Neu im Kino: „Primetime“
Skandal zur besten Sendezeit
Robert Pattinson als Reporter auf Pädophilenjagd: Lance Oppenheims „Primetime“ ist kein angenehmer Film, aber ein Augenöffner zu den Ursprüngen der neuen amerikanischen Erbarmungslosigkeit.
© Leonine/epd
Tony Revolori als Rolando Restocruz und Robert Pattinson als Chris Hansen (rechts) in dem Film "Primetime"
Von Kathrin Horster
Die Kekse stehen auf dem Tisch, der Junge ist da! Hektisch wird er in Shorts und ein buntes T-Shirt gestopft. Süß, die noch vom Babyspeck runden Wangen, das blonde Wuschelhaar, die blauen Augen! Nur ein paar Sekunden noch, dann steht auch der Mann vor der Tür, der von allen mit erregter Anspannung erwartet wird; vom NBC-Moderator Chris Hansen (Robert Pattinson), dessen gut verstecktem Aufnahmeteam und von der nationalweit an ihren TV-Geräten versammelten Publikumsschar.
Verbriefte US-amerikanische Fernsehhistorie
„To Catch A Predator“ ist in den 2000er Jahren eine US-amerikanische Überraschungsshow der besonderen Art. Mit Hilfe jugendlich erscheinender Lockvögel triggert Chris Hansen pädophil veranlagte Männer in Online-Foren, um sie in eine Falle zu locken. Erscheinen die Männer wie im Chat verabredet an einer bestimmten Adresse, um sich mit dem vermeintlich 13-jährigen Dan (Skyler Gisondo) zum intimen Spieldate zu treffen, springt Chris aus der Deckung, mit Kamera- und Tonmann im Rücken, um den sexuellen Missbrauch in letzter Sekunde zu verhindern, den Pädophilen öffentlich vorzuführen und anschließend der Polizei zu übergeben.
Was nach fies überspitzter Gesellschaftssatire klingt, ist verbriefte US-amerikanische Fernsehhistorie, der inzwischen 67-jährige, mehrfach ausgezeichnete Investigativjournalist Chris Hansen real existierender Initiator und Zeitzeuge. „To Catch A Predator“, zu deutsch „Wie man ein Raubtier fängt“, führte zwischen 2004 und 2007 in zwei Staffeln mit je zehn Folgen zu 273 Festnahmen mutmaßlicher Sexualstraftäter und erlangte damit in den USA Kultstatus.
Lance Oppenheim, ein in Harvard ausgebildeter Dokumentarfilmer, blickt in seinem Spielfilmdebüt „Primetime“ hinter die Kulissen des ethisch fragwürdigen Aufklärungsformats und in den Kopf seines nur vordergründig ehrenhaft motivierten Erfinders.
„Was wäre geschehen, wäre ich nicht da gewesen?“ lautet Hansens Mantra zur moralischen Erhebung seiner Sendung aus dem Morast des Reality-, Trash-, und Quäl-TVs, das in den USA ab den Neunzigern von Protagonisten wie dem Talk-Anheizer Jerry Springer oder dem brutalen Kopfgeldjäger Duane „Dog“ Chapman geprägt wird. Hansen ist ein sauber gescheitelter Anzugtyp mit Frau, zwei Söhnen und großen Ambitionen, als er beim NBC-Chef Jeff Zucker (gespielt von ihm selbst) vorspricht. „Ich mag Ihre Show nicht, aber die Leute lieben sie“, sagt Zucker, und schiebt Hansens Konzept in die Hauptsendezeit, das nun der Erfolgsserie „Lost“ des Konkurrenten ABC Quotenpunkte abjagen soll.
Oppenheim interessiert sich weniger für die Mechanismen der Realityshow, als für die dunklen Abseiten ihrer Macher. Neben Hansen, der als Familienvater und Ehemann eine verrottete Doppelmoral mit diversen Geliebten praktiziert, sich selbst aber zum Saubermann stilisiert, kämpft Hansens Produzentin Andie Bender (Merritt Wever) in einem von dominanten Männern und immer extremeren Shows überhitzten Business um Aufmerksamkeit. Während Hansens Lockvogel, der erfolglose Jung-Schauspieler Dan Plumb, nach einer ersten echten Rolle giert, die ihm den Eintritt in die so wichtige Schauspieler-Gewerkschaft eröffnet.
Ein aalglatter Unsympath
Oppenheim, Jahrgang 1996, aufgewachsen mit den teils geschmacklos brutalen Reality-TV-Serien der 2000er Jahre, reproduziert in seinem Film bewusst die Spanner-Situation der Sendung, die er betrachtet. Das Geschehen inszeniert Oppenheim mal zentralperspektivisch auf Abstand, mal in gekippten, leicht verzerrten, distanzlosen Nahaufnahmen und im historischen, fast quadratischen Fernsehformat. Pattinson legt Hansen mit Mut zur Boshaftigkeit als aalglatten Unsympathen und zwielichtigen Narzissten an, der einen einzigen Satz perfektionistisch in zig Varianten wiederholt, um die eigene Stimme wieder und wieder zu hören. Hansens Kollegen stellt Oppenheim nicht freundlicher dar; er entlarvt die Menschenverachtung der vermeintlichen Aufklärer, mit Hansen im Zentrum, der sich an der Scham und Angst der von ihm gestellten Pädophilen delektiert.
Machtgier und Lust, sich über Menschen zu erheben
„Primetime“ lässt keine Chance, sich mit den Figuren zu identifizieren. Emotional unberührt aber intellektuell betroffen betrachtet man den Wahnsinn dieser Show und erkennt in ihr die undifferenzierte Kopf-Ab-Mentalität wieder, mit der heutige radikale Sittenwächter in den USA gegen angeblich unmoralische Bücher, aber auch gegen unliebsame Andersdenkende vorgehen. Hansen ging nicht auf die Jagd nach Pädophilen, um Kinder zu schützen. Machtgier und die Lust, sich über vermeintlich schlechtere Menschen erheben zu können, waren Motor der Sendung, zeigt Oppenheim. Ein eiskalter Film, der Augen öffnet.
Primetime. USA 2026. Regie: Lance Oppenheim. Mit Robert Pattinson, Merritt Wever, Skyler Gisondo. 107 Minuten, ab zwölf Jahren.
