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Teufelskreis der Ãœberforderung

Familie und Beruf in Einklang zu bringen ist für Frauen immer noch mühsam

DStuttgart ie Empörung war voraussehbar. Eine Supermarktkette veröffentlichte Anfang der Woche einen Werbespot zum Muttertag und beendet ihn mit dem Satz: „Danke Mama, dass du nicht Papa bist.“ Die Botschaft: Die Männer sind die Deppen, kümmern sich zu Hause nicht um den Nachwuchs. Und die Mütter sind für die Kinder die Heldinnen. Das war eine kalkulierte Provokation der Werbetreibenden – und zudem eine sehr platte.

Das Spiel mit traditionellen Rollenbildern ist nicht neu. Vor mehr als 15 Jahren gab es eine Werbung, in der eine Mutter im Mittelpunkt stand. Sie kocht, misst Fieber, liest den Kindern vor, staubsaugt. Als sie bei einer Party gefragt wird, was sie beruflich macht, antwortet sie: „Ich führe ein kleines, sehr erfolgreiches Familienunternehmen.“

Das Schlimme daran: Wie aktuelle Zahlen belegen, hat sich Jahre später an der Rollenverteilung nicht viel geändert. EineUntersuchung des Instituts der Deutschen Wirtschaftzeigt, dassFrauenmehr im Haushalt machen und in der Kinderbetreuung die Hauptverantwortlichen sind. Niemandem kommt bei der Haushaltsgerätewerbung in den Sinn, dass da auch ein Mann mit dem Staubsauger stehen könnte. Und keiner denkt an die Zukunft der Frau aus der Werbung. Daran, dass sie vielleicht mal mit zwei Teenagern alleinerziehend ist und mit einem Burn-out zu kämpfen hat. Oder daran, dass sie im Rentenalter arm sein könnte.

Natürlich nehmen inzwischen mehr Väter Elternzeit. Eine Studie des Statistischen Bundesamtes belegt, dass die Zahl im vergangenen Jahr um sieben Prozent angestiegen ist. Das heißt konkret: 1,4 Millionen Mütter und 433 000 Väter bekamen 2018 Elterngeld. Die noch größere Diskrepanz liegt aber in der Zeit: Mütter erhielten im Schnitt 11,7 Monate Elterngeld, Väter drei Monate. Häufig nutzen Väter diese Wochen, um eine schöne Familienreise zu machen und nicht dazu, allein Zeit mit dem Kind zu verbringen, den Haushalt zu stemmen und vielleicht den Nachwuchs in der Kita einzugewöhnen, während die Frau arbeiten geht. Das Elterngeld, das natürlich für die besser verdienenden Akademiker eingeführt wurde, war aber genau dafür gedacht: für einen Schritt Richtung Gleichberechtigung.

Wenn dann die Elternzeit vorbei ist, steigt frau meist in Teilzeit wieder ein, weil die gerechte Aufteilung selten gelebt werden kann, wenn die Gehälter auseinanderklaffen. Und schon sind die Mütter mitten in einem Teufelskreis derÃœberforderung, wenn sie versuchen, Impftermine und Projektleitung, Kuchenbacken und Digitalisierung miteinander zu vereinbaren. Die Mütter von heute sind zerrissen. Sie stehen in der Verantwortung – und sind oft nah dran an der Erschöpfung. Sie wollen arbeiten, wollen Erfolg, aber auch eine guteMuttersein. Und das geht auf Dauer bei vielen schlichtweg an die Gesundheit.

Dass die Zahl der Mütter mit Erschöpfungssyndrom bis hin zum Burn-out in den vergangenen zehn Jahren immens gestiegen ist, verwundert nicht. Laut einer Studie des Bundesfamilienministeriums könnten zwanzig Prozent aller Mütter mit Kindern unter 18 Jahren sofort eine Kur beantragen – das sind rund neun Millionen Frauen.

Noch immer ist es schwierig, Familie und Beruf gleichberechtigt aufzuteilen. Es braucht gute Betreuungsangebote, flexible Arbeitszeiten und das Verständnis beider Erziehungsberechtigten für die unbezahlte Arbeit. Und als ob das nicht anstrengend genug wäre, ist da auch noch der Kampf gegen ein System voller Fehler. Ja, es gibt sehr viel, was sich Mütter 2019 zum Muttertag wünschen. Es sind nicht nur Blumen.

anja.wasserbaech@stzn.de

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Erstellt:
11. Mai 2019, 02:04 Uhr

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