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Wenn ich groß bin, werd‘ ich Lobbyist

5000 bis 6000 Lobbyisten arbeiten in Berlin und versuchen, die Politik im Sinne ihrer Auftraggeber zu beeinflussen

Der Begriff „Lobbyist“ gilt bei vielen Menschen schon fast als Schimpfwort. Warum wollen junge Leute trotzdem in diese Branche? Fünf Berufsanfänger berichten.

Stuttgart Sven Piechottka scheut das Rampenlicht. Ein Restaurant mit schwäbischer Küche in Berlin-Mitte hat der 26-Jährige an diesem Abend als Treffpunkt vorgeschlagen. Piechottka ist im Kreis Böblingen aufgewachsen. Heute lebt er in Berlin. Politische Debatten hätten ihn zwar schon immer interessiert, sagt Piechottka. Mit 16 trat er den Jungen Liberalen bei, studierte Politik und Verwaltung in Konstanz, machte ein Praktikum im Bundestag. Aber die Politik zum Beruf machen? Piechottka winkt ab. „Dafür muss man viel zu abgebrüht sein.“

Wenn zwei Freunde sich bei den Jungen Liberalen auf dasselbe Amt bewerben, kann das die Freundschaft auf den Prüfstand stellen. Darauf hatte Piechottka keine Lust. Trotzdem wollte er sein Interesse an Politik mit etwas verbinden, „was Mehrwert schafft“, sagt der 26-Jährige. Er wollte einen Job ohne Rampenlicht. Ohne offene Machtkämpfe. Sven Piechottka ist Lobbyist geworden.

Geschätzt 5000 bis 6000 Lobbyisten arbeiten in Berlin. Genaue Zahlen gibt es nicht, denn in Deutschland existiert kein Lobbyregister. Seit dem Parlamentsumzug von Bonn nach Berlin ist die Branche stark gewachsen. 2336 Einträge zählte die Liste der Verbände, die ihre Interessen gegenüber dem Bundestag vertreten zum 1. März 2019. Das sind dreieinhalb mal so viele Einträge wie 1974, als die Liste erstmals angefertigt wurde.

Ein Eintrag in die Liste ist aber freiwillig. Zudem werden nur Verbände aufgelistet. Unternehmen und Lobby-Agenturen finden keine Erwähnung – und das, obwohl viele Firmen in den vergangenen Jahren eine Repräsentanz in der Hauptstadt eröffnet haben, um Kanzleramt und Reichstag ganz nah zu sein. Noch immer fehle es in Deutschland an klaren Transparenzregeln für Lobbyismus, monierte Transparency International erst Anfang des Jahres wieder. Kurzum: Das Wort „Lobbyist“ weckt bei vielen Menschen negative Bilder. Warum wollen junge Menschen trotzdem in die Branche?

Besuch in der Behrenstraße 35, ebenfalls Berlin-Mitte. Hier hat der mächtige Autoindustrie-Verband VDA seinen Sitz. Marius Ochel wartet schon. Der 28-Jährige kümmert sich beim VDA um eine Verbändepartnerschaft mit Indien. Im Rahmen der Internationalen Automobilausstellung im September gibt es zum Beispiel einen Indien-Tag, Ochel wird dann den indischen Industrieminister treffen. Auf die Frage, was ihm an seinem Job gefällt, antwortet Ochel: „Selbst in meinem jungen Alter komme ich mit sehr hohen Persönlichkeiten in Kontakt. Als Berufsanfänger in einem Unternehmen wäre das sicher anders.“

Schon mit Ende 20 oder Anfang 30 können die Gesprächspartner hinter die Kulissen des politischen Betriebs in Berlin blicken. Das Interesse für Politik eint viele junge Lobbyisten. Nicht nur Sven Piechottka, der für ein Start-up im Gesundheitsbereich arbeitet, hat ein Parteibuch zu Hause. Hendrik Frank vertritt die Interessen der Deutschen Kreditbank und ist bei den Grünen. Carolin Proft hat vor ihrer Arbeit beim Bund der deutschen Industrie (BDI) Praktika beim Vizepräsidenten der EU-Kommission und im Auswärtigen Amt gemacht.

Doch irgendetwas hat sie alle abgeschreckt an der Vorstellung, Berufspolitiker zu werden. „Einen extrem herausfordernden Job“ machten Bundestagsabgeordnete, sagt Hendrik Frank. Bei den Grünen habe er gemerkt, wie aufreibend das ist: Erst in der Partei gemeinsame Positionen finden, dann ständig zwischen Berlin und dem Wahlkreis hin- und her hetzen. Trotz spannender EU-Themen und der Begeisterung für Brüssel war der Apparat EU-Kommission für Carolin Proft zu groß, zu unflexibel. Selbst wenn der Einstieg gelingt – „In so einem institutionellen Rahmen scheint es zunächst schwerer, sich zu bewegen und Themen persönlich aktiv zu treiben“, sagt sie.

Carolin Proft ist eine zierliche Frau. Sie kümmert sich beim BDI um Digitalisierung und versucht, den Mobilfunkstandard 5G voranzutreiben. Zehn Männer und sie in einer Gesprächsrunde, in der es um technische Fragen geht – das kommt schon einmal vor. „Wenn die Leute das Wort ‚Lobbyist‘ hören, kommt manchmal das Klischee des grauen Anzugträgers mit Koffer vor“, sagt Proft. „Da finden es viele erfrischend, wenn mal eine jüngere Person vor ihnen steht.“

Drei Schwestern hat Carolin Proft. Alle arbeiten in sozialen Berufen. Vorurteile gegenüber der Lobbyistin in der Familie gebe es durchaus. Proft betont dann die positiven Nebeneffekte, die ihre Arbeit für die gesamte Bevölkerung habe. Schnelleres mobiles Internet bringe schließlich jedem was. „Ich glaube, Vorurteile kommen durch weitverbreitete Unwissenheit, was man in dem Job eigentlich macht“, sagt sie.

Ihren Berufsalltag zu beschreiben, fällt vielen der Gesprächspartner nicht leicht. Gerade die Abwesenheit von Routine ist es, was die meisten von ihnen in hohem Maße schätzen. „Es ist enorm abwechslungsreich, man muss viel jonglieren“, sagt Daniel Polte. Der 31-Jährige arbeitet bei der internationalen Lobby-Agentur Burson Cohn & Wolfe. Polte erklärt ausländischen Unternehmen, wie sie bei deutschen Politikern und auch in der Öffentlichkeit hierzulande gut dastehen.

Der Arbeitstag vieler Junglobbyisten beginnt zunächst mit Zeitunglesen. Zudem hat Sven Piechottka rund zwei Dutzend Email-Verteiler abonniert, um in seinem Themengebiet immer auf dem neuesten Stand zu sein. Das Start-up, in dem Piechottka arbeitet, will künstliche Intelligenz für medizinische Diagnosen nutzbar machen. Er sieht seinen Job als Ãœbersetzungsleistung. „Ich beobachte, was in der Politik passiert und erkläre in meiner Firma, was das für uns bedeuten könnte. Dann erarbeiten wir basierend auf unseren Erfahrungen Positionen. Diese trage ich wiederum zurück in die Politik.“

Um mit seinen Anliegen bei den richtigen Abgeordneten aufzuschlagen, braucht Piechottka den Durchblick, wie die Fraktionen ticken. „Wenn sich jemand als Fachexperte für Digitalisierung etablieren möchte, stoße ich bei dem sicher auf offenere Ohren“, sagt er. Gelegentlich helfen Piechottka da auch seine Kontakte von den Jungen Liberalen. Natürlich komme es aber auch vor, dass Abgeordnete Gesprächstermine ablehnen.

Frühstücks-, Brunch- und Abendtermine sind wichtig. Ein eigener Kühlschrank ist für Lobbyisten optional. „Wir könnten fast jeden Abend auf eine wirtschafts- oder verkehrspolitische Veranstaltung gehen“, sagt Marius Ochel vom VDA. Tatsächlich nimmt er nur etwa alle zwei bis drei Wochen gezielt eine Einladung wahr. Bei solchen Terminen muss er sich nicht für seine Arbeit rechtfertigen. Anders sieht es auf WG-Partys aus: „Da kommt die Debatte immer wieder auf. Ich stelle mich aber gerne der Diskussion.“

Dass die politische Willensbildung Schlagseite bekommt, weil manche Akteure mehr Geld für ihre Interessensvertretung zur Verfügung haben als andere, hält der 28-Jährige für unplausibel. „Im politischen Diskurs geht es nicht darum“, sagt Ochel, „sondern um die Frage, wer am Ende das bessere Argument und nachprüfbare Fakten hat.“ Daniel Polte sieht das ähnlich. Wenn er über seine Arbeit bei einer globalen Lobby-Agentur spricht, sagt Polte ständig das Wort „Dialog“. „Ich fördere den Dialog, daran sehe ich nichts Schlimmes.“ Polte engagiert sich in der Kirche. Zu den Kunden seines Arbeitgebers gehört auch die Verteidigungsindustrie. An solchen Projekten arbeitet Polte nicht mit. Das werde toleriert. „Aber generell haben auch diese Firmen ein Anrecht darauf, in den Dialog zu treten.“ Was Politiker dann am Ende daraus machten, sei ihre Sache.

Er selbst, sagt Polte, nehme seinen eigenen Berufsstand sowieso nicht so ernst. In den nächsten Jahren will er „flexibel bleiben, mit offenen Augen durch die Gegend laufen und die Chancen ergreifen, die spanend aussehen.“ Sein Traumjob wäre Bundespräsident außer Dienst, sagt Polte. Denn da hätte man alles schon rum.

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Erstellt:
10. Mai 2019, 02:04 Uhr

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