Film im Universum Backnang: Über den Bruch mit den Zeugen Jehovas

Der Film „Ich war ein Zeuge“ von Andreas Reiner, Günter Moritz und Monika Agler lässt Aussteigerinnen und Aussteiger der Zeugen Jevohas von ihrem Bruch mit der Gemeinschaft berichten. Am Dienstag ist er im Backnanger Kino Universum zu sehen. Wir verlosen dreimal zwei Karten.

Fotograf und Interviewer Andreas Reiner im Gespräch mit einer Aussteigerin. Foto: © teamWERK. Die Filmproduktion GmbH

Fotograf und Interviewer Andreas Reiner im Gespräch mit einer Aussteigerin. Foto: © teamWERK. Die Filmproduktion GmbH

Backnang. Zwei Frauen und zwei Männer, die früher bei den Zeugen Jehovas waren, erzählen im Dokumentarfilm „Ich war ein Zeuge“, der am Dienstag im Backnanger Kino Universum gezeigt wird, ihre Geschichte. In Interviews geben sie einen ungeschönten Einblick in eine Realität, die nicht nur von Gemeinschaft und Glauben, sondern – in vielen Fällen – auch von physischem und psychischem Missbrauch geprägt ist.

Die Idee, einen Film über ehemalige Mitglieder der Zeugen Jehovas zu drehen, stammt von Andreas Reiner. Der Fotograf sollte für die Stuttgarter Zeitung eine Aussteigerin nahe Ludwigsburg porträtieren. „Ich war über drei Stunden bei der Frau – das ist für einen Fotografen eher unüblich“, berichtet er. Ihre Geschichte schockierte ihn. Vorher hatte er mit der Religionsgemeinschaft noch nie etwas zu tun gehabt. „Zeugen Jehovas waren für mich bis dahin einfach diese Leute, wo man sagt: ‚Ach, die wirken immer so freundlich‘“, sagt er. Doch dahinter verstecke sich eine Parallelwelt.

Auf den Austritt folgt soziale Isolation

Seine Gesprächspartnerin hatte sich dem Aussteigerverein JZ Help angeschlossen. „Der Verein macht zwar sehr viel, aber er erreicht nicht viele Menschen“, sagt Reiner. Deshalb habe er angeboten, ein Fotoprojekt zu machen. Seine Idee war es, möglichst viele Personen zu porträtieren und jeweils eine kurze Aussage zu jedem Bild zu stellen. Auf seinen Aufruf meldeten sich innerhalb von einer Woche mehr als 60 Personen, die sich vorstellen konnten, mitzumachen. Sie schickten Reiner jeweils eine kurze Vita. Zwei Tage schaute er die Unterlagen durch. „Das war richtig psycho“, findet er. „Den Leuten sind Sachen passiert, die man sich als Außenstehender nicht vorstellen kann.“ Als Beispiel nennt Reiner den Fall einer Frau, die mit 40, alleinerziehend mit zwei Kindern und in einer Lebenskrise, zu den Zeugen Jehovas kam. 20 Jahre später wurde sie von der Gemeinschaft ausgeschlossen, weil sie rauchte. Auch ihre Töchter brachen den Kontakt ab – wie alle anderen aus der Gemeinde. Eine solche Ächtung geschieht auch, wenn jemand freiwillig austritt.

Weitere Themen

Viele Geschichten wiederholten sich, sagt Reiner, obwohl die Leute sich nicht kannten, aus ganz unterschiedlichen Orten Deutschlands stammten. „Das Einzige, was sie verbindet, ist, dass sie einmal Zeugen Jehovas waren.“ Der Fotograf hatte sich schon eine Tour quer durch Deutschland zusammengestellt, um alle, die mitmachen wollten, zu fotografieren. Doch nach den ersten fünf Gesprächen stellte er fest: „Ich werde dieser ganzen Thematik mit einem Foto gar nicht gerecht.“ So kam die Idee, stattdessen einen Dokumentarfilm zu drehen, in dem beispielhaft vier Personen zu Wort kommen. „Mehr hätten die Zuschauer auch gar nicht verkraftet“, meint Reiner. Regisseur und Produzent Günter Moritz sowie Geschäftsführerin und Editorin Monika Agler von der Stuttgarter Produktionsfirma Teamwerk waren sofort überzeugt.

Unter den Protagonisten ist etwa eine junge Frau namens Leonie. Die heute 22-Jährige wurde in die Glaubensgemeinschaft hineingeboren. Als 14-Jährige wurde sie in der Gemeinde sexuell missbraucht. Obwohl sie das Opfer war, musste sie sich den Fragen der Gemeindeältesten, dem Leitungsgremium ihrer Ortsgemeinde, stellen. Der Missbrauch sollte intern geregelt werden. „Zur Polizei gehen würden Zeugen Jehovas nie“, ist Reiner überzeugt. Leonie bekam in der Folge eine Essstörung, verletzte sich selbst. Auch ihre Noten in der Schule ließen nach. So bemerkte ein Lehrer, dass es ihr schlecht ging. Das Ganze kam ans Licht, Leonie kam in eine psychiatrische Einrichtung, um das, was ihr angetan worden war, zu verarbeiten. Mittlerweile lebt sie alleine.

Auch bei Reiner hinterließ der Filmdreh Spuren. „Ich war kurz vor einer Depression, so sehr hat mich das belastet“, sagt er. „Man kann gar nicht beschreiben, was die Leute einem erzählen und wie sie leiden – und das teils mehr als 20 Jahre nach ihrem Ausstieg.“ Das Projekt „Ich war ein Zeuge“ möchte den Lebensgeschichten der Aussteigerinnen und Aussteiger einen Raum geben. Es ist ein Film über Kontrolle, Glauben, Schuld, Identität – und die fragile Grenze zwischen Mitgefühl und Überforderung.

Vorstellung und Kartenverlosung

Gewinnspiel Die BKZ verlost dreimal zwei Tickets für den Film „Ich war ein Zeuge“ am Dienstag um 20 Uhr im Kino Universum. Um an der Verlosung teilzunehmen, schickt man einfach bis Montag, 12 Uhr, eine E-Mail an gewinnspiel@bkz.de, Betreff „Zeuge“. Die Gewinner werden per E-Mail benachrichtigt, die Tickets an der Kinokasse hinterlegt. Die Filmemacher sind am Dienstag vor Ort.

Ideengeber Andreas Reiner, geboren 1968 in Göppingen und aufgewachsen in Wangen, ist Fotograf und Interviewer. Nach einer ersten Laufbahn im Handwerk begann er 2005 eine Ausbildung zum Fotografen und arbeitet seither selbstständig im oberschwäbischen Galmutshöfen. Seine Arbeiten wurden bereits vielfach ausgezeichnet.

Karten Tickets zu 9,90 Euro kann man auch online kaufen. Mehr Infos: t1p.de/r4c2g.

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Erstellt:
13. Juni 2026, 06:00 Uhr

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