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Bühnenreifer Start ins Eheleben

Mehtap Kaya und Jan Szameitat haben sich als erstes Paar im Autokino Auenwald trauen lassen. Die Zeremonie wird über eine UKW-Frequenz an die Autos übertragen. Für Gäste, die nicht vor Ort sind, wird die Trauung gestreamt.

Großes Kino auf der Bühne des Autokinos Auenwald am Wochenende: Mehtap Kaya und Jan Szameitat aus Stuttgart geben sich das Jawort. Standesbeamtin ist Yvonne Bader. Fotos: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Großes Kino auf der Bühne des Autokinos Auenwald am Wochenende: Mehtap Kaya und Jan Szameitat aus Stuttgart geben sich das Jawort. Standesbeamtin ist Yvonne Bader. Fotos: J. Fiedler

Von Heidrun Gehrke

AUENWALD. Die Trauung als ganz großes Kino, mit Jawort, Ringtausch, Kuss und kullernden Freudentränen, alles auf Großleinwand live zu sehen. Dann ertönt tosender Autohupen-Alarm auf dem Parkplatz hinter der Auenwaldhalle und die Ehe von Mehtap Kaya und Jan Szameitat aus Stuttgart ist besiegelt. Viele verschieben ihren Standesamtstermin im Coronajahr 2020, sie haben sich getraut – und sind als erstes Paar auf der Bühne des Autokinos standesamtlich getraut worden.

Der Himmel hängt nicht voller Geigen, sondern ist regenwolkenverhangen. Doch die Frischvermählten schweben auf Wolke sieben. Mit dabei alle Menschen, die ihnen am Herzen liegen – mit Abstandswahrung in den Autos. Einige hält es nicht auf den Sitzen, sie winken aus Fenstern und filmen vor den Fahrzeugen die Momente, die für alle unvergesslich im guten Sinn bleiben werden. „Es ist ein ganz besonderer Ort, einzigartig“, sagen Theresa, Steffi und Pina, die besten Freundinnen der Braut. „Wir haben uns die Klatsch-App besorgt, und nachher lassen wir Luftballons und Seifenblasen steigen“, rufen sie.

„Jetzt wollt ihr endlich heiraten und dann kommt der Weltuntergang.“

Das Paar hatte eine Hochzeit in naher Zukunft schon in den Wind geschrieben – wegen Corona. Nun läuten die Hochzeitsglocken doch noch im Juni – in besonderem Sinne auch wegen Corona. Das Autokino, das es ohne die Pandemie vermutlich nicht gegeben hätte, war ihre Rettung. Hier legen sie im leichten Nieselregen einen bühnenreifen Start ins Eheleben hin. Ein cremeweißer Audi-Oldtimer fährt mit scheppernden Blechbüchsen im Schlepptau nacheinander Braut und Bräutigam samt Trauzeugen an den parkenden Autos vorbei zur hübsch aufgebrezelten und mit Herzchen dekorierten Bühne. Ein Pianist aus dem Bekanntenkreis stimmt mit „Requiem for a dream“ und „Comtine d’un autre été“ feierlich ein. Zu Jans Auftritt ist in den Autos in Echtzeit über eine Radiofrequenz der „Imperial March“ aus „Star Wars“ zu hören. Eingeladene Gäste, die nicht kommen können, verfolgen die Zeremonie per Livestream. Einige Lichthupen zucken, als Mehtap im luftigen Standesamtkleid, weiß schillernd wie eine Elfe, zur Tanzmelodie „Passacaglia“ aussteigt. Dass dieser Moment im Coronajahr noch wahr werden würde – „davon sind wir nicht mehr ausgegangen“, sagt Jan im Vorgespräch mit dieser Zeitung. Für Mehtap war nach den vielen Absagen erst einmal Schluss mit Hochzeitsglöckchen. „Ich war traurig, down und wollte gar nichts mehr wissen und organisieren“, erzählt sie. Auch das Umfeld habe sich das Frotzeln nicht verkneifen können: „Jetzt wollt ihr endlich mal heiraten, und dann kommt der Weltuntergang“. Seit neun Jahren sind sie zusammen, vor drei Jahren hat er um ihre Hand angehalten, seit zwei Jahren sind sie verlobt und planen den Schritt in die Ehe.

Jan hat am Standesamt ihres Wohnorts Stuttgart-Vaihingen die Eheschließung angemeldet, alles war geplant, inklusive Junggesellenabschiede und Hochzeitsfeier. Die kalte Dusche kam Mitte März, als sich die Coronalage zuspitzte. „Ganz romantisch zwischen Rosen“ wollten sie sich das Jawort geben. Jetzt ist es ein dröger Parkplatz. Aber: „Alle können zusammen sein, ohne sich in Gefahr zu bringen durch zu viel Nähe“, sagt Jan. Die Gesundheit müsse an die erste Stelle gesetzt werden, da einige Personen im Familienkreis gesundheitlich angeschlagen seien.

Coronavorkehrungen machen sich auch während der Trauung bemerkbar: Beim Unterzeichnen des Ehevertrags hat jeder seinen eigenen Kugelschreiber in der Hand. Standesbeamtin Yvonne Bader verkneift sich die sonst übliche Bitte an die Gäste, sich von den Plätzen zu erheben. „Das wäre wohl etwas schwierig geworden“, sagt sie scherzhaft in die Kamera. Sie sitzt weiter vom Paar entfernt als sonst im Trauzimmer im Rathaus.

Dass sie überhaupt hier sitzen, das kam so: Der Cousin von Jan – Thomas Bader – ist der Mann der Standesbeamtin. Als Verwandte wussten Baders von den jäh geplatzten Heiratsabsichten. „Der Ort wäre eine Option, damit sie ihren besonderen Moment doch noch erleben können“, dachten sie sich. Der neue Eheschließungsort wurde nach Information von Yvonne Bader als Tagesordnungspunkt dem Gemeinderat zur Abstimmung vorgelegt, obgleich Bürgermeister Karl Ostfalk allein befugt gewesen wäre, das Autokino als externen Trauort für standesamtliche Eheschließungen zu widmen. „Es ist eine Veranstaltung, die das Gemeindeleben prägt, eine Trauungszeremonie soll kein Showact sein, sie soll von allen mitgetragen werden“, erklärt Yvonne Bader das Vorgehen. Dass sich damit eine ausweglos scheinende Situation ins Positive gedreht hat, ist für das junge Paar zu einem Symbol für den Schritt ins Eheleben geworden: „Das Glas ist immer halb voll, wenn man gemeinsam aus allem das Beste macht“, sagt Jan. „Es ist jetzt genau das Richtige, weil wir gar nicht mehr damit gerechnet haben“, meint sie. Auch die Auenwalder Standesbeamtin Yvonne Bader betrachtet den Perspektivwechsel positiv: „Man geht oft seine normalen Wege, aber es zeigt sich, was herauskommen kann, wenn man mal um die Ecke weiterdenkt.“ So sei es möglich gewesen, nach ihrer „Achterbahnfahrt der Gefühle“ mit neuer Kraft durchzustarten. „Es war zwar die dreifache Anstrengung, aber jetzt ist es auch dreifaches Glück“, sagen die Frischvermählten.

Extra-Schild für eine Auenwalder Premiere.

© Jörg Fiedler

Extra-Schild für eine Auenwalder Premiere.

Weitere Anfragen liegen vor

Corona macht vieles unmöglich – manches aber auch überhaupt erst möglich: Der neue Eheschließungsort hat sich über das coronabedingt eingerichtete und auch allgemein wiederbelebte Autokino ergeben.

Die Gemeinde Auenwald hat sehr früh, als erste Gemeinde im Kreis, ein Kinoprogramm auf den Weg gebracht. Nach Kino, Comedy und Gottesdienst bietet die Gemeinde nun Trauungen im Autokino an. Heiratswillige, die in einer ähnlichen Situation sind, keinen Termin finden oder einfach so Interesse an einer Trauung im Autokino haben, dürfen sich an die Gemeinde wenden. Anfragen von drei weiteren Paaren liegen nach Auskunft von Hauptamtsleiterin Yvonne Bader derzeit vor. Im Juli sei die Autokinobühne für einige Konfirmationen gebucht. Im Gespräch sei die Gemeinde auch mit weiterführenden Schulen aus der Umgebung für deren Schulabschlussfeiern mit Zeugnisausgaben. Im August heißt es dann: Autokinobühne frei für das Kinderferienprogramm der Gemeinde.

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Erstellt:
8. Juni 2020, 06:00 Uhr

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