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Corona verstärkt Probleme Notleidender

Die Not wohnungsloser, suchtkranker und psychisch kranker Menschen verschärft sich durch Corona. Die Erlacher Höhe blickt auf den eigenen Umgang mit der Pandemie zurück, will aus den Erfahrungen lernen und fordert bessere Wohnungslosenhilfe.

Fehlende Mitarbeiter, ganze Häuser unter Quarantäne und wenig persönlicher Kontakt: Die Erlacher Höhe stand in der Coronapandemie ganz neuen Herausforderungen gegenüber. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Fehlende Mitarbeiter, ganze Häuser unter Quarantäne und wenig persönlicher Kontakt: Die Erlacher Höhe stand in der Coronapandemie ganz neuen Herausforderungen gegenüber. Foto: J. Fiedler

Von Kristin Doberer

GROSSERLACH. Die Coronapandemie hat besonders Not leidende Menschen stark getroffen: Menschen ohne Wohnung, Menschen mit Suchterkrankung, mit psychischen Erkrankungen oder solche, die unter Armut leiden, sind besonders benachteiligt. Vor allem in der Zeit des Lockdowns ist für sie viel Unterstützung weggebrochen, und soziale Einrichtungen mussten ihre Hilfs- und Beratungsleistungen zum Teil aussetzen oder neu organisieren. So auch die Erlacher Höhe. Zu Beginn der Pandemie sei das diakonische Unternehmen mit der Situation überfordert gewesen. Zum Beispiel standen am Anfang der Pandemie nur etwa 200 Schutzausrüstungen für die Mitarbeiter zur Verfügung, die Verteilung dieser sei zu Beginn nicht einfach gewesen, erzählt Wolfgang Sartorius, Vorstand der Erlacher Höhe. „Aus den Erfahrungen mit der Pandemie wollen wir nun lernen und Versäumnisse bei einer zweiten Welle nicht wiederholen“, sagt Sartorius. Dazu gehört unter anderem, dass Schutzausrüstung bevorratet wurde. Statt 200 habe man nun rund 40000 Masken auf Lager, um Mitarbeiter und Bewohner zu schützen. Und auch strategisch sei man besser vorbereitet. „Wir wissen nun mit einer Quarantäne umzugehen, ein ganzes Haus wird vorsorglich als Quarantänehaus vorgehalten.“

Zu wenig Platz, mehr Aufwand, Mitarbeiter in Quarantäne.

Doch noch nicht alle Probleme konnten gelöst werden. Denn obwohl in den Einrichtungen der Erlacher Höhe die Bewohner zwar eigene Zimmer haben, teilen sie sich manchmal Bäder und Gemeinschaftsräume, Begegnungen sind kaum vermeidbar. Das ist eines der Probleme, die die Verantwortlichen der Erlacher Höhe bisher noch nicht lösen konnten. „In den Häusern fehlt oft Platz und wir haben noch immer keine Antwort, was genau wir machen, wenn mehrere Mitarbeiter in Quarantäne müssen“, sagt Vorstand Wolfgang Sartorius.

Das passierte nämlich bereits Ende März in der Abteilung Sozialtherapeutische Hilfen. Zwei Mitarbeiter sind positiv auf das Coronavirus getestet worden, erkrankt und für mehrere Wochen ausgefallen. Vier weitere Mitarbeiterinnen wurden als Kontaktpersonen ersten Grades vorsorglich nach Hause geschickt, die ganze Einrichtung wurde unter Quarantäne gestellt. „Die Bewohner mussten auf ihren Zimmern bleiben, das Essen wurde einzeln verpackt vor das Haus gestellt“, erzählt Klaus Engler, Abteilungsleiter der Sozialtherapeutischen Hilfe. Das Therapieprogramm musste vollkommen umgestellt werden, die Abteilungen wurden möglichst getrennt, Besucher gab es keine und die Bewohner bekamen eine Ausgangssperre. „Es war ein enormer Aufwand, den Alltag und die zusätzliche Arbeit mit nur einem Drittel der Mitarbeiter zu bewältigen.“ Zusätzlich zur alltäglichen Arbeit musste nämlich ein Krisenstab gebildet werden, der sich mit den immer neuen Verordnungen des Landes auseinandergesetzt und entsprechende Konzepte für die einzelnen Einrichtungen der Erlacher Höhe erarbeitet hat. Ohne die disziplinierte Mitarbeit der Bewohner wäre das nicht möglich gewesen, so Engler.

Die Bewohner sind hier vor allem Menschen mit Suchterkrankung oder psychischen Erkrankungen, die Anfrage nach verfügbaren Plätzen sei seit Beginn der Coronapandemie stark gestiegen. „Woran genau das liegt, wissen wir nicht. Viele Wohnungslose haben Vorerkrankungen, die Angst vor der Pandemie ist also groß. Und gleichzeitig haben wir gerade Probleme bei der Weitervermittlung an Vermieter.“ Dass es trotz der fehlenden Struktur bei Suchtkranken kaum zu Rückfällen gekommen ist, habe Engler überrascht. Andererseits habe sich die Lage von psychisch Erkrankten, zum Beispiel bei Depressionen oder Psychosen, verschlimmert.

Erst Ende April konnten Therapiesitzungen langsam wieder aufgenommen werden, allerdings anders als vor Corona. Bis heute sind die Gruppensitzungen nach Häusern getrennt, häuserübergreifend können nur Spaziergänge mit ausreichend Abstand stattfinden. Auch in der sozialen Heimstätte Erlach sei die fehlende Struktur und die eingeschränkte Freizeit bei den Bewohnern zu spüren gewesen. „Es gab mehr verbale Gewalt und Aggression“, sagt Karl-Michael Mayer. Er leitet die soziale Heimstätte mit etwa 85 Plätzen für Wohnungslose und einem Pflegeheim mit weiteren 30 Plätzen.

Zurückgezogene Menschen können einfacher durch das Raster fallen.

Auf den Lockdown haben die Bewohner hier ganz unterschiedlich reagiert, von sehr großer Angst bis zu Verschwörungstheorien sei alles dabei gewesen. „Manche haben aufgrund von Vorerkrankungen regelrecht Todesangst, ein Bewohner hat sich über Wochen zurückgezogen und niemand an sich rangelassen. Das erschwert die Arbeit der Sozialarbeiter erheblich“, sagt Mayer. Auch habe es während der Zeit des Lockdowns einen Suizid in seiner Einrichtung gegeben. Welchen Einfluss Corona hatte, könne man im Nachhinein nicht wissen. „Aber man überlegt schon, ob man persönlich vielleicht einen anderen Zugang gefunden hätte und blickt dabei mit viel Sorge auf andere Bewohner.“ Denn viele chronisch Suchtkranke haben kaum Kontakt zu Angehörigen, sie sind auf die sozialen Kontakte in der Einrichtung der Erlacher Höhe angewiesen.

Auch Nadin Himmelsbach, die seit einigen Monaten die Eingliederungshilfe der Erlacher Höhe leitet, sieht vor allem im Wegbruch der Tagesstruktur ein Problem. „Wir hatten viel mehr Bewohner gleichzeitig im Haus, mussten dadurch in Schichten essen und haben mehr Personal benötigt“, sagt sie. Einen Coronafall hat es hier gegeben, ein Bewohner hat sich vermutlich bei einem Krankenhausaufenthalt angesteckt. „Das hat unseren Alltag noch mehr auf den Kopf gestellt.“ Sie seien sehr vorsichtig gewesen, doch Massentests und tägliche Symptom-Screenings seien sehr aufwendig gewesen.

Die Coronapandemie habe die Probleme verschärft, denen sich die Wohnungslosenhilfen schon länger gegenübersieht. „Vieles muss einfach anders werden, es passiert zu wenig“, sagt Sartorius. Die Politik müsse zum Beispiel für mehr sozialen Wohnbau sorgen, die genaue Zahl der Wohnungslosen müsse besser erfasst werden, und kommunale Aufnahmeeinrichtungen für Obdachlose müssen überall in Deutschland bessere räumliche und hygienische Möglichkeiten bekommen. Denn dort kommen häufig zu viele Menschen in engen Räumen zusammen, die hygienischen Standards in manchen Unterkünften beschreibt Sartorius als „unterirdisch“. Häufig gebe es nicht einmal Bettwäsche, jeden Tag schlafe eine andere Person auf der gleichen Matratze. „An solchen Orten können Infektionsketten gar nicht unterbrochen werden. Da sind die Behörden nun stark gefordert.“

Ein weiteres großes Problem habe es bei den Schließungen der Behörden und Ämter gegeben. Dadurch gab es zum Beispiel lange keine Beratungen im Jobcenter und keine Pflegeeinstufungen oder Beratungen bei den Krankenkassen. „Bei einer zweiten Welle darf das nicht passieren“, mahnt Sartorius. „Ein Amt kann nicht noch mal einfach abschließen und nicht da sein.“ Mit den richtigen Hygieneregeln müsse es eine persönliche Beratungsmöglichkeit geben. Auch dass unterstützende Einrichtungen, wie zum Beispiel die Tafeln, geschlossen waren, habe die Lage für Wohnungslose, aber auch für Senioren und Harz-IV-Empfänger verschlimmert. Die Pandemie habe Mängel bei der Wohnungslosenhilfe vor Augen geführt und gezeigt, dass vor allem mit Blick auf eine zweite Welle noch viel Handlungsbedarf besteht. Sartorius hofft nun, dass die Dringlichkeit dieser Themen auch dann noch genügend Aufmerksamkeit bekommt, wenn die Pandemie vorbei ist, und von der Politik nicht aus den Augen verloren wird.

Wolfgang Sartorius, Vorstand der Erlacher Höhe.

© Edgar Layher

Wolfgang Sartorius, Vorstand der Erlacher Höhe.

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Erstellt:
18. August 2020, 06:00 Uhr

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