Dritter Lockdown ist vor Ostern doppelt ärgerlich

Martin Windmüller vom Backnanger Stadtmarketing lotet bereits Möglichkeiten einer schnellstmöglichen Wiedereröffnung aus.

Die Einzelhändler müssen nun wieder auf „Click & Collect“ umstellen. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Die Einzelhändler müssen nun wieder auf „Click & Collect“ umstellen. Foto: A. Becher

Von Matthias Nothstein

BACKNANG. Die Inzidenz ist in der vergangenen Woche an drei Tagen hintereinander über dem Wert von 100 gelegen, weshalb von heute an wieder alle Einschränkungen gelten, die das Land aufgrund der aktuellen Coronaverordnung erlassen hat: Neben den Kontaktbeschränkungen oder der Maskenpflicht bedeutet dies für den Einzelhandel, wenn er nicht gerade Produkte des täglichen Bedarfs verkauft, eine sofortige Umstellung des Betriebs auf „Click & Collect“.

Über die Verschlechterung der Situation ist Martin Windmüller vom Vorstand des Stadtmarketingvereins überhaupt nicht glücklich, zumal er „ziemliches Bauchweh hat, dass sich das jetzt über einige Zeit hinzieht“. Der Chef des Backnanger Wäschehauses bezeichnet den dritten Lockdown als doppelt ärgerlich, weil wieder die geschenkintensiven Zeiträume Weihnachten und Ostern betroffen sind, Ostern nun schon zum zweiten Mal.

„Wir haben in den vergangenen Wochen zwar gute Geschäfte gemacht und Luft holen können, das war auch dringend nötig. Aber den Umsatzrückstand konnten wir nicht aufholen.“ Der Geschäftsmann hat sich zuletzt jedoch über manch eine Rückmeldung der Kunden gefreut, die oft sinngemäß sagten: „Wir haben extra mit unseren Einkäufen gewartet und nicht online gekauft, um den Einzelhandel vor Ort zu stärken.“

Trotz des mehr als ärgerlichen Lockdowns hat Windmüller Verständnis für die Verantwortlichen: „Ich weiß, der Landkreis versucht einiges, um dem Einzelhandel und den Gastronomen zu helfen.“ So berichtet er etwa von einem Gremium, das sich am Mittwoch mit Landrat Richard Sigel trifft. Ihm gehören zwei Einzelhändler, zwei Gastronomen, zwei Bürgermeister (Reinhold Sczuka/Althütte und Thomas Bernlöhr/Welzheim), zwei Oberbürgermeister (Andreas Hesky/ Waiblingen und Gabriele Zull/Fellbach) sowie Vertreter der IHK an. Bei dem Treffen geht es um die Frage, was man jetzt schon tun kann. Der Kreis hat laut Windmüller den Gesprächsfaden aufgenommen, um Möglichkeiten einer schnellstmöglichen Wiedereröffnung mit einer erweiterten Teststruktur oder etwa der Luca-App auszuloten,

Jens Steinat, der stellvertretende Vorsitzende der Ärzteschaft Backnang und der Pandemiebeauftragte der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg für den Rems-Murr-Kreis, veröffentlichte jetzt einen „Aufruf zur Geschlossenheit“. Als Mitglied des erweiterten Krisenstabs des Rems-Murr-Kreises erklärt er: „Ja, es ist alles anstrengend. Für diejenigen, die zu Hause sind und nicht arbeiten dürfen oder können, aber auch für diejenigen, auf deren Schultern die Arbeit nun liegt. In der ersten Welle hatten alle noch geklatscht und all denjenigen Dank gezollt, die die Versorgung der Bürger aufrechterhielten. Nach nunmehr über einem Jahr Pandemie kehrt Resignation und Verdruss ein. Verständlich, aber niemand kann etwas dafür, dass ein Virus uns in Atem hält und unser Leben und unsere Gesellschaft durcheinanderbringt.“ Der Allgemeinmediziner betont, dass in einer Situation der schnellen Virusausbreitung, der schleppenden Impfungen und der Gefahr weiterer Mutationen vor allem Geschlossenheit gefragt ist: „Es ist nicht die Zeit, der Politik und den Verantwortlichen Vorwürfe zu machen. Die Politik ist zum Getriebenen unser aller Wünsche und Verhaltens und unseres Ärgers geworden. Es ist Zeit, dass jeder sich auf unser aller Gemeinwohl besinnt und sein Bestes zum Schutze von uns allen tut.“ Der Facharzt erklärt unmissverständlich: „In der jetzigen Situation persönliche Lebensphilosophien gegenüberzustellen und Gerichte zu beschäftigen, das Demonstrationsrecht auszunutzen und andere dadurch in Gefahr zu bringen, ist nicht im Sinne der Verantwortung für unser Land. Nur wenn wir eine niedrige Inzidenz erreichen, ist ein halbwegs normales Leben wieder möglich.“

Steinat schreibt allen Mitbürgern ins Stammbuch: „Wir müssen wieder lernen, pragmatisch zu handeln und die Bürokratie beiseitezuschieben. Nur ein Miteinander im Rahmen eines zwingenden grundlegenden Konsenses und eines pragmatischen Vorgehens kann dazu beitragen, die dritte Welle zu brechen und diese zur letzten werden zu lassen.“

Die Landräte Sigel und Bernhard fordern „kreisscharfe Impfquoten“

Mit Blick auf eine gerechte Verteilung der nach wie vor knappen Impfstoffmengen haben sich die Landräte der Kreise Rems-Murr, Richard Sigel, und Böblingen, Roland Bernhard, in einem gemeinsamen Schreiben an das Sozialministerium gewandt.

Der Deutsche Landkreistag hatte sich vor wenigen Tagen an das Robert-Koch-Institut (RKI) gewandt, ebenfalls mit der Bitte einer tagesaktuellen Information über den Stand der Impfungen je Landkreis. Das RKI stützt diese Forderung der Kreise. Detaillierte Angaben zum Impfgeschehen, etwa nach Alter und Kreis aufgesplittet, seien notwendig für die Einschätzung der Lage vor Ort.

Im Schreiben des RKI-Präsidenten Professor Lothar Wieler heißt es, die Bereitstellung kreisscharfer Daten scheitere aktuell aber auch daran, dass nicht alle Bundesländer das digitale Impfquoten-Monitoring (DIM) für die Impfdatenübermittlung nutzen.

Die Landräte Sigel und Bernhard schreiben: „Wir wenden uns an Sie, Herr Minister, mit der dringenden Bitte, auf eine einheitliche Übermittlung via DIM zu drängen. Und seitens Baden-Württemberg selbst, wenn nicht schon geschehen, ebenfalls diesen Meldeweg zu nutzen.“ Man benötige endlich ein transparentes und kreisscharfes Impf-Monitoring, um die Unwuchten ausgleichen zu können, die dadurch entstanden sind, dass der Impfstoff nicht nach Einwohnerzahlen verteilt wird. Landkreise, die bei der Durchimpfung hinterherhinken, müssten aufholen können.

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Erstellt:
30. März 2021, 06:00 Uhr

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