Chaos bei der Impfterminvergabe

Seit 19. Januar haben Personen der höchsten Prioritätsstufe die Möglichkeit, einen Termin im Kreisimpfzentrum in Waiblingen zu vereinbaren – theoretisch. Der Tag startete mit technischen Pannen. Trotzdem sind die ersten 450 Termine bereits ausgebucht.

Karl-Heinz Bartelt unterstützt Senioren aus Aspach bei der Buchung von Terminen für die Coronaschutzimpfung in Waiblingen. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Karl-Heinz Bartelt unterstützt Senioren aus Aspach bei der Buchung von Terminen für die Coronaschutzimpfung in Waiblingen. Foto: A. Becher

Von Melanie Maier

ASPACH/WAIBLINGEN. Bereits um kurz nach 5.30 Uhr sitzt Karl-Heinz Bartelt am Dienstagmorgen an seinem Laptop. Was er vorhat, klingt machbar: Fünf Termine für die Coronaschutzimpfung möchte der Rentner aus Großaspach über das Internet im Kreisimpfzentrum (KIZ) in Waiblingen vereinbaren. Für Menschen aus Aspach, die sich nach einer Anzeige im örtlichen Gemeindeblatt bei ihm gemeldet hatten. Bartelt, der selbst schon 83 Jahre alt ist, hatte seine Hilfe bei der Buchung von Terminen und der Fahrt zum KIZ und zurück angeboten. Geimpft werden soll in Waiblingen vom 22. Januar an, Termine können seit 19. Januar vereinbart werden. Theoretisch.

Um kurz nach 10 Uhr morgens, zwei Stunden nach dem offiziellen Start der Impfterminvergabe, fällt Bartelts Urteil deutlich aus: „Eine größere Katastrophe kann es nicht geben.“ Weder online noch über die zentrale Telefonhotline 116117 habe er bisher auch nur einen Termin vereinbaren können. Auf der Website des Impfterminservice erscheint bei ihm stets nur die Meldung, er solle es über die zentrale Rufnummer versuchen. Als er nach vielen Versuchen zu einer Hotlinemitarbeiterin durchgestellt wird, lautet ihre Auskunft, dass es in ganz Baden-Württemberg keine Termine mehr gebe.

Bartelt vermutet jedoch, dass das nicht zutrifft: Einem seiner Mitstreiter sei es im Lauf des Vormittags gelungen, einen der raren Termine für eine 82-jährige Frau aus Kleinaspach zu ergattern. Liegt der Fehler etwa im System?

Es liege eine technische Störung vor, bestätigt Juliane Jastram von der Pressestelle des Landratsamts Rems-Murr-Kreis um 10.30 Uhr. Nachmittags führt sie den holprigen Start auf die starke Nachfrage nach Impfterminen zurück. Landesweit seien viele Impfzentren zugleich freigeschaltet worden, das System mit bis zu 1,6 Millionen Zugriffen gleichzeitig vermutlich überlastet gewesen.

Obwohl die Buchung technisch später möglich gewesen wäre, dürfte es wohl nur den wenigsten Bewohnern im Rems-Murr-Kreis gelungen sein, auch eine durchzuführen. Denn die Termine der ersten drei Wochen waren trotz der technischen Anlaufschwierigkeiten schnell vergeben. Verfügbar waren ohnehin nicht viele: Statt der ursprünglich geplanten ungefähr 800 Impfungen pro Tag sollen, zumindest in den kommenden Wochen, nur 150 Termine pro Woche im KIZ Waiblingen durchgeführt werden. Das wiederum liegt nicht an einem Problem mit der Software, sondern am Fehlen des Impfstoffs im Südwesten. „Wir verwalten derzeit einen Mangel“, so Florian Mader vom Ministerium für Soziales und Integration Baden-Württemberg.

Nur 7000 Menschen werden täglich in Baden-Württemberg geimpft.

In jedem KIZ in Baden-Württemberg stehen laut Mader in den ersten beiden Wochen 585 Impfdosen pro Woche für Erstimpfungen zur Verfügung. Diese verteilen sich auf drei Gruppen: diejenigen, die die Impfung im Zentrum erhalten, diejenigen, die sie von den mobilen Impfteams im Pflegeheim verabreicht bekommen, und das medizinische Personal.

Was das konkret bedeutet? „Derzeit können wir in Baden-Württemberg nur rund 7000 Menschen täglich impfen“, sagt Mader. Das sind pro Tag 0,7 Prozent der Impfberechtigten. Denn allein die Personengruppe der über 80-Jährigen und des medizinischen Personals macht rund eine Million Menschen im Land aus. „Wenn nicht mehr Impfstoff kommt, dauert es also 143 Tage (fast fünf Monate), bis wir auch der letzten anspruchsberechtigten Person ein Angebot machen konnten“, führt er aus.

Aufgrund von Umbauten in einem Werk, erklärt Mader, verzögere sich die Auslieferung bei dem Impfstoffhersteller Biontech/Pfizer in den folgenden drei bis vier Wochen. „Wir müssen deshalb um Geduld bitten, bis uns die Hersteller größere Mengen an Impfstoff liefern und weitere Impfstoffe zugelassen werden“, sagt Mader. Sei das der Fall, werde es mehr Termine in den Impfzentren geben.

Dass die Kreisimpfzentren am Freitag mit dem Impfen beginnen, obwohl kaum Impfstoff vorhanden ist, kritisiert Jochen Haußmann, der gesundheitspolitische Sprecher der Fraktion der FDP/DVP im Landtag von Baden-Württemberg. „Das Impfgeschehen im Land schwankt zwischen Komödie und Drama“, sagt er. Er vermisse eine klare Impfstrategie, führt er aus und prognostiziert: „Ärger ist vorprogrammiert, wenn sich die Bürger vergeblich um einen Termin bemühen.“

Zustimmen würde dem wahrscheinlich eine Leserin unserer Zeitung, die lieber anonym bleiben möchte. Am Dienstag hat sie erfolglos versucht, einen Impftermin für ihre 88-jährige Mutter zu vereinbaren. Von 8 Uhr morgens bis um 11.30 Uhr saß sie am Computer. Daneben versuchte sie es immer wieder über die zentrale Rufnummer. Einmal habe sie es geschafft, einen Mitarbeiter zu sprechen, davor wurde sie jedes Mal aus der Leitung geworfen. Der Hotlinemitarbeiter teilte ihr mit, ihm sei es ebenfalls nicht möglich, einen Termin auszumachen.

Die Backnangerin macht sich Sorgen um ihre Mutter. „Ich gehöre nicht zu den Querdenkern“, sagt sie. „Ich bin eine verantwortungsvolle Tochter. Und die älteren Menschen haben natürlich eine Wahnsinnsangst.“ Von den Politikern im Südwesten fühlt sie sich betrogen. Bei öffentlichen Auftritten in Impfzentren würden sie es so darstellen, als ob alles reibungslos funktioniere. „Aber das stimmt nicht“, sagt sie. „Zumindest nicht bei uns im Rems-Murr-Kreis.“

Landrat Richard Sigel teilt mit, er verstehe, dass der Start der Impfterminvergabe viele Bürger frustriert habe. „Die große Impfbereitschaft ist eigentlich ein schönes Signal“, sagt er. „Leider kann aufgrund des Impfstoffengpasses die Nachfrage nicht bedient werden.“ Sigel ruft die Bürger im Rems-Murr-Kreis auf, auch andernorts Impftermine wahrzunehmen, sofern dies möglich sei. „Geduld ist in dieser Phase der Impfkampagne aber in jedem Fall gefragt.“

Wie läuft die Terminvergabe ab?

Seit dem 19. Januar können Termine in den Kreisimpfzentren gebucht werden, über die zentrale Rufnummer 116117 oder über www.impfterminservice.

Für die Online-Vergabe benötigt man ein Handy und eine E-Mail-Adresse. Zunächst wird im Schnellverfahren geprüft, ob ein Anspruch auf die Coronaschutzimpfung besteht. Nach Eingabe der Handynummer und der E-Mail-Adresse erhält man einen sechsstelligen Verifizierungscode per SMS sowie eine E-Mail mit einem Vermittlungscode. Mit diesem kann man – sofern verfügbar – einen Impftermin vereinbaren.

Impftermine im KIZ Waiblingen sind aktuell nur für die ersten zehn Kalenderwochen buchbar, frei sind aber nur noch wenige. Vom 26. Januar an sollen neue Termine ab der 13. Kalenderwoche eingestellt werden.

Hilfe bei der Terminvereinbarung bietet der Stadtseniorenrat Waiblingen ab 25. Januar an: Montag und Mittwoch von 10 bis 12 Uhr, Donnerstag von 14 bis 16 Uhr, Telefon 07151/98224890.

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Erstellt:
20. Januar 2021, 06:00 Uhr

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