Die Freiheit kehrt schrittweise zurück

Da die 7-Tage-Inzidenz fünfmal in Folge unter 50 lag, greifen von heute an weitreichende Lockerungen im Rems-Murr-Kreis. Darüber hinaus kann sich nun jeder, der möchte, um einen Impftermin bemühen. Doch der Impfstoff ist nach wie vor knapp.

Dass beim Shoppen die Testpflicht entfällt, begrüßen sowohl Schwarzmarkt-Geschäftsführer Markus Sammet als auch seine Kundin. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Dass beim Shoppen die Testpflicht entfällt, begrüßen sowohl Schwarzmarkt-Geschäftsführer Markus Sammet als auch seine Kundin. Foto: J. Fiedler

Von Melanie Maier

BACKNANG. Mit den sinkenden Inzidenzzahlen kehrt die Normalität, wie sie vor der Coronapandemie war, schrittweise zurück. Fünfmal lag die 7-Tage-Inzidenz im Rems-Murr-Kreis unter 50, damit sind weitere Lockerungen möglich. Nun dürfen sich unter anderem wieder bis zu zehn Personen aus maximal drei Haushalten treffen. Nicht mitgezählt werden dabei Kinder bis einschließlich 13 Jahre, vollständig Geimpfte sowie Genesene, deren Covid-19-Erkrankung nicht länger als sechs Monate zurückliegt. Was ist sonst noch alles möglich? Und wie sehen die weiteren Schritte aus? Ein Überblick.

Aufhebung der Impfpriorisierung

Seit gestern kann sich jeder, der möchte, um einen Impftermin bemühen. Die Impfpriorisierung ist (für Personen ab zwölf Jahren) nun auch in den Impfzentren im Land aufgehoben worden. Hausärzte können bereits seit 17. Mai selbst entscheiden, wen sie als Nächstes impfen. Dennoch wird es für den einen oder anderen wohl noch eine Weile dauern bis zum erlösenden Piks. „Der Impfstoff ist nach wie vor knapp im Rems-Murr-Kreis“, sagt Leonie Ries vom Landratsamt. Nichtsdestotrotz bleibt es das Ziel des Sozialministeriums, bis Ende des Sommers jedem Impfwilligen ein Impfangebot machen zu können. Kinder und Jugendliche sollen im Südwesten nur in Ausnahmefällen geimpft werden, zum Beispiel bei Vorerkrankungen.

Seit gestern impfen in vielen Firmen auch die Betriebsärzte. Allerdings stehen ihnen – wie den Hausärzten – aktuell nur überschaubare Mengen an Impfstoff zur Verfügung. Der Rat des Landratsamts lautet daher, weiter auf allen Kanälen zu versuchen, einen Termin zu bekommen.

Einkaufen ohne Voranmeldung

Für den Einzelhandel entfallen dank der neuen Coronaverordnung, die seit gestern in Kraft ist, Click&Meet sowie die vorherige Testpflicht. In und vor den Läden sowie auf den Parkplätzen muss jedoch nach wie vor eine Maske getragen werden. Für die Inhaber der Läden ist der Wegfall der Testpflicht (seit 31. Mai) eine große Entlastung. „Das hat uns enorm geholfen“, sagt beispielsweise Markus Sammet von dem Bekleidungsgeschäft Schwarzmarkt in Backnang. In der vergangenen Woche habe er fast schon wieder normale Umsätze gehabt, berichtet Sammet, „die Hemmschwelle bei den Kunden, hereinzukommen, ist dadurch stark gesunken“. Vorher mussten er und seine Kollegen vor dem Betreten des Ladens nach einem aktuellen Test fragen. „Viele Kunden haben gleich an der Tür gesagt: ‚Dann komme ich wieder, wenn ich keinen Test mehr brauche‘“, sagt Sammet. Auch deshalb hofft er, dass bald noch mehr der Vorgaben fallen. Denn kompliziert ist es mit den Coronaregeln nach wie vor: Im Schwarzmarkt dürfen sich momentan zehn Personen zeitgleich aufhalten, wobei Genesene, Getestete und Geimpfte nur als halbe Person zählen.

Schwimmen im Freibad

Für die Freibäder fiel der Startschuss bereits vor einer Woche. Da die Inzidenz lange genug unter 100 war, durften sie am Montag, 31. Mai, aufmachen. Das „Bädle“ in Erbstetten etwa öffnete gleich am erstmöglichen Tag seine Tore. Das Freibad in Murrhardt folgte am Samstag, 5. Juni, das Backnanger Freibad ist erst seit gestern geöffnet. In Erbstetten sei die Saison verhalten angelaufen, berichtet Bürgermeisterin Irmtraud Wiedersatz: „Die letzten vier Tage haben wir einfach Pech gehabt mit dem Wetter.“ So langsam ziehe der Kartenvorverkauf aber an und normalisiere sich, so die Rathauschefin. „Jetzt brauchen wir nur noch schönes Wetter!“ Bis die Inzidenz fünf Tage in Folge unter 35 liegt, gilt auch für das „Bädle“: Zutritt haben nur Geimpfte, Getestete und Genesene. Wiedersatz hofft darauf, dass Freibadbesuche bald auch ohne Schnelltest möglich sind. Das wäre der Fall, wenn die Inzidenz fünfmal in Folge unter 35 liegt (siehe unten).

Präsenzunterricht mit Maskenpflicht

Bei den Schulen treten Lockerungen immer erst am zweiten Tag nach der Bekanntmachung der niedrigeren Inzidenz in Kraft. Im Rems-Murr-Kreis ist das am Mittwoch, 9. Juni, wieder der Fall. Nach den Grundschulen kehren dann auch die weiterführenden Schulen zurück zum Regelbetrieb unter Pandemiebedingungen, also zum Präsenzunterricht mit Masken- und Testpflicht. Getestet wird nach wie vor zweimal pro Woche, sagt Sabine Hagenmüller-Gehring, die das Staatliche Schulamt in Backnang leitet. „Alle Schulen haben die Möglichkeit, noch bis zu drei Tage zur Vorbereitung zu verwenden und solange beim Wechselunterricht zu bleiben“, sagt sie. Als Herausforderung sieht sie den heutigen Beginn der Prüfungen an den weiterführenden Schulen an, der mit einem hohen Organisationsaufwand verbunden ist. Hagenmüller-Gehring begrüßt, dass mit den Lockerungen mehr möglich ist, etwa Sport im Freien, Tagesausflüge oder schulische Veranstaltungen zur Berufsorientierung. „Bei vielen Schülern hatte sich eine Perspektivlosigkeit breitgemacht. Die Öffnungen sind befreiend.“

Mehr Kultur möglich

Seit heute dürfen Archive, Büchereien, Galerien und Museen ohne Auflagen wieder öffnen. Kulturveranstaltungen in Opern, Theatern und Kinos sind außen und innen wieder mit einer begrenzten Personenzahl möglich. Wobei das nicht allen Betreibern etwas bringt: Das Kino Universum in der Sulzbacher Straße in Backnang etwa öffnet erst am 1. Juli. „Wir haben ein Belieferungsproblem“, erklärt die Inhaberin Annegret Eppler. „Kein Verleih gibt einen Film heraus, wenn nicht genügend Kinos auf sind.“ Für sie sei es, anders als in den anderen Branchen, nicht relevant, welche Regeln im Rems-Murr-Kreis gelten. „Dass die Kinos eine einheitliche Lösung brauchen, wurde von der Politik leider vergessen“, sagt Eppler. Die Verbände hätten sich abgesprochen und auf das gemeinsame Öffnungsdatum 1. Juli geeinigt. Welche Regeln dann gelten, bleibt abzuwarten.

Im Restaurant sitzen bis um 1 Uhr nachts

„Die verlängerten Öffnungszeiten, die werden sehr viel bringen fürs Geschäf,“ sagt Dimitrios Pinakas vom Restaurant Storchen in Backnang. Bis 1 Uhr nachts darf er nun öffnen statt bis 21 Uhr. Das sei für ein gemütliches Abendessen viel zu kurz gewesen, erklärt er. Momentan dürfen nur Getestete, Geimpfte und Genesene Restaurants und Cafés besuchen. Pinakas hofft, dass am Donnerstag die Testpflicht für die Außengastronomie entfällt, und nur noch Gäste, die innen sitzen möchten, einen Test vorweisen müssen. „Letzte Woche hat es sehr gut geklappt mit den Tests“, sagt er. „Heute haben es manche ohne Test probiert.“

Mit Test zum Sport

In Sportstudios ist kontaktarmer Sport wieder erlaubt. So ist das Gerätetraining im Fitnessclub Asahi in Murrhardt zum Beispiel wieder möglich, Kurse soll es erst ab der kommenden Woche geben. „Step by step“, sagt der Betreiber Emre Polat, „wir warten erst einmal ab.“ Viele seiner Mitarbeiter haben eine Schulung absolviert und dürfen vor Ort Schnelltests ausführen, daher ist die Testpflicht für Fitnessstudiomitglieder, die keinen Test mitbringen, kein Problem.

Aussicht auf weitere Lockerungen

Sollte die 7-Tage-Inzidenz morgen noch einmal unter 50 liegen, würden am Donnerstag, 10. Juni, weitere Öffnungsschritte in Kraft treten. In vielen Bereichen entfiele die Testpflicht. Lockerungen gäbe es zudem für Feiern im Gastgewerbe, Messen und Ausstellungen sowie Kultur- und Vortragsveranstaltungen.

Weitere Infos: https://cutt.ly/3nQTGEV

Schwimmen trotz des schlechten Wetters: Der neue Oberbürgermeister Maximilian Friedrich freut sich darüber, dass das Backnanger Freibad wieder geöffnet ist. Foto: Stadt Backnang

Schwimmen trotz des schlechten Wetters: Der neue Oberbürgermeister Maximilian Friedrich freut sich darüber, dass das Backnanger Freibad wieder geöffnet ist. Foto: Stadt Backnang

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Erstellt:
8. Juni 2021, 06:00 Uhr

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