Die Corona-Ampel für den Kreis springt auf Gelb

Im Rems-Murr-Kreis ist der erste kritische Schwellenwert erreicht: 35 Neuinfektionen pro 100000 Einwohner in den letzten sieben Tagen. Die Folge: Ab sofort wird die Höchstteilnehmerzahl bei privaten Feiern begrenzt.

Der Landkreis will die Ermittlung der Kontaktpersonen nach positiven Tests stärken. Archivfoto: B. Büttner

© Benjamin Büttner

Der Landkreis will die Ermittlung der Kontaktpersonen nach positiven Tests stärken. Archivfoto: B. Büttner

Von Armin Fechter

BACKNANG/FELLBACH. Der Rems-Murr-Kreis befindet sich doch nicht auf einer Insel der Glückseligen, wie es mit Blick Richtung Stuttgart oder auch Esslingen zuletzt noch schien. Gestern sprang die Ampel auf Gelb – die Zahl von 35 Neuinfektionen pro 100000 Einwohner in den letzten sieben Tagen war erreicht. Das entspricht einer Gesamtzahl von 151 Fällen. Stark steigende Corona-Fallzahlen hatten bereits in den letzten Tagen auf eine kritische Entwicklung hingedeutet. Am Dienstag lag der Wert für die Sieben-Tage-Inzidenz mit 34 Neuinfektionen gerade noch im grünen Bereich.

Die Vorwarnstufe bedeutet nun, wie Landrat Richard Sigel gestern bei einer Pressekonferenz im Fellbacher Rathaus erläuterte, dass gemäß den Vorgaben des Landes Baden-Württemberg erste Maßnahmen anlaufen, um die weitere Ausbreitung des Virus einzudämmen. Konkret: Ab heute wird die Höchstteilnehmerzahl bei privaten Feiern begrenzt. Maximal 50 Besucher dürfen zu solchen Festen kommen, wenn sie in öffentlichen Räumen stattfinden, maximal 25 sind es bei Feiern in privaten Räumlichkeiten. Über weitere Schritte, etwa eine Ausweitung der Maskenpflicht, wird im Krisenstab des Landratsamts noch nachgedacht. Die Verantwortlichen blicken dabei auch nach Berlin und Stuttgart, von wo neue Beschlüsse erwartet werden.

„Die Lage spitzt sich zu“, sagte Sigel bei der Pressekonferenz, die er gemeinsam mit der Fellbacher Oberbürgermeisterin Gabriele Zull abhielt. Wird die Kappelbergstadt allein betrachtet, so hat die Ampel dort sogar die rote Stufe erreicht – und Fellbach ist damit nicht allein im Kreis. Betroffen sind insgesamt sieben Städte und Gemeinden, unter anderem auch Althütte. Sigel schränkte aber ein: In einer Gemeinde mit kleiner Einwohnerzahl könne so eine Marke schon erreicht werden, wenn ein einzelner Haushalt betroffen ist. Deshalb gelte die Ampel auch nur auf Kreisebene.

In Fellbach sind 65 aktive Covid-19-Fälle registriert, davon 48 neue in den letzten sieben Tagen. Die Hälfte davon geht auf einen Ausbruch in Unterkünften zurück, in denen Geflüchtete zur sogenannten Anschlussunterbringung leben – eine Situation ähnlich der, die vor Kurzem in Backnang aufgetreten ist. Bei der anderen Hälfte handelt es sich laut Zull um Infektionen in Familien im Zusammenhang mit privaten Feiern. „Und das ist genau der Punkt“, setzte sie hinzu. Um die Kontaktpersonen – einige hundert – zu ermitteln, musste die Stadt ihre Kräfte im Ordnungsamt mit Unterstützung vom Landkreis aufstocken und dafür andere Aufgaben zurückstellen.

Interkommunale Fünfer-Teams arbeiten in der Kontaktverfolgung.

Generell wird davon ausgegangen, dass pro 20000 Einwohner fünf Ermittler für diese Aufgabe nötig sind. Sie arbeiten interkommunal in Teams. An einen Einsatz der Bundeswehr, um die örtlichen Kräfte zu entlasten, wie dies für Stuttgart im Raum steht, denkt der Landrat zumindest derzeit nicht. Er verweist vielmehr darauf, dass der Rems-Murr-Kreis bei der Kontaktpersonennachverfolgung gemeinsam mit den Städten und Gemeinden einen Sonderweg geht. Ausführende Stelle ist demnach jeweils die Ortspolizeibehörde, ihr zur Seite steht ein Kümmerer aus dem Landratsamt. Dort wurde ein Pool von 50 Mitarbeitern geschaffen, um die Strukturen zu stärken.

Trotz der nun erreichten Vorwarnstufe ist Sigel noch, wie er sagt, „einigermaßen gelassen“. Zum einen müsse man – anders als bei der ersten Corona-Welle im Frühjahr – nicht in Hektik alle Entscheidungen treffen, zum anderen habe man sich den Sommer über auf die zweite Welle vorbereitet. Akzeptanz durch die Bürger und Verhältnismäßigkeit seien wichtig bei den jetzt getroffenen Maßnahmen. „„Wenn jeder mitmacht, dann können wir uns alle besser schützen. Das Verhalten der Bevölkerung entscheidet letztendlich, wohin die Reise geht. Grundsätzlich kommt es dabei auf jeden Einzelnen an“, bekräftigte Zull.

Für den Fall, dass der Landkreis auch den nächsten Wert von 50 Neuinfektionen reißt, was laut Sigel in den nächsten zwei Wochen durchaus sein könnte, kündigte der Landrat weitere Maßnahmen an. So sollen dann die Obergrenzen für private Feiern und Veranstaltungen auf 25 beziehungsweise 10 Personen begrenzt werden. Zudem könnte auch eine Maskenpflicht im öffentlichen Raum kommen, insbesondere für Bereiche, wo der Mindestabstand von anderthalb Meter nicht eingehalten werden kann. „Auf dem Zettel“ hat Sigel ferner eine Maskenpflicht für Sportveranstaltungen.

Die Rems-Murr-Kliniken haben sich ebenfalls bereits ab dem Sommer auf steigende Fallzahlen eingestellt, wie der Ärztliche Direktor des Klinikums Winnenden, Professor Ralf Rauch, sagte. Da sei man noch belächelt worden, als es um den coronakonformen Umbau des Eingangsbereichs und die Errichtung einer separaten Infektionsstation ging. Derzeit werden neun Covid-19-Patienten in den Kliniken behandelt, davon muss einer beatmet werden. Zudem gibt es elf Verdachtsfälle. Für den Fall der Fälle stehen 90 Beatmungsplätze zur Verfügung. Im Übrigen setzt Rauch hohe Erwartungen in den neuen Antigentest, der im Gegensatz zum seitherigen Verfahren rasche Ergebnisse liefern soll. Der Mediziner legte den Bürgern zugleich nahe, ein Kontakt-Tagebuch zu führen: „Ich fände es hilfreich, wenn jeder abends vor dem Zähneputzen kurz überlegt, mit wem er den Tag über Kontakt hatte, und sich das notiert.“ Das würde dann die Nachverfolgung erleichtern.

Sigel und Zull appellierten an die Einsicht der Bürger und riefen dazu auf, die Grundregeln einzuhalten: Abstand halten, auf Hygiene achten und Alltagsmaske tragen – und größere Ansammlungen von Menschen meiden.

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Erstellt:
14. Oktober 2020, 16:44 Uhr

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