Der ruhigste Rathaussturm aller Zeiten

Eigentlich sollte der Sturm auf das Backnanger Rathaus eine neue Karnevalskampagne einleiten. Das ist durch Corona in diesem Jahr nicht machbar. Doch komplett unter den Tisch fallen sollte der Beginn der fünften Jahreszeit trotzdem nicht.

Ein Bauzaun mit einem Plakat ist in diesem Jahr das einzige Zeichen für den Beginn der neuen Karnevalskampagne. BKC-Präsidentin Gabi Kallfaß und der Ordensratsvorsitzende, „Nachtwächter“ Horst Klöpfer, platzierten den Hingucker gestern vor dem Backnanger Rathaus. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Ein Bauzaun mit einem Plakat ist in diesem Jahr das einzige Zeichen für den Beginn der neuen Karnevalskampagne. BKC-Präsidentin Gabi Kallfaß und der Ordensratsvorsitzende, „Nachtwächter“ Horst Klöpfer, platzierten den Hingucker gestern vor dem Backnanger Rathaus. Foto: A. Becher

Von Kristin Doberer

BACKNANG. Keine Garden, keine Nachtschwärmer, kein Gänsevolk, keine Lohkäs-Trampler oder Träppler-Buaba. Niemand, der mitfiebert oder anfeuert, wie der Backnanger Karnevals-Club das örtliche Rathaus übernimmt. Stattdessen war es gestern um 11.11 Uhr relativ still in der Innenstadt, nur die leisen Gespräche vom Wochenmarkt waren zu hören. Eigentlich hätte gestern der Backnanger Rathaussturm stattgefunden. Statt der Masse an aktiven BKC-Mitgliedern und lautstarken befreundeten Vereinen waren lediglich Gabi Kallfaß und zwei Mitglieder da. An einem Bauzaun befestigten sie ein Plakat, mit dem sie auf den „mit Abstand schnellsten und ruhigsten Rathaussturm aller Zeiten“ hinweisen. Wie überall in Deutschland beginnt die Karnevalszeit in Backnang stiller als sonst.

Die Verantwortlichen wollten die Aktion in diesem Jahr aber nicht komplett ins Wasser fallen lassen, sie wollten einen Rathaussturm der besonderen Art machen. „Das ist Brauchtum, ein Kulturgut. Wir wollten nicht alles komplett absagen. Auch wenn gerade nichts anderes geht als das Plakat“, sagt Gabi Kallfaß, Präsidentin des BKC. Bis um 18 Uhr hing das Plakat vor den Rathaustüren. Kallfaß ist froh, dass der 11. November in diesem Jahr zumindest auf einen Mittwoch gefallen ist. Durch den Markttag sei in der Stadt etwas mehr los, dadurch gebe es doch noch einige, die das Plakat sehen konnten, bis es am Abend wieder abgenommen werden musste.

Vereinsarbeit gestaltet sich durch Corona schwierig.

Das Plakat war eine relativ spontane Idee, die Bilder wurden schnell im Vereinsheim aufgenommen. Nur zwei Haushalte durften dabei sein, schließlich gelten seit November wieder Kontaktbeschränkungen. „Dann haben wir noch schnell das Rathaus reinretuschiert und fertig“, zeigt Kallfaß sich zufrieden.

Allgemein hat sich die Vereinsarbeit in diesem Jahr als sehr schwierig gestaltet, vor allem für die Gardemädchen tue es ihr sehr leid. Der erste Lockdown brachte eine lange Tanzpause mit sich, danach wurde intensiv trainiert, wieder ein gutes Fitnesslevel erreicht und man habe sich schon auf die anstehenden Wettbewerbe gefreut. Dann die erneute Enttäuschung: Die Wettbewerbe finden wieder nicht statt, Training ist nur online möglich. „Es geht zum einen darum, dass die Mädels fit bleiben und wir sie bei der Stange halten“, meint Kallfaß. Zwar sind bisher noch alle dabei, doch sie hat die Befürchtung, dass Tänzer ohne konkrete Ziele und Auftritte irgendwann abspringen könnten. „Außerdem ist das Online-Training auch für Eltern mal eine Stunde, in der die Kinder gut beschäftigt sind.“

Auch eine Herausforderung war die erste Elferratssitzung, die vor Kurzem per Videokonferenz stattgefunden hat. „Es war aber auch ganz lustig“, meint die Präsidentin. Ihr sei es sehr wichtig gewesen, dass der Elferrat sich wieder absprechen kann – wenn auch nur über den Bildschirm. Einen Lichtblick gibt es zumindest: „Wir können trotz allem unser Jahresheft zur vergangenen Kampagne herausbringen. Die war schön und super erfolgreich.“ Statt das Jahresheft auf dem Ordensfest auszulegen, bekommen es die Mitglieder in diesem Jahr aber direkt nach Hause geschickt.

Dabei ist die Kampagne 2020/2021 nicht mal die erste, die nicht richtig stattfinden kann. „In meinem ersten Jahr als Präsidentin, vor genau 30 Jahren, wurde die komplette Kampagne wegen des Jugoslawienkriegs abgebrochen. Das wollen wir vorerst noch nicht machen“, sagt Kallfaß. Das Plakat wird im Jahr 2020 die einzige Aktion des BKC bleiben. Das im November stattfindende Ordensfest wurde schon vor längerer Zeit abgesagt. Wie es um die Veranstaltungen im Frühjahr steht, ist noch nicht sicher. „Wir wollen die Kampagne nicht komplett absagen, sondern schauen, was im Januar und Februar dann möglich ist“, meint Kallfaß. Man wolle das dann sehr spontan entscheiden, je nachdem, wie sich die Lage entwickelt. Dementsprechend haben sie auf ihr Plakat vor dem Rathaus beim Jahr 2021 ein eher nachdenkliches Smiley gesetzt. Sollte sich die Lage Anfang des Jahres noch nicht entspannt haben, will man auch beim BKC über digitale Möglichkeiten nachdenken.

Und statt die Übernahme des Rathauses und den Beginn der fünften Jahreszeit ausgiebig zu feiern, war das Plakat in nur wenigen Minute aufgehängt. Bilder für die Vereinsmitglieder daheim wurden auch schnell geschossen und für Gabi Kallfaß ist der Rathaussturm so schnell vorbei, wie noch nie zuvor. „Dann geh ich jetzt wieder heim.“

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Erstellt:
12. November 2020, 06:00 Uhr

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