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Desinfektionsmittel ersetzt Weihwasser

Die ersten Gottesdienste nach der Coronasperre – Zahl der Sitzplätze in der Backnanger Johanneskirche ist 26 begrenzt

Die Kirchen dürfen wieder zum Gottesdienst einladen. Um niemanden zu gefährden, haben sie sich selbst strenge Regeln gesetzt, die zum Teil über das hinausgehen, was das Land an Schutzmaßnahmen verlangt: Begrenzte Personenanzahl, kein Gesang, Desinfektionsmittel statt Weihwasser an der Eingangstüre (katholisch) und selbst das Vaterunser wird nur noch geflüstert (evangelisch).

Für die Gottesdienstbesucher gelten klare Regeln: Die Gläubigen dürfen nur martkierte Plätze einnehmen und sollen wenn möglich Mundschutz tragen.Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Für die Gottesdienstbesucher gelten klare Regeln: Die Gläubigen dürfen nur martkierte Plätze einnehmen und sollen wenn möglich Mundschutz tragen.Foto: J. Fiedler

Von Renate Schweizer

BACKNANG. Ob sich ein solcher Gottesdienst noch wie Gottesdienst anfühlt? „Nein, heute leider keine Eucharistiefeier“ – Kirchengemeinderatsvorsitzende Birgit Heuckeroth ist die „Türwächterin“ am Eingang der Johanneskirche und erklärt geduldig ein ums andere Mal die Regeln: Die Heilige Kommunion gibt es bis auf weiteres nur in der (größeren) Christkönigskirche, hier in der Johanneskirche ist „nur“ Wortgottesdienst. Am Eingang bitte die Hände desinfizieren, Mundschutz tragen wenn’s geht, Abstand halten beim Rein- und Rausgehen und bitte nur auf die markierten Plätze setzen in jeder zweiten Reihe, versetzt. 26 Plätze gibt es, die Gottesdienstbesucher müssen sich in eine Liste eintragen. Am Ende werden es knapp 20 gewesen sein, die teilgenommen haben. „Und“, ergänzt Daniela Mangold, die als Pastoralreferentin den Gottesdienst gestaltet, das Regelwerk: „Bitte nicht knien, denn das könnte den Abstand vermindern.“

Der erste Gottesdienst nach langer Corona-Pause ist der zum Sonntag Cantate – ausgerechnet. „Singet“, heißt das übersetzt und genau das ist nun verboten. Gottesdienst ohne Gemeindegesang – kann das gehen? Es geht erstaunlich gut: Spielend und gänsehauterzeugend schön füllt die Kantorin, Ann-Kathrin Zimmermann, den Kirchenraum mit ihrer Stimme, Regionalkantor Reiner Schulte spielt dazu die Orgel und man hört ganz genau, wieviel Freude ihm das macht. Zwischendurch wird die Gemeinde immer wieder zum Summen aufgefordert – auch das schafft Verbindung.

„Ich wär‘ fast erstickt beim Summen mit Mundschutz“, erzählt allerdings hinterher eine junge Frau quietschvergnügt – aber wer so fröhlich darüber lachen kann, hat die Herausforderung offenbar bestens gemeistert. Wie ihm denn nun der erste Live-Gottesdienst nach so langer Zeit gefallen habe, lautet die Frage an die Adresse eines Besuchers am Ausgang. „Gottesdienst ist immer live“, erklärt der in aller Gemütsruhe, „auch wenn ich ihn im Radio höre. Gott ist so groß, der kann gleichzeitig im Aufnahmestudio des Senders und bei mir im Wohnzimmer sein. Trotzdem ist es schön, wieder in der Kirche zu sein.“

Der Kantor der Stiftskirche singt stellvertretend für die Gemeinde das Lied am Klavier

Am Sonntagmorgen im evangelischen Gottesdienst der Stiftskirchengemeinde löst man das Problem mit dem Singverbot anders und auch sehr schön: Hier wird „Lobe den Herren“ und später das Segenslied gebärdet, während der Kantor, Hans-Joachim Renz, für alle stellvertretend den Text am Klavier singt. Die Bewegungen machen allen offensichtlich viel Spaß. Beim Wort „Freude“ in der Zeile „Lasst uns mit Freude seinem Namen singen“ zum Beispiel lächelt man breit übers ganze Gesicht und die Hände hüpfen auf und ab wie ein aufgeregter Vierjähriger beim Anblick seines Geburtstagskuchens – das tut gut und setzt Endorphine frei, genau wie das richtige Singen.

Auch diesen Gottesdienst gestaltet eine junge Frau, es ist Annegret Maile, eine der Pfarrerinnen der Stiftskirchengemeinde. Außer dem singenden Kantor am Klavier wirkt Kirchengemeinderat Torsten Früh musikalisch mit – erst mit dem Cello und zum Abschluss mit dem Lied „I’m dreaming of home“, bei dem er sich selbst mit der Gitarre begleitet. Die Stühle stehen locker im Raum und hier hatte der Mesner, Christian Schleicher, die gute Idee, auch einige Stühle paarweise nebeneinander zu stellen, denn wer im selben Haushalt lebt, kann natürlich auch in der Kirche nebeneinander sitzen. Auch auf dem Flur und sogar im Garten verteilen sich Menschen – etwas mehr als 30 Personen sind es bestimmt. Hinterher strahlen alle und kriegen ihre gebärdenden Mundwinkel gar nicht mehr richtig unter Kontrolle. „Nächsten Sonntag wieder“, sagen sie beim Abschied zueinander, „und dann aber im Garten.“

Gottesdienst nach den Regeln des Infektionsschutzes? Klar geht das – man muss es nur wollen.

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Erstellt:
11. Mai 2020, 06:00 Uhr

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