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„Das lindert einen Teil der Schmerzen“

Akteure der Wirtschaft aus der Region äußern sich zum staatlichen Soforthilfeprogramm für kleine und Kleinstunternehmen

Sie sind froh, dass die Regierung schnell auf ihre Situation reagiert hat. Aber sind auch sehr skeptisch, ob es ihnen mehr als eine kurze Linderung bringt: Die Soforthilfe der Bundesregierung für Solo-Selbstständige und kleinere Unternehmen ist angelaufen, viele Betroffene haben sich sofort an die Antragstellung gemacht. Wir haben uns dazu in der lokalen Wirtschaft umgehört.

Das Soforthilfepaket für Solo-Selbstständige und Kleinunternehmer kommt auch Freiberuflern wie Thomas Weber mit seinem Kabirinett in Spiegelberg-Großhöchberg zugute. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Das Soforthilfepaket für Solo-Selbstständige und Kleinunternehmer kommt auch Freiberuflern wie Thomas Weber mit seinem Kabirinett in Spiegelberg-Großhöchberg zugute. Foto: A. Becher

Von Bernhard Romanowski

WAIBLINGEN. „Die Politiker, insbesondere auch im Rems-Murr-Kreis, haben sich über die Maßen eingesetzt“, bewertet Thomas Weber das Engagement der politischen Entscheidungsträger von der Bundes- bis zur kommunalen Ebene in Zeiten der Coronakrise. Der Schauspieler, der gemeinsam mit Irene Weber das Theater „Kabirinett – Die Probierbühne auf dem Lande“ in Großhöchberg in der Gemeinde Spiegelberg betreibt, sieht sich als Unternehmer im kulturellen Bereich nicht zuletzt auch vom Landratsamt bestens informiert und mit ständigen Aktualisierungen des Sachstands versorgt. Weber: „Wir wurden wirklich wahrgenommen als Künstler.“

Der Spiegelberger Kulturschaffende gehört zu jenen, die das Angebot der finanziellen Soforthilfe der Bundesregierung für Solo-Selbstständige und Kleinunternehmer in Anspruch nehmen. „Ich finde das sehr gut von der Regierung, auch wenn es langfristig betrachtet wohl nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein dürfte“, so Weber.

Für sein Unternehmen hat er die Soforthilfe vor nicht ganz zwei Wochen online beantragt. „Um 11 Uhr morgens ging mein Antrag raus, um 15 Uhr nachmittags war schon die Bestätigung da“, berichtet der Theatermacher. Innerhalb von vier Tagen sei das Geld auf dem Konto gewesen. Derzeit widmen sich die Akteure des „Kabirinett“ der baulichen Ertüchtigung ihrer Spielstätte und jenen Dingen, für die sonst nur wenig Zeit bleibt. „Wir haben zurzeit eine große Baustelle im Haus. Aber am Tag eins nach Corona sind wir bereit“, so Weber voller Zuversicht.

„Die Politik wird nicht zulassen, dass die mittelständischen Geschäfte hopsgehen“

Auch bei Martin Windmüller ist die Soforthilfe längst auf dem Konto gutgeschrieben. Knapp zwei Tage vergingen, bis er via Internet kürzlich eine Bestätigung für seinen Antrag erhielt sowie einen Tag darauf eine Nachfrage dazu, ob es sich bei seinem Unternehmen um einen landwirtschaftlichen Betrieb handle. Das konnte er als Betreiber des Betten- und Wäschehauses in der Backnanger Gerberstraße getrost verneinen.

Sein Antrag fiel dadurch zwar die laufende Nummer betreffend in der Bearbeitung zurück, doch die erneute Bestätigung und die Bewilligung samt Überweisung des Geldes gingen dann doch zügig vonstatten. 30000 Euro waren das in Windmüllers Fall. In seinem Betrieb beschäftigt er als Geschäftsführer phasenweise bis zu 15 Mitarbeiter. Das Unternehmen hatte Kurzarbeit für die Mitarbeiter angemeldet. Die Soforthilfe des Staates sei eine gute Sache, befindet Windmüller: „Sie lindert einen Teil der Schmerzen – aber eben nur einen Teil.“ Das Geld reiche, um die Fixkosten des Betriebs für einen Monat zu bezahlen, aber nicht für zwei oder drei Monate, erklärt der Backnanger Unternehmer weiter.

„Die Politik hat gemacht, was in der Schnelle machbar war“, so die Einschätzung Windmüllers, der auch im Vorstand des Backnanger Stadtmarketingvereins tätig ist. Eine weitere kleine Linderung bringen ihm zufolge auch die Kreditangebote der KfW-Bank und die Stundungsmöglichkeiten, die das Finanzamt in Zeiten der Coronakrise gewährt. „Ich habe keine Angst. Die mittelständischen Geschäfte gehen jetzt nicht hops. Das wird die Politik nicht zulassen“, lautet Windmüllers Prognose.

Sein Geschäft war geraume Zeit geschlossen, darf ab Montag aber wieder öffnen. Außer ihm selbst war daher kürzlich nur der Auslieferungsfahrer im Einsatz, wenn auch nur mit reduzierter Stundenzahl. Windmüller selbst beantwortete telefonische Anfragen und durfte unter Einhaltung der aktuellen hygienischen Bestimmungen noch bereits bestellte Waren übergeben. Viele Kunden wollten ihn noch in dieser schwierigen Zeit unterstützen, sagt er. In seiner Bettenwaschabteilung reinigte er zudem noch Kissen und Bettzeug. Windmüller: „Das wird ordentlich nachgefragt.“

Ansonsten fühlte er sich allein in seinem Geschäft manchmal ein bisschen wie in dem US-amerikanischen Film „Nachts im Museum“ mit Ben Stiller als spleenigem Nachtwächter, so schildert der Backnanger es humorvoll.

60 IHK-Mitarbeiter arbeiten in Schichten, um die Hotline anbieten zu können

Für die Bearbeitung der Soforthilfeanträge in Baden-Württemberg sind das Wirtschaftsministerium, die baden-württembergischen Industrie- und Handelskammern (IHK) und die Handwerkskammern (HWK) sowie die L-Bank zuständig. Bei der IHK Region Stuttgart werden vor allem die Anträge jener Unternehmer bearbeitet, die in freien Berufen tätig sind, die keiner Kammer angehören, wie Markus Beier erklärt, der die IHK Waiblingen leitet.

Die derzeitige Krise setze vor allem den kleinen Unternehmern und Solo-Selbstständigen, die auf eine Unterstützung angewiesen sind, um die nächsten Wochen und Monate zu überstehen, zu. Beier ist der Leiter eines der drei Krisenstäbe der IHK und insbesondere mit der aktuell eingerichteten Hotline zur Beratung der Unternehmer aus allen Bereichen befasst. 60 Mitarbeiter arbeiten in Schichten, um die Hotline anbieten zu können. „Wir brauchen die gute Erreichbarkeit. War anfangs noch Kurzarbeit das große Thema, ist mittlerweile die Soforthilfe zu 90 Prozent das bestimmende Thema“, so Beier, der selber auch schichtweise die Beratung in der Hotline übernimmt.

200 Mitarbeiter der Kammern sind mit der Bearbeitung der Anträge auf Soforthilfe beschäftigt. Beier: „Die Anträge sollen das Haus so schnell wie möglich wieder verlassen Richtung L-Bank, die das Geld dann auszahlt.“

Info

Die Fördersumme des Corona-Soforthilfeprogramms beträgt bis zu 9000 Euro für Solo-Selbstständige und Betriebe mit bis zu 5 Mitarbeitern, dann bis zu 15 000 Euro für Betriebe mit bis zu 10 Mitarbeitern sowie bis zu 30 000 Euro für Betriebe mit bis zu 50 Mitarbeitern.

Für die Soforthilfe sind in Baden-Württemberg bereits 171 024 Anträge von den Kammern geprüft und an die L-Bank übermittelt worden. 147 142 Anträge in einer Gesamthöhe von knapp 1,43 Milliarden Euro wurden schon zur Auszahlung angewiesen (Stand: 14. April 2020).

Ein sehr geringer Anteil an Anträgen (einstelliger Prozentbereich) wurde mit negativem Votum weitergeleitet.

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Erstellt:
17. April 2020, 06:00 Uhr

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