„Die Geringschätzung schmerzt“

Vom Lockdown sind auch die Kosmetikstudios betroffen, obwohl hier die Hygiene großgeschrieben wird. Nun hoffen viele in der Branche wie Birgit Haerer aus Auenwald auf ein baldiges Ende der Schließungen und ein gutes Weihnachtsgeschäft.

Birgit Haerer aus Auenwald hat schon vor der Coronapandemie auf einen hohen Hygienestandard geachtet. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Birgit Haerer aus Auenwald hat schon vor der Coronapandemie auf einen hohen Hygienestandard geachtet. Foto: A. Becher

Von Simone Schneider-Seebeck

BACKNANG/AUENWALD. Dieser Tage ist die 6. Coronaverordnung des Landes Baden-Württemberg in Kraft getreten. Unter anderem betroffen sind Kosmetiksalons, die – vorläufig – bis Ende November geschlossen bleiben müssen. Das trifft die Betreiber bis ins Mark. Manche Aussagen sind kurz und heftig: „Wie würde es Ihnen gefallen, wenn Sie nicht mehr arbeiten könnten?“, fragt ein Kosmetikstudiobesitzer aus dem Backnanger Raum verbittert zurück. Auch dass Gastronomen wieder schließen müssen, ist seiner Ansicht nach nicht gerechtfertigt. Doch ändern lässt sich diese Zwangspause nicht, auch wenn sie vielerorts auf Unverständnis stößt. Eine Salonbesitzerin, die nicht namentlich genannt werden möchte, sieht im Kosmetiksalon nicht den Ursprung für die steigenden Ansteckungszahlen: „Die Maßnahmen werden ja alle eingehalten. Außerdem ist man mit dem Kunden allein im Salon. Es kommen ja keine Massen zusammen“, fügt sie hinzu.

Eine andere Kosmetikerin, die seit vielen Jahren in ihrem Beruf arbeitet und ebenfalls anonym bleiben möchte, versteht ebenfalls nicht, warum es nun wieder die Kosmetiksalons getroffen hat, bei denen seit jeher viel Wert auf hygienisch einwandfreies Arbeiten gelegt wird: „Die Kunden sind wirklich geschützt, mit separatem Mundschutz für jeden Kunden, die Decken werden nach Gebrauch desinfiziert, gleich nach dem Betreten des Salons müssen die Hände gewaschen und desinfiziert werden.“ Ihrer Ansicht nach werden nun Personen und Lokalitäten getroffen, die sich am wenigsten wehren könnten. Da sei die Ansteckungsgefahr bei privaten Treffen wesentlich größer.

„Gerade für Studios, die erst kürzlich aufgemacht haben, ist es schwer, das zu überleben.“

Besonders bitter – eine Kosmetikbehandlung ist eine äußerst sensible Sache, ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Kundin und Kosmetikerin ist essenziell. Zudem lebt ein Kosmetikstudio nicht nur von Behandlung und Beratung, sondern auch vom Verkauf der passenden Produkte. Bereits beim Lockdown vom Frühjahr habe sich gezeigt, dass Kunden dazu übergegangen sind, diese im Internet zu bestellen. Und es steht zu befürchten, dass dies auch so bleibt, denn der Versand ist meistens portofrei und natürlich ist es bequem, wenn man keinen Fuß vor die Tür setzen muss. Gerade erst haben die meisten Kunden den Weg wieder zurück in den Salon gefunden und nun gibt es wieder eine Zwangspause, wobei ja nicht einmal sicher ist, ob im Dezember wieder geöffnet werden kann.

„Gerade für Studios, die erst kürzlich aufgemacht haben, ist es schwer, das zu überleben“, so die Befürchtung. Denn einen Kundenstamm und das wichtige Vertrauen aufzubauen, sei ein langer Prozess. Zwar gebe es Unterstützung vom Staat, doch es sei nicht damit getan, den Vorjahresumsatz auszugleichen. Der Verlust gehe tiefer und könne sich über einen wesentlich längeren Zeitraum hinziehen, gerade in Bezug auf weniger Kundschaft und geringeren Umsatz durch Kosmetikprodukte, die nun eben online ihren Käufer finden.

Birgit Haerer aus Auenwald sieht die Situation differenziert. Sie könne nachvollziehen, dass bei den rasant steigenden Infektionszahlen reagiert werden müsse. Doch auch für sie und ihr Kosmetikstüble ist die Situation nicht einfach. Schon vor der Coronapandemie habe sie sehr auf einen hohen Hygienestandard geachtet, und seit der Wiedereröffnung im Frühjahr trage sie prinzipiell Mundschutz und Faceshield, um nicht nur sich selbst, sondern auch die Kundin zu schützen, die ja keinen Mundschutz tragen könne. Vliesauflage, Hände und Arbeitsmaterial würden nach jeder Behandlung desinfiziert, zudem seien die Termine so getaktet, dass sich nur jeweils eine Person außer ihr im Studio befinde, es gebe daher keinerlei Interaktion zwischen den Kunden. Sollte es doch zu einer Überschneidung kommen, werde draußen gewartet, was bei der gemütlichen überdachten Sitzecke unproblematisch möglich ist.

Dass die Friseure weiterhin geöffnet haben dürfen, freue sie, erklärt Kosmetikerin Haerer. Das liege ihrer Ansicht nach daran, dass ein Friseur hauptsächlich hinter dem Kunden stehe, während sich die Kosmetikerin über den Kunden beugen müsse. Doch etwas habe sie sehr geschmerzt, als sie in der vergangenen Woche von der kurzfristigen Schließung erfahren habe. „Unsere Dienstleistung wird als nicht wichtig bezeichnet, das hat mir schon wehgetan.“ Seit 41 Jahren arbeite sie in diesem Beruf, mittlerweile 25 Jahre lang ist sie selbstständig, doch durch diese Feststellung sehe sie sich und ihre Tätigkeit als abqualifiziert an.

Erst Anfang Herbst hatte sie eine größere Bestellung an Kosmetikprodukten aufgegeben, die mittlerweile auch eingetroffen ist. „November und Dezember sind durch das Weihnachtsgeschäft am umsatzstärksten“, erklärt Haerer. Und nun müsse man eben abwarten, wie sich die Situation entwickle. „Die Sicherheit meiner Kunden liegt mir sehr am Herzen“, betont sie. Auch jetzt bleibe sie in ständigem Kontakt mit ihnen.

Und was steht nun im November an? Da werde sie das erledigen, was sonst gern nach hinten geschoben wird, erklärt Haerer und lacht, beispielsweise gebe es nun viel Zeit für Büroarbeiten und Buchhaltung. Und sie überlegt sich, welche Aktionen sie für Weihnachten anbieten könnte. Noch sei nicht klar geregelt, ob während der Schließung der Verkauf weiterlaufen könne.

Doch trotz aller Unsicherheiten akzeptiert Birgit Haerer die Maßnahmen und ergänzt: „Ich bin froh, dass wir hier in Deutschland sind, vonseiten der Regierung wird geholfen, wie es geht.“ Bisher sei kein Kunde weggeblieben und Haerer hofft zuversichtlich darauf, dass es im Dezember wieder weitergehen wird.

Dienstleistungen, die nicht für den alltäglichen Bedarf unabdingbar sind, sind geschlossen.

In der aktuellen Coronaverordnung wird das Schließen körpernaher Dienstleistungen dadurch gerechtfertigt, dass das Infektionsgeschehen zu 75 Prozent nicht mehr nachvollziehbar sei. Daher sollten soziale Kontakte reduziert werden.

Bund und die Länder haben sich „darauf verständigt, Dienstleistungen, die nicht für den alltäglichen Bedarf unabdingbar sind, zu schließen“. Darunter fallen unter anderem auch Kosmetikstudios.

Die Bundesregierung hat eine sogenannte „Novemberhilfe“ aufgelegt als außerordentliche Wirtschaftshilfe für Unternehmen, Betriebe, Selbstständige, Vereine und Einrichtungen, deren Betrieb aufgrund der zur Bewältigung der Pandemie erforderlichen Maßnahmen temporär geschlossen wird. Dies erfolgt in Form einer einmaligen Kostenpauschale.

Das Programm soll voraussichtlich rund zehn Milliarden Euro umfassen. Es sollen Zuschüsse pro Woche der Schließungen in Höhe von 75 Prozent des durchschnittlichen wöchentlichen Umsatzes im November 2019 gewährt werden. Soloselbstständige können als Vergleichsumsatz alternativ den durchschnittlichen Monatsumsatz im Jahre 2019 zugrunde legen.

Bei Antragsberechtigten, die nach dem 31. Oktober 2019 ihre Geschäftstätigkeit aufgenommen haben, kann als Vergleichsumsatz der Monatsumsatz im Oktober 2020 oder der monatliche Durchschnittsumsatz seit Gründung gewählt werden.

Anträge können über https://www.ueberbrueckungshilfe-unternehmen.de/ gestellt werden. Gleichzeitig wird interessierten kleinen Unternehmen eine zusätzliche Hilfe über Kreditprogramme der Kreditanstalt für Wiederaufbau zur Verfügung gestellt. Der KfW-Schnellkredit soll nun auch für Soloselbstständige und Unternehmen mit bis zu zehn Beschäftigten offenstehen.

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Erstellt:
11. November 2020, 06:00 Uhr

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