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Wege in die Freiheit

Fast vier Millionen Menschen verließen zwischen 1949 und 1990 die DDR in der Hoffnung auf ein besseres Leben

Ob legal oder illegal, unter oder über der Erde, alleine oder in Massen – mehr als 3,9 Millionen Menschen verließen die DDR zwischen 1949 bis 1990 in der Hoffnung auf ein besseres Leben.

Foto: Wikimedia/R. Arhelger

© Picasa

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BACKNANG. Es gab Übergänge, an denen Ostdeutsche mit einem genehmigten Ausreiseantrag in die Bundesrepublik einreisen konnten, Übergänge, an denen sie ein Deutschland verließen und in ein neues einreisten, Übergänge, an denen so viele Tränen flossen, dass einer dieser Übergänge nach ihnen benannt wurde, der sogenannte Tränenpalast. Mitten in der Friedrichstraße in Berlin besuchen jedes Jahr Tausende das Museum, das jetzt dort an der Stelle des ehemaligen Grenzübergangs steht und einen mitnimmt auf eine Reise in die Freiheit.

Auch mit Zügen reisten DDR-Bürger aus, so auch eine Zeitzeugin, deren Ausreiseantrag Ende 1988 genehmigt wurde. Der Personalausweis der damals 15-Jährigen sei eingezogen und gegen einen Pass mit Name, Geburtsdatum, Wohnort und Foto eingetauscht worden, mit fünf Strichen bei der Linie, in die man die Staatsangehörigkeit eintrug. „Für den Moment hatte ich keine Staatsangehörigkeit“, sagt sie rückblickend. „Ich war staatenlos für einen Tag.“ Eine Nacht durch fuhr sie in ihr neues Heimatland, das sie nicht kannte, eine Nacht, in der sie nur auf eines wartete: Ankommen.

Andere sahen keinen anderen Weg, als die DDR auf einem illegalen Weg zu verlassen. Mehrere Hundert Menschen starben bei dem Versuch, aus der Deutschen Demokratischen Republik zu fliehen.

So flohen auch Menschen durch einen unterirdischen Weg, der so eng war, dass Erwachsene gerade so durch ihn passten, der so tief und verschlossen war, dass es dort teilweise Sauerstoffmangel gab, und der so lang war, dass er von einem Deutschland bis in ein anderes reichte, der Tunnel 57.

57 DDR-Bürger flüchteten durch diesen Tunnel, der letztlich nach genau diesen 57 Menschen benannt wurde. Zuvor hatten insgesamt 35 Personen ungefähr sieben Monate im Jahre 1964 an dem Tunnel 57 gegraben, unter ihnen auch Hubert Hohlbein, der selbst nur kurz vor dem Bau des Tunnels aus der DDR geflohen war, indem er ungefähr eineinhalb Stunden durch einen See schwamm.

Fluchttunnel endete in einem stillgelegten Klohäuschen

Von einer ehemaligen, dann aber leer stehenden Bäckerei in Westberlin ging der Tunnel bis nach Ostberlin, wo diejenigen, die ihn gruben, ihr eigentliches Ziel verfehlten: den Keller eines Hauses in Ostberlin. Dafür ging der Tunnel bis in ein stillgelegtes Klohäuschen im Innenhof des Gebäudes. Insgesamt war er mit einer Länge von ungefähr 145 Metern und einer Tiefe von bis zu 12 Metern der längste Fluchttunnel aus der DDR.

Kurz nachdem dieser unterirdische Fluchtweg fertig gegraben war, sollten die Flüchtlinge durch diesen Tunnel in die BRD mithilfe von vier Fluchthelfern fliehen, die sie empfangen und ins Klohäuschen bringen sollten, darunter auch Hubert Hohlbein. Als die ersten Flüchtlinge kamen, sei es für ihn wie ein „innerer Jauchzer“ gewesen und er konnte seine Aufgabe durchführen. So ließ er die Fluchtwilligen durch das Loch in den Tunnel hinunter, 28 Flüchtlinge am ersten Abend, weitere 29 am zweiten Tag.

Ein glückliches, erfolgreiches Ende dieser Fluchtgeschichte, wie man meinen mag. Es war später Abend, als zwei weitere, angebliche Flüchtlinge an den Tunnel kamen. Sie würden noch einen Freund nachholen, sagten sie. Was sie nicht taten. Anstatt den vermeintlichen Freund zu diesem Tunnel zu bringen, riefen sie DDR-Grenzsoldaten und verrieten so diesen unterirdischen Fluchtweg.

Es fielen Schüsse, ein Grenzsoldat wurde angeschossen. Hubert Hohlbein und die anderen Fluchthelfer rannten durch den Innenhof zum Klohäuschen. Und sie schafften es bis in das „andere Deutschland“, in den Westen. Doch die Freude über die, zumindest im Zusammenhang mit den 57 Geflüchteten, geglückte Flucht wurde bereits ein paar Stunden danach überschattet. Es waren Nachrichten aus der DDR: Ein Grenzsoldat sei erschossen worden.

Der Fall erregte Aufmerksamkeit im ganzen Land, Honecker selbst, der damalige Generalsekretär der DDR, hielt an der Beerdigung des im Tunnel Gefallenen eine Rede, in der er dessen „Mörder“ anklagte. Auch wenn der Tod die Fluchthelfer belastete und derjenige, der geschossen hatte, laut Hohlbein dies nicht beabsichtigt und erwartet hatte, behauptete die Presse in der DDR, sie hätten den Soldaten bewusst erschossen. Sie nutzten dies aus, um die Bevölkerung der DDR zu beeinflussen, um weitere Fluchten zu verhindern.

Doch Jahre später nach der Wende stellte sich heraus, dass es nicht der Fluchthelfer gewesen war, der den Grenzsoldaten erschossen hatte, sondern andere Grenzsoldaten. Durch einen Schuss, den der Betroffene tatsächlich von einem Fluchthelfer erhalten hatte, stolperte er und wurde dann durch Schüsse seiner Kameraden getötet – unabsichtlich.

Flüchtling starb in dem Glauben,ein „Mörder“ zu sein

Auch wenn der DDR diese Informationen bekannt waren, ließ sie die Fluchthelfer in der Annahme, die Schuld für diesen Tod zu tragen. Derjenige, der ihn angeschossen hatte, starb in dem Glauben, ein „Mörder“ zu sein.

Der Tunnel 57 ging als Massenflucht in die Geschichte ein, für viele eine schöne, für andere eine traurige Erinnerung. Nach dieser Flucht erwiesen sich Fluchten aus der DDR zum Beispiel durch Tunnel als immer schwerer, vor allem aufgrund der viel stärkeren Überwachung und Sicherung der Grenzen. Trotzdem versuchten noch mehrere Familien, die DDR durch selbst gegrabene Tunnel zu verlassen – und einige schafften es.

Von Franka Skopa, Klasse 9a, Max-Born-Gymnasium Backnang

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Erstellt:
8. Februar 2020, 06:00 Uhr

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