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Deutsch-Abi unter besonderen Vorzeichen

Durch die coronabedingten Schulschließungen haben die Abiturprüfungen fast vier Wochen später begonnen als geplant. Die plötzliche Umstellung auf Online-Lernen war eine Herausforderung, den Schülern wurde mehr Selbstorganisation abverlangt.

Noch eine Minute, dann darf Luca Arweiler (im Vordergrund) die Aufgaben ansehen. Schulleiter Udo Weisshaar vom Tausgymnasium achtet darauf, dass die Formalitäten befolgt werden. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Noch eine Minute, dann darf Luca Arweiler (im Vordergrund) die Aufgaben ansehen. Schulleiter Udo Weisshaar vom Tausgymnasium achtet darauf, dass die Formalitäten befolgt werden. Foto: J. Fiedler

Von Annette Hohnerlein

BACKNANG. Frederic Kaltenleitner kommt erleichtert aus der Deutsch-Abiturprüfung am Gymnasium in der Taus. „Die Gedichte waren cool, es ist ganz gut gelaufen“, freut sich der Abiturient, der die vergleichende Interpretation zweier Gedichte von Conrad Ferdinand Meyer und Stefan George als Thema gewählt hat.

Bei der Prüfungsvorbereitung in den eigenen vier Wänden habe er wohl etwas weniger gemacht als unter normalen Bedingungen, gibt er zu, „aber ich bin zufrieden mit mir“. Die Betreuung durch die Lehrer sei gut gewesen, allerdings sei die digitale Lernplattform Moodle am Anfang überlastet gewesen. Den persönlichen Kontakt zu Lehrern und Mitschülern habe er schon vermisst, deshalb habe er sich manchmal mit einem Kumpel zum Lernen getroffen.

Seine Mitschülerin Leonie Fischer hat als Abithema den Werkvergleich zwischen Hermann Hesses Roman „Der Steppenwolf“ und E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der goldne Topf“ gewählt. Auch sie ist mit dem Verlauf der Deutschprüfung ganz zufrieden. Davor sei sie ziemlich aufgeregt gewesen, das habe sich aber schnell gelegt, denn eigentlich sei die Prüfung nicht viel anders gewesen als die letzten Klausuren. Auch Leonie ist mit dem Homeschooling gut klargekommen. Sie hat ihr Pensum strukturiert und Wochenpläne gemacht. Und sie kann der diesjährigen Ausnahmesituation auch etwas Gutes abgewinnen: „Ich habe daheim mehr Ruhe zum Arbeiten gehabt als in der Schule.“

Für Robin Liesenfeld war das Deutschabitur anstrengend. „Mit dem Steppenwolf habe ich nicht gerechnet, weil der erst letztes Jahr dran war“, sagt der Abiturient. Er musste aber den Werkvergleich nehmen, weil er sich bei seiner Vorbereitung darauf fokussiert hatte. Insgeheim hatte er auf ein Faust-Thema gehofft, weil er sich damit vor Kurzem in einer Hausarbeit intensiv beschäftigt hatte. Daher kann er schwer einschätzen, wie die Prüfung bei ihm ausgefallen ist. Auch er hat die selbstständige Vorbereitung zu Hause gut bewältigt, hat aber festgestellt: „Erst wenn man alleine arbeitet, merkt man, dass der Unterricht in der Schule doch besser ist.“

Die Taus-Abiturienten standen nicht alleine vor der Herausforderung, die Schulbank für fast fünf Wochen mit dem heimischen Schreibtisch tauschen zu müssen. Über 47000 Abiturienten in Baden-Württemberg wurden am 17. März nach Hause geschickt, erst am 4. Mai öffneten sich die Schultore wieder; die zwei Wochen Osterferien fielen in diese Zeit.

„Zum Glück hatten die meisten Kurse zum Zeitpunkt der Schließung den Stoff in den abirelevanten Fächern schon durch, sodass per Fernunterricht nur noch wiederholt und vertieft werden musste“, sagt der Schulleiter des Tausgymnasiums, Udo Weisshaar. Und die Verschiebung der Prüfungen habe für seine Abiturienten auch einen handfesten Vorteil gehabt: „Dieser Jahrgang hat unglaublich viel Zeit für die Vorbereitung gehabt.“

Und wie kamen die Lehrer damit klar, innerhalb kürzester Zeit den Lernstoff nicht mehr Auge in Auge mit dem Schüler, sondern über digitale Kanäle vermitteln zu müssen? „Das war schon ein Sprung ins kalte Wasser“, räumt Weisshaar ein. Die Lernplattform Moodle sei zwar, wie in vielen anderen Schulen auch, schon lange verfügbar. „Aber wer hat das angewendet?“

Kontakt anfangs per E-Mail, später auch mit Videokonferenzen

Der Kontakt zwischen den Lehrern und Schülern habe zunächst vor allem per E-Mail stattgefunden, später seien dann Videokonferenzen dazugekommen.

Etwa zehn Prozent der Lehrer am Tausgymnasium gehören einer Coronarisikogruppe an, lässt der Schulleiter wissen. Von den Lehrern der Jahrgangsstufe zwei, also vom aktuellen Abiturjahrgang, war aber nur ein Pädagoge betroffen. Dessen Unterricht für die Abiturienten wurde nach der Wiederöffnung der Schule online in den Hörsaal übertragen, was auch den Vorteil hatte, dass eine erkrankte Schülerin von zu Hause aus teilnehmen konnte. Einen Coronabonus in Form von besonders leichten Aufgaben oder einer gnädigen Benotung bekommen die Abiturienten übrigens nicht. Und dass das Abitur nicht wie gewohnt mit der Deutschprüfung beginnt, hat nichts mit der Pandemie zu tun, sondern damit, dass sich die Bundesländer für bestimmte Fächer aus einem bundesweiten Aufgabenpool bedienen können. Dann müssen die Termine abgestimmt und die Prüfungen in diesen Fächern zeitgleich geschrieben werden.

Die Abiturienten müssen unter insgesamt fünf Aufgaben eine zur Bearbeitung wählen

An den allgemeinbildende Gymnasien wurden folgende Aufgaben gestellt:

Aufgabe 1: Interpretation einer Textstelle aus E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der goldne Topf“ und vergleichende Betrachtung mit Hermann Hesses Roman „Der Steppenwolf“. Untersucht werden soll, ob und inwieweit die Hauptfiguren der beiden Texte, Anselmus und Harry Haller, von Sehnsucht bestimmt sind. Dabei soll eine These von Wilhelm Raabe (1800 bis 1845) erörtert werden, nach der „des Menschen Herz (...) am glücklichsten sein (kann), wenn es sich so recht sehnt“.

Aufgabe 2: Eine vergleichende Interpretation zu den Gedichten „Im Spätboot“ von Conrad Ferdinand Meyer (1825 bis 1898) und „Rückkehr“ von Stefan George (1868 bis 1933).

Aufgabe 3: Interpretation der Erzählung „Im Verfolg städtebaulicher Erwägungen“ von Johannes Bobrowski (1917 bis 1965).

Aufgabe 4: Verfassen eines Essays auf der Grundlage eines vorgelegten Dossiers mit verschiedenen Texten zum Thema „Meine Handschrift – meine Visitenkarte?“.

Aufgabe 5: Analyse und Erörterung des Texts „Lob der Blase“ von Jens Jessen, der am 26. September 2018 in „Zeit online“ erschienen ist.

Die Aufgaben 1 und 3 standen ebenfalls an den beruflichen Gymnasien zur Auswahl, darüber hinaus folgende Aufgaben 2, 4 und 5 (auch hier insgesamt fünf Aufgaben):

Aufgabe 2: Eine vergleichende Interpretation zu den Gedichten „Im Sommer“ von Sarah Kirsch (1935 bis 2013) und „Wie freu ich mich der Sommerwonne!“ von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798 bis 1874).

Aufgabe 4: Erstellung eines Essays auf der Grundlage eines vorgelegten Dossiers mit verschiedenen Texten zu dem Thema „Heimat“.

Aufgabe 5: Analyse und Erörterung des Texts „Er muss zupacken, sie loslassen!“ von Violetta Simon (veröffentlicht in der Süddeutschen Zeitung, 20. November 2018). Die Schüler setzen sich kritisch mit dem Text der Verfasserin auseinander und erörtern darüber hinaus, wie eine geschlechtergerechte Arbeitswelt aussehen könnte.

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Erstellt:
22. Mai 2020, 06:00 Uhr

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