Das lange Warten auf den Piks

Um sich ohne Termin impfen zu lassen, reihten sich am Samstag Hunderte Impfwillige in eine Schlange ein, die durch die komplette Grabenstraße reichte. Sie nahmen stundenlanges Anstehen in Kauf. Der Frust war am Schluss mitunter groß.

Zeitweise reichte die Schlange der Wartenden entlang der gesamten Grabenstraße, beginnend beim Biegel bis zur Ecke Schillerstraße. Fotos: A. Becher

© Alexander Becher

Zeitweise reichte die Schlange der Wartenden entlang der gesamten Grabenstraße, beginnend beim Biegel bis zur Ecke Schillerstraße. Fotos: A. Becher

Von Nicola Scharpf

Backnang. Manfred Reber aus Backnang ist der Erste in der Reihe. Für den 71-Jährigen ist es der dritte Versuch, sich die Booster-Impfung gegen das Coronavirus geben zu lassen. Bei der freien Impfaktion am Gänsemarkt am letzten Sonntag im Oktober kam er nicht zum Zug, ebenso wenig beim offenen Impfangebot in der vergangenen Woche in Leutenbach. Heute soll es klappen. Reber hat zu Hause zwei Kaffee getrunken. Auf den dritten und die Brezel dazu, die er nach dem Piks essen möchte, freut er sich besonders. Er steht seit 6.45 Uhr vor dem Seniorensaal im Biegel, dessen Tür von 9 bis 13 Uhr geöffnet sein soll für Impfwillige ohne vorherige Terminvereinbarung. „Es wäre super, wenn sie wieder Impfzentren aufmachen würden“, findet er.

Es ist 8 Uhr. Backnang erwacht langsam, der Markt beginnt an diesem Samstag, der es mit allen, die sich im Freien aufhalten, gut meint: kein Novemberniesel, der mit windiger, feuchter Kälte in die Poren des Körpers dringt, sondern ein einfaches, trockenes, mildes Grau. Luca Kindsvater und Jessica Spindler sind schon seit zwei Stunden auf den Beinen. Sie sind Nummer zwei und drei in der Warteschlange. Sie haben zu Hause in Murrhardt Tee zum Mitnehmen gekocht und die Tasche gepackt, um zur Erstimpfung nach Backnang zu reisen. „Die Vorbereitung ist fast wie in den Urlaub zu fahren“, findet sie. Die 23-Jährige hat sich aus medizinischen Gründen noch nicht impfen lassen und der 22-Jährige aus Überzeugung nicht. Er guckt kein öffentlich-rechtliches Fernsehen, „sonst würde ich jeden Tag ausflippen“, und befürchtet eine Impfpflicht durch die Hinter-Hinter-Hintertür. Wenn er schon widerstrebend zum Impfen bereit ist, dann will er die Spritze auch wirklich haben und steht dafür früh auf. „Die anderen haben ausgeschlafen und ich werde geimpft“, sagt er triumphierend.

Um 8.15 Uhr fahren zwei Vans der Malteser vor: Das Impfteam vom Klinikum Stuttgart ist da, trägt seine Ausrüstung ins Gebäudeinnere. Die Warteschlange reicht zu diesem Zeitpunkt bis zum Schnelltest-Container in der Grabenstraße, ungefähr 150 Menschen stehen an. Manche haben sich Klappstühle mitgebracht, andere ihr Smartphone oder nette Gesellschaft, ein Buch. Geduldig, gesittet, geordnet: Es bestätigt sich der Ruf, die Deutschen seien gut im Schlangestehen. Bereits einige Minuten vor 9 Uhr ist das Impfteam startklar. Mittlerweile reicht die Schlange der Wartenden bis zur Filiale der Commerzbank.

„Mit so einem Ansturm haben wir nicht gerechnet“

Lukas Fierlbeck vom Impfteam war schon bei zahlreichen vergleichbaren Aktionen in anderen Städten vor Ort und läuft bis zum Ende der Menschenreihe. „So habe ich das noch nicht erlebt. Eigentlich müssten wir die Schlange schon wieder dichtmachen, bevor wir überhaupt mit Impfen begonnen haben. Mit so einem Ansturm haben wir nicht gerechnet.“ Eine Stunde später, um 10 Uhr, muss Fierlbeck vom Biegel aus fast bis zur Ecke Grabenstraße/Schillerstraße laufen, um das Ende der Schlange zu erreichen. Dort angekommen, teilt er den Wartenden mit, dass sie nicht damit rechnen können, an diesem Tag geimpft zu werden. „Wenn Sie die Möglichkeit haben, heute zu verzichten, dann kommen Sie lieber zu einem Impfangebot unter der Woche“, rät er zu antizyklischem Verhalten. Die Nachricht stößt weitgehend auf Akzeptanz. Wer nur wenige Minuten ansteht, verliert nicht viel, wenn er seines Weges geht. Fortwährend bereiten Mitarbeiter des Impfteams die Menschen am hinteren Ende der Reihe darauf vor, dass sie voraussichtlich nicht zum Zuge kommen. Je später es wird, desto größer der Unmut der Wartenden, wenn sie erfahren, dass sie vermutlich nicht mehr an die Reihe kommen. Gegen 11.45 Uhr rät Fierlbeck den Wartenden, ungefähr auf Höhe der Apotheke: „Stellen Sie sich nicht länger an. Das ist vergebliche Mühe.“ Es ist nicht der Impfstoff, der ausgeht. „Wir haben mehr dabei, als die zwei impfenden Ärztinnen in der Zeit schaffen können“, sagt Anita Bleischwitz vom Klinikteam. Es ist vielmehr die Zeit, die davonrinnt bis zum Ende der Aktion um 13 Uhr.

Die Menschen sind aufgebracht, frustriert. Eine Jugendliche beginnt hemmungslos zu weinen. Einer schimpft auf die Bananenrepublik Deutschland, der Nächste empfindet das Vorgehen als menschenverachtend. Vorschläge, wie sich die Organisation einer solchen Impfaktion verbessern ließe, prasseln auf die Überbringer der schlechten Nachricht ein, die wiederum gebetsmühlenartig versuchen, die Abläufe zu erklären und zu rechtfertigen. Je näher 13 Uhr rückt, desto ungehaltener die Impfwilligen, die zurückgewiesen werden, desto rüder der Ton gegenüber den Klinikmitarbeitern und jenen des städtischen Ordnungsamts. Fierlbeck allerdings findet, dass die Leute hier noch freundlich sind. „Umso mehr freue ich mich über ein Danke“, sagt seine Kollegin Bleischwitz.

„So kann man mit den Menschen doch nicht umgehen“

Ehepaar G. aus Burgstetten kann es nicht fassen, dass stundenlanges Anstehen umsonst gewesen sein soll. „So kann man mit den Menschen doch nicht umgehen“, findet sie. „Mich friert’s, mir tut das Kreuz weh. Ich habe Durst.“ „Eine Frechheit ist das“, sagt er. „Da müsste man bis 16 Uhr durchimpfen. Man braucht sich nicht wundern, wenn die Akzeptanz in der Bevölkerung fürs Impfen abnimmt.“ Das Impfteam vor Ort könne nichts dafür. „Das ist von oben runter. Unsere Koryphäen in Berlin.“

Um 13.15 Uhr klappt ein Bediensteter des städtischen Vollzugsdiensts die Aufsteller, die auf die Aktion hinweisen, zusammen und räumt sie weg. Fierlbeck und Bleischwitz verteilen die letzten Klemmbretter, auf denen Einwilligungserklärungen und Anamnesebögen befestigt sind. Obwohl die übrigen Wartenden, die leer ausgehen, längst weggeschickt wurden, die wenigsten von ihnen gehen tatsächlich. „Es ist frustrierend für alle“, sagt Anita Bleischwitz. Dem Team tue es um jeden Einzelnen leid, der nicht zum Zuge komme.

Die letzte Geimpfte des Tages ist

79 Jahre alt und stand seit 8.30 Uhr an

Stefanie Finck, Oberärztin in der Hautklinik des Klinikums Stuttgart, ist eine der beiden Ärztinnen, die in Backnang geimpft haben. „Es muss jeder mithelfen und seinen Teil beitragen“, sagt sie über ihren Einsatz als Impfärztin und hat dabei besonders die Entlastung ihrer überlasteten, niedergelassenen Kollegen im Blick. Sie freut sich, mehr Erstimpfungen verabreicht zu haben als erwartet. Um 13.45 Uhr schließt sich hinter Gerlinde Mühlberger die Tür zum Seniorensaal, der Vorhang wird zugezogen, die Aktion beendet. Die 79-Jährige aus Kleinaspach ist der letzte Impfling des Tages. Ihr Hausarzt hatte ihr eine baldige Booster-Impfung ans Herz gelegt, ihr aber keinen zeitnahen Termin in seiner Praxis geben können. Also hat sie sich um 8.30 Uhr in die Schlange gestellt. Jetzt ist die Seniorin erschöpft, aber geimpft. Sie ist Nummer 223 von 223 Geimpften an diesem Tag.

Der Ansturm auf das Impfangebot war riesig. Am kommenden Samstag ist das Team vom Klinikum Stuttgart wieder in Backnang.

© Alexander Becher

Der Ansturm auf das Impfangebot war riesig. Am kommenden Samstag ist das Team vom Klinikum Stuttgart wieder in Backnang.

Impfen ohne Termin.

Weitere Angebote Die Stadt Backnang lädt in Kooperation mit dem Klinikum Stuttgart und der Privatarztpraxis Lenz zu freien Impfaktionen im Seniorensaal im Verwaltungsgebäude, Im Biegel 13, zu folgenden Terminen ein: Samstag, 27. November, 9 bis 13 Uhr; Montag, 29. November, 15 bis 20 Uhr; Freitag, 3. Dezember, 15 bis 20 Uhr; Samstag, 4. Dezember, 9 bis 13 Uhr; Samstag, 11. Dezember, 9 bis 13 Uhr; Samstag, 18. Dezember, 10 bis 16 Uhr.

Die Voraussetzungen Sie sind auf der Homepage des Rems-Murr-Kreises www.rems-murr-kreis.de/kreisimpfzentrum-in-waiblingen/zusammen-schaffen nachzulesen. Zur Impfung sind Personalausweis, Versichertenkarte, Impfpass und falls vorhanden ein Allergieausweis mitzubringen.

Zum Artikel

Erstellt:
22. November 2021, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Lesen Sie jetzt!
Aydin Bayrak in seinem AB Fitnessstudio in Sulzbach an der Murr. Seine Kundenzahlen sind in der Pandemie stark gesunken. Foto: A. Becher
Top

Corona

Fitnessboom zum Jahresauftakt bleibt aus

Seit Juni 2021 dürfen die Sportstätten zwar wieder geöffnet haben, doch die Fitnessstudios in Backnang und Umgebung kämpfen immer noch mit geringen Kundenzahlen. Auch die diesjährigen Neujahrsvorsätze reichten nicht aus, um einen großen Ansturm auszulösen.