewerbetreibenden zeigen. Welche Möglichkeiten gibt es?

Eine Möglichkeit ist, uns telefonisch zu kontaktieren und uns die Chance zu geben, die Wünsche zu decken, die sie haben. Eine weitere Möglichkeit ist, Anschaffungen, die vielleicht etwas aufschiebbar sind, aufzuschieben, bis mein Händler vor Ort wieder auf hat, statt sie kurzfristig im Internet zu tätigen.

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Erstellt:
20. März 2020, 06:00 Uhr

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