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„Die Anspannung ist spürbar“

Das Interview: Annkatrin Jetter spricht über ihre Arbeit im Seelsorgeteam der Rems-Murr-Kliniken in Zeiten von Corona

Durch die Coronakrise hat sich der Alltag stark verändert – auch und im Besonderen in den Rems-Murr-Kliniken. Pfarrerin Annkatrin Jetter aus Murrhardt, die zum Seelsorgeteam gehört und im Klinikum Winnenden arbeitet, muss beispielsweise ihren früher selbstverständlichen Gang über die Stationen einschränken. Aber auch wenn mehr Kontakte übers Telefon laufen, ist es ihr wichtig zu sagen: „Wir sind für Patienten und Mitarbeitende da.“

Der Alltag hat sich für Pfarrerin Annkatrin Jetter als Seelsorgerin im Klinikum Winnenden stark verändert. Sie kann nicht mehr wie sonst selbstverständlich auf den Stationen präsent sein, versucht, Kontakte zu reduzieren und Gespräche, wenn möglich, telefonisch zu führen. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Der Alltag hat sich für Pfarrerin Annkatrin Jetter als Seelsorgerin im Klinikum Winnenden stark verändert. Sie kann nicht mehr wie sonst selbstverständlich auf den Stationen präsent sein, versucht, Kontakte zu reduzieren und Gespräche, wenn möglich, telefonisch zu führen. Foto: J. Fiedler

Von Christine Schick

Können Sie sich daran erinnern, wann das Thema Corona in Ihrem Arbeitsalltag angekommen ist?

Ich meine, ab Anfang Februar war Corona immer mehr Gesprächsthema, auch hinter den Kulissen. Die Krankenhausverwaltung hat sich Gedanken gemacht, und wir im Team haben überlegt, was aufgrund der Ansteckungsgefahr zu tun ist und was das für unsere Besuche bedeutet. Allmählich hat sich die Frage gestellt, was da auf uns zukommt. Das ist auch bei den Mitarbeitenden ein zentrales Thema und heißt für uns, immer wieder im Gespräch mit ihnen zu sein. In den letzten Wochen wurde Corona sehr präsent, sichtbar durch den Besucherstopp, leere Gänge und dadurch, dass aufschiebbare Operationen nicht mehr stattfinden. Bis hin zu einem Sicherheitsmann, der den Eingang überwacht und keine Besucher außer mit Ausnahmegenehmigungen reinlässt.

Was hat sich durch die Coronakrise in Ihrem Alltag am stärksten verändert?

Sicherlich die Einschränkungen in unserer täglichen Arbeit. Aber es ist auch die Stimmung. Die Atmosphäre ist ruhig, aber man spürt gleichzeitig die Anspannung im Hintergrund. Für mich spielt auch die Frage eine Rolle, wie wir zum einen die Patientinnen und Patienten erreichen können, aber auch wie Angehörige die Situation gut aufnehmen können. Es ist ja eine Härte, keine Besuche mehr machen zu können. Und die Mitarbeitenden nehme ich mehr in den Fokus: Für sie bedeutet die Situation eine zunehmende Anspannung und Verdichtung der Arbeit, besonders auf den Intensivstationen.

Richten sich auch Besucher von außen an Sie?

Das gibt es auch, dass wir gebeten werden, für jemanden einen Besuch zu machen. Verändert hat sich für uns auch, dass wir nicht mehr generell über die Stationen gehen, keine aufsuchende Seelsorge mehr praktizieren können, obwohl das eigentlich wichtig wäre. Wir kommen in der Regel nur, wenn wir gerufen werden. Die ehrenamtlichen Seelsorgenden pausieren. Als Hauptamtliche haben wir in Abstimmung mit der Klinik vereinbart, dass wir aber weiterhin präsent sind, Seelsorge anbieten und telefonisch immer erreichbar sind. Wir richten uns natürlich nach den hygienischen Regeln, die auch fürs Pflegepersonal gelten, stimmen uns ab, wenn wir doch auf Station gehen. Zudem gibt es ein paar Ausnahmen, Stationen, auf denen wir trotzdem eine regelmäßige Präsenz zeigen, weil wir denken, dass es wichtig ist. Gleichzeitig versuchen wir, die Kontakte zu reduzieren und viel telefonisch zu machen. Das ist schon eine große Einschränkung und ein Balanceakt. Sterbebegleitung machen wir, wenn wir gerufen werden.

Auf welcher Station sind Sie noch präsent?

Ich geh auf die Kinderintensivstation und bin in einem Teil der Erwachsenenintensivstation, der nicht aus Gründen der Isolierung abgesperrt ist, präsent. In der Kinderintensivstation will ich mit Blick auf schwierige Situationen mit den Frühchen ansprechbar sein. Es gibt ja auch neben Corona sehr belastende Erfahrungen. Die Einhaltung der Hygieneregeln ist auf dieser Station natürlich ebenfalls immens wichtig. Doch diese gehört sowieso zum Alltag – in jedem Zimmer. Und als Seelsorgerin bin ich zudem im Austausch mit dem Pflegepersonal, ob es Sonderregelungen gibt.

Gibt es Fälle, in denen Sie Schutzkleidung anlegen müssen?

Eine neueste Regelung ist, dass wir nun auch als Seelsorgende auf den Stationen Pflegekleidung tragen. Bisher sind wir noch nicht zu Covid-19-Patienten gerufen worden. Wenn, geht das auch nur in Schutzkleidung und mit dem Einverständnis der Klinik. Das wird vielleicht auch unterschiedlich geregelt werden und nur in enger Absprache mit der ärztlichen Leitung. Voraussetzung ist, dass die Seelsorge gerufen wird, wir selbst werden da erst mal nicht aktiv.

Man wägt das im Team dann von verschiedenen Seiten ab.

Genau. Es geht auch darum, andere und auch sich selbst nicht zu gefährden. In diesem Spannungsverhältnis befinden wir uns. Wie es wirklich in der Praxis aussehen wird, wissen wir noch nicht, da stehen wir am Anfang.

Der Blick ist im Moment noch auf Italien und Spanien gerichtet, der einem auch Angst macht. Es kann ja sein, dass auch hier die Zahlen von Coronaerkrankten, die sterben, sich erhöhen. Haben Sie die Möglichkeit gehabt, sich im Team darauf vorzubereiten?

Ja, da machen wir uns Gedanken. Ich sehe da die Schwierigkeit, wie Hygienevorschriften und Seelsorge zusammengebracht werden können. Zu bedenken sind zwei Bereiche. Einmal die Angehörigen und Menschen, die im Sterben liegen, wie sie betreut werden können, auch durch telefonischen Kontakt. Zum anderen sollten wir aber auch eine Begleitung für Mitarbeitende im Sinne eines Kriseninterventionsteams im Blick haben. Möglicherweise muss das medizinische Personal bis zum Anschlag arbeiten und die Frage ist, wie wir es unterstützen können, dass es seine Arbeit auch unter diesen besonderen Stresserfahrungen gut machen kann.

Nicht mehr alle Gespräche können von Angesicht zu Angesicht geführt werden. Lässt sich abschätzen, was sich dadurch verändert?

Vieles wird mehr über Telefon laufen müssen, trotzdem glaube ich, dass man mit Abstand noch Vier-Augen-Gespräche führen könnte mit den Mitarbeitenden. Aber das wird sich auch zeigen. Wichtig ist, das Angebot einfach zu machen. Was aktuell für meine Arbeit noch dazukommt, ist eine Hotline des evangelischen Kirchenbezirks Waiblingen, die ebenso betreut und für Angehörige und Gemeindemitglieder in der Umgebung da sein möchte. Sie soll als Angebot Brücken bauen und vernetzen. Ich bin eine der Ansprechpartnerinnen von diesem Team.

Die Kliniken sondieren ja gerade, wer möglicherweise im Extremfall mit in die Versorgung einsteigen könnte.

Ja, die Klinikleitung hat signalisiert, dass es eine große Solidarität im Haus gibt. Es haben auch Personen mit entsprechender Ausbildung, die nicht mehr in der Pflege arbeiten, gesagt, ich steh wieder zur Verfügung, ihr könnt mich einsetzen.

Sind Sie persönlich auch gefragt worden, ob Sie zur Verfügung stehen?

Ja, ich wurde auch angefragt, nicht für die Pflege natürlich, aber für andere Aufgaben. Das gehört für mich selbstverständlich dazu, zu helfen, wie es in meiner Kraft steht, fachfremd sozusagen.

Ich hab mich auch gefragt, ob Sie jetzt im Alltag bereits mit den Ängsten vor Ansteckung konfrontiert sind und das ein Thema ist, das man besprechen muss.

Fürs Personal ist das Wichtigste, dass die Einzelnen gut geschützt sind, es genug Schutzkleidung und Masken gibt, das ist das A und O. Die Mitarbeitenden wissen, was da zu beachten ist, und haben einen sachlichen Blick drauf. Patienten sind dann schon auch dankbar, wenn man Abstand und sich an die Hygieneregeln hält. Allerdings gilt das immer im Krankenhaus. Das ist auch von mir aus ein wichtiges Signal, dass ich das generell beachte.

Das heißt, es ist sowieso ein wichtiges Alltagsthema.

Ja. Letzte Woche bin ich auf die geriatrische Station gerufen worden. Für die älteren Menschen, die dort jetzt alleine liegen und keinen Besuch mehr bekommen, ist das wirklich nicht einfach. Ich weiß auch nicht, ob sie die Entwicklungen draußen 100-prozentig mitbekommen. Aber sie sind dankbar, wenn sie merken, man schützt sie und andere. Generell ist es wichtig, eine gewisse Ruhe auszustrahlen und nicht in Aktionismus zu verfallen. Klar, die Ängste kommen sicher immer wieder, sie sind auch sehr komplex. Das ist eine Begleiterscheinung, mit der wir vielleicht alle in dieser Situation umgehen müssen. Ich denke, es ist gut, Ängste auszusprechen, sie zu hören, ernst zu nehmen und ihnen mit Sachlichkeit zu begegnen. Letztlich bleibt uns aber auch noch ein Stück Gottvertrauen, dass unser Leben gehalten ist. Das sag ich natürlich nicht immer so, aber letztlich haben wir nicht alles bis ins Letzte in der Hand. Ich denke, wir sollten all das, was wir an Unterstützung leisten können, anbieten und unsere Verantwortung wahrnehmen und doch bleibt ein letzter Rest unseres Lebens, den wir nicht beeinflussen können.

Sie haben schon gesagt, dass Sie auch Ansprechpartnerin für die Mitarbeitenden sind. Gibt es da zurzeit typische Themen?

Alle, die im medizinischen Bereich arbeiten, haben Routine in ihrem Job, arbeiten professionell und wissen, wie das funktioniert. Die unausgesprochene Frage ist, was passiert, wenn wir an unsere Grenzen kommen. Wie gehen wir damit um? Ich könnte mir vorstellen, dass das viele umtreibt. Ich habe großen Respekt vor den Menschen, die hier arbeiten. Sie kommen einfach, machen ihren Job. Eine große Chance und Stärke sind die Teams auf den Stationen, die untereinander sprechen und sich gegenseitig stärken. Sich da auszutauschen, wird sicher noch stärker notwendig und ein Thema für die Seelsorge und Krisenintervention sein. Auch den Mut zu haben, zu sagen: Ich brauche jetzt jemanden, der mir zuhört.

Sie sind Pfarrerin und Seelsorgerin, aber auch alleinerziehende Mutter von zwei Töchtern. Wie schaffen Sie es, für alle da zu sein und auch auf sich selbst zu achten?

Ich gebe zu, die Situation mit der Schulschließung und die letzten Wochen im Krankenhaus waren sehr anstrengend, obwohl ich zurzeit nicht übermäßig viele Besuche machen kann. Aber sich das Ungewisse zu überlegen, zu organisieren und sich damit auseinanderzusetzen, empfinde ich tatsächlich als nicht ganz einfach. Wie ich das schaffe? Na, für alle kann ich ja nicht da sein. Und ich bin sehr, sehr froh, dass es Frühling ist. Mir hilft, wenn ich mal draußen in der Natur sein kann. Und mir helfen Gespräche mit Freunden und Freundinnen, Telefonate.

Das wäre meine Abschlussfrage gewesen, was im Alltag hilft und Mut macht. Das heißt, Sie greifen auch privat zum Telefon.

Genau. Mir tut es gut, nicht nur schriftlich über digitale Medien zu kommunizieren, sondern auch die Stimme zu hören und miteinander zu telefonieren. Und auch kollegial sich noch mal zu vernetzen und zu fragen, wie macht ihr das? Was hat sich bewährt, was habt ihr für eine Idee? Das hilft mir. Und zum Glück sind meine Kinder schon relativ groß, sodass sie schon eigenständig ihre Homeschoolingaufgaben machen können. Zudem sind sie gut ins nachbarschaftliche Umfeld eingebunden.

Info

Das ökumenische Team von Seelsorgern an den Klinikstandorten Winnenden und Schorndorf besteht aus fünf Kollegen, die überkonfessionell arbeiten. Dies sind Pfarrerin Annkatrin Jetter, Pastoralreferent Martin Stierand, Gemeindereferentin Brigitte David, Gemeindereferentin Margret Schauaus-Holl und Pfarrer Hans Gerstetter. Weitere Infos: www.rems-murr-kliniken.de, Stichwort Seelsorge.

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Erstellt:
27. März 2020, 06:00 Uhr

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