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„Wir rechnen mit 150000 Anträgen auf Soforthilfe“

Das Interview: Markus Beier von der IHK-Bezirkskammer Rems-Murr will dafür sorgen, dass die versprochene Unterstützung rasch bei den Firmen ankommt

Die Coronapandemie bringt selbst kerngesunde Unternehmen in Existenznot. Händler und Gastronomen mussten ihre Betriebe schließen, in vielen anderen Branchen brechen die Aufträge ein. Aber der Staat hat Hilfe versprochen. Wie die möglichst schnell zu den Betroffenen kommen soll, erklärt Markus Beier, leitender Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Rems-Murr, im Interview.

Stresstest für die Wirtschaft: IHK-Geschäftsführer Markus Beier verspricht den Unternehmen Unterstützung in der Krise. Archivfoto: E. Layher

© Edgar Layher

Stresstest für die Wirtschaft: IHK-Geschäftsführer Markus Beier verspricht den Unternehmen Unterstützung in der Krise. Archivfoto: E. Layher

Von Kornelius Fritz

Die IHK hat wegen der Coronapandemie eine Hotline für Unternehmen eingerichtet. Wie viele Anrufe erhalten Sie dort jeden Tag?

Gestern kamen rund 1000 Anrufe und schriftliche Anfragen rein. Das meiste lief über die Coronahotline, aber auch unsere Rechtshotline ist sehr stark frequentiert. Allein für die Coronahotline sind Stand heute 60 Mitarbeiter tätig, die in Schichten im Einsatz sind. Davon sind immer geschätzt 25 gleichzeitig am Telefon.

Mit welchen Fragen kommen die Anrufer in erster Linie auf Sie zu?

Das beherrschende Thema in dieser Woche ist die vom Land geplante finanzielle Soforthilfe für Kleinbetriebe und Selbstständige. Ab Mittwochabend sollen die Anträge gestellt werden können, und dazu gab es bereits im Vorfeld viele Fragen. Darüber hinaus tauchen auch immer wieder Fragen zum Thema Finanzierung auf, also zu Liquiditätssicherung, Stundung von Steuern, Möglichkeiten der Kreditversorgung und so weiter. Und es kommen Fragen, die das Arbeitsrecht betreffen, also zum Beispiel zu den Kurzarbeiterregelungen.

Ist denn schon klar, wie die Firmen an die versprochenen Soforthilfen kommen?

Ja, die Anträge wird es auf der Seite des Wirtschaftsministeriums geben. Eingereicht werden sie dann über ein zentrales Internetportal. Die IHK und die Handwerkskammern werden diese dann prüfen. Wir haben dafür in kürzester Zeit ein Riesenteam mobilisiert, damit die Anträge möglichst schnell von uns auf Plausibilität geprüft werden und dann an die L-Bank zur Auszahlung weitergeleitet werden können.

Wie schnell werden die Betroffenen ihr Geld in der Tasche haben? Wenn jeder Fall einzeln geprüft werden muss, kann das ja eine Weile dauern.

Nein, das wird ein sehr schlankes Antragsverfahren sein. Das geht deutlich einfacher, als wir es sonst von Förder- oder Zuschussanträgen kennen. Das geht auch nicht anders bei der Fallzahl, die wir erwarten. Wir rechnen allein im Bereich der IHK Region Stuttgart mit 150000 Anträgen auf Soforthilfe. Da können bei jedem Einzelfall wirklich nur die Basics geprüft werden.

Die Bundesregierung hat auch den Zugang zum Kurzarbeitergeld erleichtert. Hilft das den Unternehmen?

Das hilft auf jeden Fall. Da bestanden anfangs große Nöte in den Unternehmen. Es kommen aber immer wieder Fragen auf, wie man bei Kurzarbeit mit den Auszubildenden umgeht. Da gibt es noch eine gewisse Unsicherheit. Wir würden uns wünschen, dass das auch für Auszubildende leichter möglich ist, was aktuell noch nicht der Fall ist.

Reichen denn die jetzt angekündigten Maßnahmen aus, um die Unternehmen die nächsten Wochen durchzubringen? Oder drohen trotzdem Insolvenzen?

Entscheidend wird sein, wie die Hausbanken bei der Kreditvergabe mitmachen. Es wurde ja bereits vor einigen Tagen eine 90-prozentige Haftung durch die KfW-Bank von der Bundesregierung beschlossen. Trotzdem gibt es noch Unsicherheiten aufseiten der Banken. Wenn es eine 100-prozentige Risikoübernahme durch die KfW geben würde, würde das mit Sicherheit die Kreditversorgung für viele Betriebe deutlich erleichtern und vor allem beschleunigen.

Wie lange können die Firmen solche radikalen Maßnahmen, wie sie jetzt beschlossen wurden, aushalten?

Ich glaube, das ist von Branche zu Branche unterschiedlich und auch abhängig von der Unternehmensgröße. Die kleinen Unternehmen und Soloselbstständigen haben von Anfang an große Existenznöte. Deshalb ist es wichtig, dass sie sehr schnell finanzielle Hilfe bekommen. Die großen Unternehmen haben natürlich einen größeren Puffer. Aber auch da wird die Situation, wenn sie mal länger als ein Vierteljahr geht, mit Sicherheit für den einen oder anderen zu einer ernsten Bedrohung werden.

Welche Branchen machen Ihnen denn besondere Sorgen?

Besonders betroffen sind von diesem Shutdown Einzelhandel und Gastronomie, aber auch die Messebauer und Caterer. Ebenso alle, die als Dienstleister und Berater unterwegs sind. Die stehen im Moment vor einem riesengroßen Fragezeichen. Die Werksschließungen, die die Automobilwirtschaft für die nächsten Wochen angekündigt hat, schlagen aber natürlich auch auf die Zulieferbetriebe durch.

Die Konjunktur hat in den vergangenen Monaten ohnehin geschwächelt. Droht jetzt eine echte Rezession, vielleicht sogar Massenarbeitslosigkeit?

Wir erwarten schon, dass wir eine deutliche Rezession bekommen werden. Maßnahmen wie das Kurzarbeitergeld haben aber schon in der Finanzkrise 2009 enorm geholfen, dass die Unternehmen ihre Belegschaften halten und nach der Krise auch wieder durchstarten konnten. Ich erwarte, dass die Betriebe auch diesmal alles versuchen werden, um ihr Personal zu halten. Denn wenn die Krise hoffentlich irgendwann vorbei ist und das Ganze wieder anläuft, ist es wichtig, dass man die entsprechenden Leute hat.

Die IHK ist auch für die Ausbildung zuständig. Alle Prüfungen wurden zunächst einmal bis Mai abgesagt. Können Sie gewährleisten, dass die Azubis ihre Prüfungen noch in diesem Jahr machen können, oder besteht die Gefahr, dass sie ein Jahr verlieren?

Dazu sind wir momentan auf Bundes- und Landesebene ganz intensiv im Austausch, und ich bin optimistisch, dass es gelingt, dass die Azubis ihre Prüfungen auf jeden Fall in diesem Jahr machen können, und zwar noch bevor die Ausbildungsverträge im Herbst enden. Im Moment ist allerdings noch unklar, wann diese Prüfungen stattfinden werden. Da sind wir auch von den ehrenamtlichen Prüfern abhängig.

Info

Die zentrale Coronahotline der IHK Region Stuttgart ist für Unternehmen montags bis freitags von 8 bis 20 Uhr unter 0711/2005-1677 sowie per E-Mail unter corona-hilfe@stuttgart.ihk.de erreichbar.

Darüber hinaus bietet die IHK regelmäßig Livestreams mit Experten an. Alle Themen und den Link zum Livestream findet man unter www.stuttgart.ihk.de/livestream.

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Erstellt:
25. März 2020, 06:00 Uhr

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