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Anders als sonst und doch dasselbe

Muslime können in diesem Jahr das Ende des Ramadan nicht wie sonst in der Gemeinschaft begehen. Statt sich in der Moschee zu treffen und mit Freunden, Verwandten und Bekannten zusammen Bayram zu feiern, müssen sie in der Familie zu Hause bleiben.

Solche Szenen waren in diesem Jahr nicht möglich: Das abendliche Fastenbrechen im Ramadan konnte wegen der Corona-Ausnahmesituation nicht in der Moschee gefeiert werden – es fand allabendlich zu Hause in den Familien statt. Dort beten, feiern und essen Männer und Frauen gemeinsam, in der Moschee sind Männer und Frauen jeweils für sich. Archivfoto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Becher

Solche Szenen waren in diesem Jahr nicht möglich: Das abendliche Fastenbrechen im Ramadan konnte wegen der Corona-Ausnahmesituation nicht in der Moschee gefeiert werden – es fand allabendlich zu Hause in den Familien statt. Dort beten, feiern und essen Männer und Frauen gemeinsam, in der Moschee sind Männer und Frauen jeweils für sich. Archivfoto: A. Becher

Von Renate Schweizer

BACKNANG. Der neunte Monat des islamischen Kalenders ist Ramadan, der Fastenmonat. Vom Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang sind Essen, Trinken, Rauchen, Sex, aber auch üble Nachrede und böse Gedanken für gläubige Muslime überall auf der Welt verboten. Der Fastenmonat endet mit dem zweithöchsten Feiertag des islamischen Kalenders, dem Ramadan-Fest Bayram – ins Deutsche wird es oft übersetzt als Zuckerfest. Am gestrigen Sonntag war es so weit: Bayram im Coronamodus ohne Moschee, Verwandtenbesuche und geteiltes Festmahl. Geht das überhaupt?

„Das Fasten im Ramadan ist anders als sonst“, sagt Filiz Senol, „aber für mich eigentlich sogar fast schöner. Der ganze Trubel ums abendliche Fastenbrechen (Iftar) fällt weg. Ich hatte Zeit fürs Wesentliche, für das, worum es eigentlich geht: Koran lesen, beten, gute Gedanken denken, Gutes tun. Lesen und Beten tun wir sonst in der Moschee gemeinsam – aber Gott hört uns auch, wenn wir zu Hause beten. Der Magen ist leer, man fühlt sich leicht – da bin ich glücklich.“

Das sonst übliche Kommen und Gehen im Ramadan entfällt.

Das Kommen und Gehen von Verwandten und Freunden, Einladungen und Gegeneinladungen, die sonst unbedingt zum Ramadan gehören, entfallen im Coronajahr 2020. Am Abend ab 21.08 Uhr (das ist die vorgeschriebene Uhrzeit am 19. Mai) sitzen nur sie und die Töchter um den Iftar-Esstisch. „Irgendwie ist das auch mal schön. Nur wenn ich ans Zuckerfest denke ohne Geschwister und Schwäger und Nichten und Neffen, Bekannte und Freunde und ohne die tagelangen Vorbereitungen der Frauen, die immer so viel Spaß gemacht haben, da werd ich ganz traurig.“

Ganz ähnlich sieht das ihre Schwägerin Nezi Özkul, Krankenschwester in der Rems-Murr-Klinik. „Wir feiern sonst ganz traditionell. Die Männer beten in der Moschee ganz früh am Morgen – in diesem Jahr wäre das um 6.11 Uhr gewesen –, während die Frauen das vorbereitete Festmahl richten mit Suppe, Fleisch, Gemüse, Salat, Börek und Baklava und allem, was dazugehört. So gegen 7.30 Uhr kommen alle im Haus des Familienältesten zusammen. Man wünscht sich gegenseitig Bayram mubarek, ein glückliches Zuckerfest, und zwar nach der Reihenfolge des Alters: Die Nächstjüngeren beglückwünschen den Ältesten mit Handkuss oder wenigstens Handschlag und stellen sich neben ihn, und dann gehen alle nacheinander diese Reihe ab und stellen sich ihrerseits auf, bis die Reihe ganz lang ist, und als Letztes kommen die Kinder und kriegen dann Geld und Geschenke – es ist ein Riesengewusel und Hallo.“ Man hört ihrer Stimme beim Erzählen an, wie schön das ist.

Dann zögert sie. „In diesem Jahr gibt es das alles nicht“, fährt sie bedauernd fort. „Aber ich bin wild entschlossen zu verhindern, dass es ein ganz gewöhnlicher Vormittag wird – auch wenn wir als Kleinfamilie alleine sind. Freitag und Samstag habe ich in der Klinik frei bekommen, damit ich alles vorbereiten kann, und Sonntag früh wird gebetet und gefeiert. Kommt nicht infrage, dass wir da einfach Marmeladebrötchen essen, als wär nichts.“

Türkische Familien, heute oft schon in der zweiten oder dritten Generation, sind inzwischen gut integriert in Deutschland zu Hause, und wer das will, ist in eine Gemeinde eingebettet – auch wenn die, coronabedingt, zurzeit auf Eis liegt.

Wie geht es wohl den (oft jungen) Männern, die auf der Flucht vor dem Krieg in Syrien nach Deutschland gekommen sind? Ich mache mich auf die Suche und finde Husain Al Bakri, einen 27-jährigen Studenten der Sozialen Arbeit, der seit Ende 2014 in Deutschland lebt. Er ist einer, der es „geschafft“ hat: Er spricht gut Deutsch, ist in Ausbildung und hat Freunde gefunden. Ob ihm im Ramadan seine Leute besonders fehlen, frage ich ihn. Da lacht er leise und sehr, sehr traurig. „Meine Familie fehlt mir das ganze Jahr. Aber im Fastenmonat ist es fast unerträglich.“ Sieben Geschwister sind sie gewesen, und jedes Fastenbrechen war ein Familienfest. „Wir hatten zehn Nachbarn, und meine Mutter und die Schwestern kochten für alle mit. Jeder Nachbar bekam einen Teller Essen, und wir bekamen von jedem Nachbarn einen Teller Essen.“

Zwei Schwestern sind in Syrien geblieben, eine ist schon gestorben. Die Eltern sind in der Türkei, die Brüder allüberall, den jüngsten konnte er nach Backnang holen und sein Vormund werden, da war er selbst gerade 21 Jahre alt.

Inzwischen sind sie zu dritt, drei Brüder in Backnang. „Ich habe Kochen gelernt, erst für und dann mit den jüngeren Brüdern – bei uns daheim kochten ja immer die Frauen. Wir fasten und feiern Iftar, es geht schon, aber es ist nicht dasselbe. So wie unsere Mutter kocht niemand sonst. Und das Zuckerfest feiern wir eigentlich gar nicht – schon vor Corona funktionierte das einfach nicht. Wir sprechen für uns das Bayram-Gebet, aber wir tun es daheim. Die Moschee in Backnang ist türkisch, wir sind syrische Kurden und verstehen schon die Sprache nicht – es ist schwierig.“

Und ohnehin ist die Moschee ja geschlossen in diesen Coronatagen – es wäre ganz unmöglich, beim Ramadan-Fest Abstandsregeln einzuhalten, wenn alle kämen. Wie sollte man da auswählen, wer kommen darf und wer nicht? Also sind eben alle zu Hause geblieben.

Das Gemeinschaftsgebet gehört eigentlich in die Moschee.

„Das Gebet zum Ende des Ramadan kann man eigentlich gar nicht alleine sprechen – es ist ein Gemeinschaftsgebet und gehört in die Moschee. Aber in diesem Jahr hatten wir alle eine Sondergenehmigung des Imam, dass wir es zu Hause beten dürfen.“

Das erzählt Nezi Özkul am Sonntag, dem großen Festtag, und man hört ihr Strahlen durchs Telefon. Es war kein gewöhnlicher Vormittag, wie sie es doch leise befürchtet hatte, es war und ist Bayram, das Ramadan-Fest, anders als sonst und doch dasselbe – Inschallah!

Husain Al Bakri kocht, um zusammen mit seinen Brüdern das Ende des Ramadan zu feiern. Der Syrer, der seit 2014 in Deutschland lebt, vermisst seine Familie. Foto: privat

Husain Al Bakri kocht, um zusammen mit seinen Brüdern das Ende des Ramadan zu feiern. Der Syrer, der seit 2014 in Deutschland lebt, vermisst seine Familie. Foto: privat

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Erstellt:
25. Mai 2020, 06:00 Uhr

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